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stern-Stimme Marie v. d. Benken: Die wahren Helden der Fashion Week – und warum sie viel zu selten geehrt werden

Eine Ode an die Helden der Fashion Week aus der zweiten Reihe: Stylisten und Make-up-Artists, die niemand sieht. Dazu ein Interview mit Alexander Dinter über Model-Magerwahn und die Bedeutung von Beauty-Partnern für die Fashion Weeks. 

Fashion Week Make-up-Artists

Die Helden jeder Fashion Week: Die Make-up-Artists und Stylisten

Getty Images

Stars in der Front Row, bekannte Models auf den Laufstegen. Eine Traube Fans vor der Location und Blitzlichtgewitter der Fotografen am roten Teppich. Auch wenn eine Chanel Show im Grand Palais in Paris mit Cara Delevingne oder Kaia Gerber auf dem Laufsteg deutlich mehr internationales Flair und größere Bedeutung für die Fashion-Welt ausstrahlt, als eine Show von Marina Hoermanseder vor dem E-Werk in Berlin, bei der Luisa Hartema oder Toni Dreher-Adenuga laufen: Es sind die selben Bilder, die bleiben.

Klar, in Paris sitzen Cindy Crawford, Anna Wintour oder Mario Testino in der Front Row der Shows, in ist man schon froh über Frauke Ludowig. Aber andersrum: Gibt es überhaupt einen deutschen Mario Testino? Die Stars sind die Gäste der Shows, um sie tummeln sich Presse, Sponsoren und Trittbrettfahrer, die sich mit erfundenen, völlig absurden Angaben über die Zugriffszahlen ihrer Mode-Blogs auf die Shows gemogelt haben. In den Magazinen strahlen sie dann um die Wette, die Stars und Sternchen auf den roten Teppichen und die bekannten Models auf den Laufstegen. In den schönsten Roben der ausstellenden Designer und mit aufwändig installierten Frisur-Kunstwerken.

Reichweite und Wahrnehmung ist die Währung der Fashion Week

So funktioniert das Geschäft, Reichweite ist die Währung, die es anzuhäufen gilt. Daher haben Influencer mittlerweile klassische Promis beinahe abgelöst. Die heimlichen Stars einer Modewoche sind sie aber alle nicht. Es sind die Männer und Frauen dahinter, die dafür sorgen, dass die Eleganz der auf die sie tragenden Protagonisten transferiert wird. Auf die Models und auf die Stars, die sie vor den Kameras der Mode- und Boulevardpresse schaulaufen. Teams aus Friseuren, Stylisten, Fittern, Dressern, Make-up-Artists und Hairstylisten. Ihre Leistung sieht man in den Hochglanz-Strecken der Zeitschriften und den Editorials der Mode-Magazine nicht – aber sie sind der Motor der Fashion Week, das Herz einer hektischen Industrie.

Eigentlich wichtiger als die Auswahl der Location ist daher die Wahl des offiziellen Beauty-Partners. Internationale Kosmetik-Spezialisten, die ihre besten Hairstylisten und Make-up-Artists zu den Modewochen schicken, um in der komprimierten Zeit vor Ort alle Looks zu entwickeln und dann an allen Models umzusetzen. Es ist nicht verwunderlich, dass dafür die Beauty-Crème-de-la-Crème benötigt wird. Bei den großen Modewochen sind daher die offiziellen Partner für Haare und Make-up Maybelline New York (Fashion Weeks London und New York), Toni & Guy (Fashion Week London) oder L'Oréal (Fashion Week Paris). In Berlin ist es bereits in der zweiten Saison La Biosthétique Paris. Auch ich persönlich begebe mich zu vielen Anlässen immer wieder begeistert in die Hände von "La Bio", wie das Familienunternehmen aus Pforzheim in der Branche abgekürzt wird.

Beauty-Helden aus der zweiten Reihe

Sie alle, die ungesehenen Experten der Schönheit, die Stars ohne Namen, ohne die eine Fashion Week nicht gelingen könnte, leisten grandiose Arbeit. Sie verwandeln hunderte wunderschöne junge Models in Fashion-Ikonen, die die Philosophie der Designer-Kollektionen perfekt zum Leben erwecken. Sie sollten in der Öffentlichkeit viel mehr gewürdigt werden. Exemplarisch für die Bedeutung, die von ihnen ausgeht, habe ich mich mit Alexander Dinter getroffen, um mit ihm über das Geschäft mit der Schönheit und die Symbiose von Mode und Beauty zu sprechen. Dinter ist der International Creative Director von La Biosthétique Paris, dem offiziellen Beauty-Partner der Mercedes-Benz Fashion Week Berlin. Und somit während der Modewochen einer der Hauptverantwortlichen für die Stylings von bis zu 300 Models am Tag.

Ich erwische Alexander Dinter direkt nach der Fashion Week schon wieder zwischen Castings und Workshops. Trotzdem nimmt er sich viel Zeit, um mir einige interessante Einblicke in die internationale Beauty-Welt zu geben:

Wie wird man International Creative Director und was macht den Reiz aus?

Dinter: Ich bin jetzt zehn Jahre bei La Biosthétique, davor acht Jahre bei Aveda. Der Job ist sehr facettenreich. Ich entwickele auch Hairstyling-Produkte, bilde aus, spreche viel mit den Friseuren, die auf der ganzen Welt für uns arbeiten.

Gibt es im Team keine Unruhe oder schlechte Laune bei der Hektik auf der Fashion Week?

Nein, gar nicht. Es war toll. Alle wurden total gelobt. Trotz mehrerer Tage à 15 Stunden am Stück. Wir waren selber schon fast verblüfft, dass da gar nichts kam. Aber die Arbeit auf der Fashion Week ist ja für die Friseure auch interessant. Sie treffen Stars, lernen viel und können zu Hause in ihren Salons sagen, dass sie auf der Fashion Week im Einsatz waren. Das ist ja auch eine gute PR für ihre Salons.

Woher nehmt ihr die Inspiration für passende Looks zu 15 verschiedenen Kollektionen in so kurzer Zeit?

Wir treffen uns etwa zwei Tage vor der Fashion Week mit den Designern zu Look-Tests. Jeder Designer zwei Stunden. Da kommen einige mit einer klaren Wunschvorstellung, wie Isabell Vollrath zum Beispiel mit den eher klassischen Dutts. Andere Designer zeigen einfach ihre Klamotten und sagen: "Dann macht uns mal einen Vorschlag." Beides ist okay. Nur wenn man die Kollektion gar nicht kennt, ist es sehr schwer, das Passende zu entwickeln.

Du siehst unzählige auf einer Fashion Week. Findest du auch, so war mein Eindruck, dass der Magerwahn auf den Laufstegen nachgelassen hat?

In sieht man dünnere Models, ja. Ganz große Labels achten noch mehr drauf. Die nehmen nur extrem Dünne. Berlin sieht da gesünder aus. Klar, auch da sind die Mädchen schlank und groß, denn das sieht an den Samples eben besser aus, leider! Ich sehe auch oft Models, wo ich sage – so dünn, das ist doch null attraktiv. Ich verstehe auch die Haltung der Branche dahinter nicht. Wir bei La Biosthétique achten daher durchaus darauf, nicht nur so dürre Mädchen für unsere Produkte zu casten. Aber wir machen ja auch keine Mode.

Was war dein Highlight der Fashion Week Berlin?

Puh, da gab es einige. Zum Beispiel Danny Reinke. Die sind jung, ich glaube sogar, die waren zum ersten Mal dabei. Der Look war spannend. Man merkte, die brennen. Die wollen unbedingt. Und natürlich Botter. Die waren speziell, aber ich finde Humor wichtig. Gibt es selten in der Mode. Aber die waren nicht nur lustig und unterhaltend. Die machen trotzdem tolle Mode. Toll fürs Auge. Tolle Modelle. Eine Leichtigkeit. Oder auch Irene Luft. Da hatten wir so eine Art Sumo-Schleife hinten in den Haaren. Hat mir sehr gefallen.

Was bringt es Partnern wie La Biosthétique, bei einer Fashion Week dabei zu sein?

Also für uns als eher sehr klassische High-End-Marke ist es wichtig, auch mal so was wie Botter zu machen. Es ist schön zu zeigen, dass wir das auch können. Das ist wichtig für unser Image. Und natürlich, mit unseren internationalen Salons zusammen zu kommen und mit ihnen gemeinsam zu arbeiten.

Welche Bedeutung hat der Mode-Standort Berlin, beispielsweise im Vergleich zu Paris?

Also ich freue mich, dass es Berlin noch gibt. Auch, dass HUGO wieder mit dabei ist. Die geben ja immer richtig Gas mit tollen Shows und Parties. Aber im direkten Vergleich sind wir von Paris, London und New York natürlich weit weg. Wir Deutschen bauen tolle Autos, in der Mode haben wir aber vergleichbar wenig. Das ist vielleicht historisch bedingt. Es gab mal Jil Sander, aber da ist heute eine Lücke. Noch.

Das stimmt. Aber um so wichtiger, die jungen Designer hier zu fördern. Wie durch den Berliner Salon mit der VOGUE, oder?

Absolut. Das finde ich ganz wichtig. Wir haben ja ein paar tolle Designer, darum ist Berlin relevant!

Du kannst es ja beurteilen, denn ihr seid ja mit den deutschen Designern auch in Paris, wenn sie es auf die Fashion Week dort geschafft haben?

Genau, du warst ja selber auch schon dabei. Zum Beispiel Talbot Runhof. Da haben wir bestimmt schon zehn Shows in Paris gemacht. Aber auch LookBooks, Shootings und andere Events. Oder Nobi Talai.

Ist Paris auch in der Vorbereitung anders als Berlin?

Stressiger. Die Stadt ist größer, die Shows sind nicht an einem Ort und ständig von A nach B zu kommen ist anstrengend. Dann sind die Models oft spät dran. Das Atelier von Nobi Talai ist hier in Berlin fünf Minuten von uns entfernt, wir kennen uns gut, da bin ich froh, dass wir es vorher hinbekommen.

"Curvy Supermodel" startet

Für mich stehen im Hinblick auf die Modewochen jetzt erst mal die weiteren Stationen der Spring/Summer 2019 Saison an, ab 14. September zum Beispiel die London Fashion Week. Auch darüber werde ich natürlich  berichten. Ende September geht es dann wieder nach Paris, wo ich mit Sicherheit auch wieder auf Alexander Dinter und sein Team treffen werde. Vorher wird es aber erst noch kurvig. Kommende Woche startet die dritte Staffel von "Curvy Supermodel" – auch das lasse ich mir natürlich nicht entgehen und werde standesgemäß an dieser Stelle Bericht erstatten.

Bis dahin: Alles Liebe, Eure Marie