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Maries Modelcheck: Paris Fashion Week: War es die letzte Chanel-Show von Karl Lagerfeld?

Mit Nobi Talai und Talbot Runhof sorgen zwei deutsche Modelabel auf der Pariser Fashion Week für Aufsehen. Dazu: Kaia Gerber darf keine Selfies machen, Hedi Slimane revolutioniert Celine und ist Karl Lagerfeld bereit für den Rückzug aus der Modewelt?

Von Marie von den Benken

Karl Lagerfeld nach der Chanel-Show bei der Fashion Week in Paris

Karl Lagerfeld nach der Chanel-Show bei der Fashion Week in Paris

DPA

Die Spring-Summer-Saison ist für den Fashion-Zirkus seit jeher die wichtigste, aber auch die hektischste Zeit des Jahres. Mit den Prêt-à-porter-Schauen für Damen endet der Fashion-Zyklus nach Stationen in Berlin, New York, London und Mailand traditionell mit seinem Höhepunkt, der Paris Fashion Week. Prêt-à-porter, oder Ready-to-wear, wie es in New York und London heißt, ist die für die Modelabel zumindest wirtschaftlich betrachtet interessanteste Kollektion des Jahres. Die vorgestellten neuen Stücke sind für den weltweiten Verkauf an Endkunden in größerer Menge entworfen worden und können direkt im Anschluss an ihre Präsentation von Einkäufern der großen internationalen Kaufhäuser und von Mode-Geschäften geordert werden. Bei einigen Designern gehen die Kollektionsteile tatsächlich noch am Tag der Runway-Show zurück an die Kleiderständer in großen, opulenten Showrooms, damit direkt nach dem Défilé die wichtigsten Verkäufe generiert werden können.

Quasi vom Model direkt in den Verkauf. Eine zwar stressige, aber auch enorm wichtige Disziplin, denn nicht für jeden Designer ist die Fashion Week – wie für einige ganz große Häuser – nur der beste Marketing-Touchpoint. Sie sehen die Fashion Week eher als Möglichkeit, der Welt mit einer gigantischen Inszenierung die Bedeutung ihres Brands und den eigenen Mythos auszubauen. Der durchschnittliche Designer muss natürlich auch verkaufen. Das klingt weniger glamourös, als sich darauf konzentrieren zu können, welche Megastars in der Front Row, der berühmten ersten Reihe direkt am Catwalk, sitzen. Dass sich dort euphorisch klatschende Stars wie Alicia Vikander, Natalie Portman oder Rihanna für ihre Auftritte als Magnet für Pressefotografen fürstlich bezahlen lassen, tut der Stimmung keinen Abbruch.

Let Me Influence You

Zwischen den A-List-Celebrities tummeln sich mehr und mehr auch Influencer auf den Schauen der Modewoche und hoffen darauf, fotografiert zu werden, in einschlägigen Foto-Agentur-Dateien zu landen und dann als "Paris Street Style Celeb" in irgendwelchen russischen Mode-Magazinen zu landen. Trotz ihrer teilweise siebenstelligen Follower-Zahl auf Instagram, dem neuen Wertekatalog für Marketing-Azubis, sieht das zumindest in Paris immer ein wenig so aus, als hätte sich Costa Cordalis mal heimlich zu Coldplay auf die Bühne geschmuggelt, aber das ist eine andere Geschichte.

Heute soll es um Mode gehen – und in Paris mischt da ein relevanter Anteil deutscher Labels mit. Schon seit vielen Jahren stellt beispielsweise das Münchener Designer-Duo Talbot Runhof in Paris seine neuen Kollektionen vor. Als offiziell vom Chambre Syndicale de la Couture Parisienne zur Fashion Week zugelassener Teil des Spektakels haben Adrian Runhof und Johnny Talbot ihren festen Platz in der Modewelt. Mit ihren spektakulären Outfits kleiden sie mittlerweile auch Celebrities wie Kim Kardashian, Selena Gomez, Kristen Steward, Rita Ora, Kendall Jenner oder Alessandra Ambrosio – sowie kleine stern-Kolumnistinnen wie mich.

Als familiäres Unternehmen aus Deutschland ein recht großes Rad, das Adrian und Johnny dort drehen. Aber keines, das man geschenkt bekommt. Es ist ein ziemlicher Kampf, den Adrian Runhof mir wie folgt beschreibt: "Wir stehen hier in Konkurrenz mit den ganz großen Labels der Branche. Wir müssen so gut sein, wie die größten Brands der Welt. Die mit den großen Namen und den großen Budgets. Und den größten Egos. Da müssen wir uns durchsetzen."

Celebrity Dressing als Marketing-Waffe

Viel Aufmerksamkeit bringen den Designern natürlich Beiträge in den großen Modemagazinen. Vieles läuft dabei über Stars, die ein Kleid zu einem offiziellen Anlass tragen. Diese spezielle PR-Variante nennt sich "Celebrity Dressing". Meistens läuft so was über die Stylisten der Stars, die für die oftmals 300 Auftritte pro Jahr je ein Outfit brauchen. Also versucht man, die Stylisten auf seine Seite zu ziehen. Da wird dann auch schon mal eine schöne Uhr verschenkt oder ein Wellness-Urlaub. So steigen die Chancen, dass ein Star auf einem Event mal dein Kleid trägt. Mit etwas Glück gelingt sogar der große Wurf. Es gibt Momente, die für Modelabels den Durchbruch bedeuten können. 1998 trug die Schauspielerin Kim Basinger bei der Oscar-Verleihung ein später legendär gewordenes, mintgrünes Kleid von Escada. Und wie das Schicksal manchmal so spielt, gewann sie überraschend den Oscar als beste Nebendarstellerin für "L.A. Confidential", nahm ihn in jenem Escada-Kleid entgegen und sorgte für Champagner-Laune bei Escada. Gut, den späteren Absturz des Labels in die totale Bedeutungslosigkeit konnte auch dieser perfekte PR-Moment nicht verhindern, aber Ende der 90er Jahre war Escada damit ein Top-Player.

Das Elie-Saab-Momentum

Ähnlich erging es dem 2002 noch weitestgehend unbekannten Label Elie Saab. Halle Berry trug ihr Tüll-Kleid mit transparentem Blümchen-Oberteil, gewann den Oscar als beste Hauptdarstellerin für "Monster's Ball" als erste Afroamerikanerin überhaupt und katapultierte Elie Saab damit über Nacht zuerst in die Modemagazine der ganzen Welt und anschließend in die Köpfe der Modewelt. Heute ist Elie Saab von der Pariser Fashion Week nicht mehr wegzudenken. Genau wie die Berlinerin Nobieh Talaei. Als sie mit elf Jahren mit ihren Eltern aus dem Iran nach Deutschland flüchtete, war nicht abzusehen, dass sie mit ihrem Label Nobi Talai zu einem wichtigen Bestandteil der Pariser Fashion Week werden würde. Und doch zeigt sie diese Saison ihre "NT.07"-Kollektion vor den Augen von "Vogue"-Chefredakteurin Christiane Arp im geschichtsträchtigen Salle Pleyel an der Rue du Faubourg Saint-Honoré, einee der teuersten Einkaufsstraßen der Welt – und ist damit zweifelsfrei in der Beletage der Haute-Couture angekommen. 

Die Tage nach der Präsentation verbringt Nobieh gerne abseits der Modewelt, wie sie mir backstage verriet. "Ich bleibe vielleicht noch ein paar Tage in Paris, halte mich aber von der Fashion Szene fern. Vielleicht gehe ich auf den Flohmarkt." Nur zu verständlich, nach vielen sehr intensiven Monaten des täglichen Auseinandersetzens mit den neuen Entwürfen und der Vorbereitung des großen Tages auf der Modewoche. Aber unter uns gesagt: Gerade die Pariser Flohmärkte können auch eine ganz außergewöhnlich effektive Inspirationsquelle für neue Ideen sein.

Talk of the Town I: Alles neu bei Celine

Diese Saison besonders im Gespräch: Celine. Dem ehemaligen Dior und Saint-Laurent-Designer Hedi Slimane ist mal wieder langweilig geworden als Fotograf, also hat er beim Pariser Traditionshaus angeheuert.

Nachdem er die Kommunikation konsequent auf schwarz-weiß umgestellt und den Accent aigu über dem ersten "e" im Namen gestrichen hatte, präsentierte er auf einem riesigen Catwalk, der im Park vor dem Invalidendom aufgebaut wurde. Lady Gaga gab sich dort die Ehre und die Szene schaut gespannt, was Slimane mit Celine noch so anstellen wird. In seinen vier Jahren bei Saint Laurant jedenfalls gelang es ihm, die Umsätze um 150 Prozent zu steigern. Sollte ihm das bei Celine auch gelingen, wächst dort ein Gigant empor.

Talk of the Town II: Die Abschiedsvorstellung von Karl Lagerfeld in Paris?

Auch diese Saison lud Chanel wieder in den Grand Palais ein und erneut gelang Karl Lagerfeld eine Inszenierung, von der der Modenachwuchs noch lange lernen kann. Im Prachtbau zwischen Place de la Concorde und Champs-Élysées, der für Chanel-Shows in den Jahren zuvor bereits in einen Chanel-Supermarkt, Feminismus-Demos, Raketenstart-Terminals, Flughäfen, Spielcasinos oder Windkraftparks verwandelt wurde, empfing man die wichtigsten Köpfe der Fashion-Szene dieses Jahr an einem Strand. Es gab Sand, Dünen, Meeresbrandung und Möwengeschnatter. Die Models schlurften Barfuß durch die Brandung und das Genie himself, Karl Lagerfeld, grüßte von einem Holzsteg.

Die Fachpresse beschrieb seinen Auftritt als zerbrechlich. Nicht wenige Pressevertreter werteten das als Indiz dafür, es könnte die letzte Saison für den mittlerweile 85 Jahre alten Hamburger gewesen sein.

Alle kennen Chanel, niemand kennt mich

Ich persönlich kann dazu leider kein qualifiziertes Urteil abgeben, da Chanel nur eine begrenzte Anzahl sehr wichtiger Gäste zu seinen Shows einlädt und ich auf der nach unten offenen Chanel-Skala offensichtlich etwa im Wichtigkeits-Bereich "Schülerzeitung“ rangiere. Ich bin aber sicher, dass sich das unter der neuen Deutschland-PR-Chefin Madeleine Abeltshauser schon in der kommenden Saison ändern wird. Sehr subtil, oder? Ich bin die Königin der Zwischen-den-Zeilen-Botschaften. Mein Roman "Ein Abend bei Chanel" kommt also demnächst in eine Buchhandlung auch in deiner Nähe!

Bis dahin fließt aber noch viel Champagner die Kehlen der Models runter. Außer die von Kaia Gerber. Kaia ist nämlich erst 17 und durfte auf der "Karl Lagerfeld X Kaia Gerber"-Party, die zum Abschluss der Fashion Week einen schönen Höhepunkt abgab, nach 22 Uhr nicht mal mehr Selfies machen. Da ist die Gesetzeslage erbarmungslos – und das ist natürlich richtig. Pünktlich zur Modewoche im kommenden Jahr wird sie ihren 18. Geburtstag feiern (3. September) und dann wird alles einfacher in Paris. Arbeiten, feiern, Selfies machen. Und ich werde für euch natürlich wieder mit dabei sein.

Bis dahin: Alles Liebe, eure Marie

Stars und ihre Haustiere