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stern-Stimme Maries Modelcheck: Von Fashion-Geisterfahrern und GNTM-Talenten

Nippelgate auf dem Laufsteg, Telefonstreiche einer deutschen Designerin und die plötzliche Begeisterung von Michael Michalsky für das Rauten-Muster. Ein Rückblick auf die Sommer-Fashion-Week in Berlin.

Von Marie von den Benken

GNTM-Kandidatin Giuliana

GNTM-Kandidatin Giuliana auf dem Laufsteg von Michael Michalsky

Während in Hamburg mit 300-Euro-Thomas Sabo-Halstüchern vermummte Wohlstands-Gelangweilte Rewe-Supermärkte zerlegen, zerlegt 90-ICE-Minuten weiter in Berlin eine in Philipp Plein gehüllte Clique Halbstarker die Fashion Week. Sehe ich von oben bis unten in Plein gehüllte Typen, muss ich immer automatisch an Durchsagen wie "Achtung, Geisterfahrer auf der A7!" im Autoradio denken. Da sitzen sie nun, die Fashion-Geisterfahrer. Nur eine Reihe hinter mir. Vermutlich, weil ihr Cousin eine dieser Berliner PR-Agenturen ist, die nur aus einem tätowierten Hipster, einem Laptop und einem Soja-Macchiato im St. Oberholz bestehen, und ihnen ein Besucherticket für die Fashion Week organisiert hat.

Gemeinsam warten wir auf die neue Kollektion von Raquel Hladky, die sie bis vor wenigen Minuten noch für einen ungarischen Fußballprofi gehalten hatten. Kaum sind erste Models auf dem Catwalk, jubilieren sie: "Geil, die trägt keine Unterwäsche!" Sie scheinen ahnungslos, dass es insgesamt sympathischer ist, keine Unterwäsche zu haben, als beispielsweise keine Manieren, keinen Stil oder kein Hirn. Sichtbare Nippel auf dem Laufsteg sind für sie eine Sensation und das Kaufhaus Jandorf das Epi-Zentrum der Fashion Week.

When In (Hotel de) Rome

Tatsächlich ist der In-Spot dieser Fashion Week Saison keine Bar und auch kein Club. Es ist das Rocco Forte Hotel de Rome. Rocco Forte. Ein Name wie ein italienischer Punk-Rocker. Dieselbe Werbeagentur wie die CDU hat das Hotel glücklicherweise nicht. Ansonsten hätte der Hashtag #ksirfhdrdmagvm vermutlich bereits das Licht der Welt erblickt ("Kommen Sie ins Rocco Forte Hotel de Rome, das machen auch ganz viele Models"). Was Rang und Namen in der Fashion-Branche hat, schwebt hier über den Teppich. Nicht nur Models, auch Designer, Modefotografen und Fashion-Koryphäen. Für die neue Kollektion von Lena Hoschek steht hier ein Pop-Up-Store, die Designerin Dorothee Schumacher empfängt ihre VIP-Gäste und Modeschöpfer Dawid Tomaszewski zeigt seine neue Kollektion auf einem Outdoor-Runway auf der Dachterrasse. Und ich werde in einem Outfit von Steinrohner geshootet.

Telefonstreich-Queen Dorothee Schumacher

Oben im dritten Stock habe ich plötzlich die Rezeption in der Leitung. Eine Dorothee Schumacher würde mit mir sprechen wollen. Oh, denke ich. Soll ich für sie laufen? Möchte sie meine exklusive Meinung zu ihrer Kollektion einholen oder mich zumindest für ihre Show fitten? Es entspannt sich folgender Dialog:

"Hallo. Hier ist Dorothee Schumacher!"

"Oh, hallo!"

"Ja, und wer sind Sie?"

"Marie von den !"

"Nee, mit Ihnen wollte ich ganz bestimmt nicht sprechen." 

"Ach so, aha. Aber Sie haben doch angerufen."

"Ich wollte mit Zimmer 333 sprechen."

"Ja. Hier ist Zimmer 333."

"Nee. Ich hatte jemanden aus Dubai erwartet!"

Unten in der Lobby zwischen dem ganzen Fashion-Trubel sitzt derweil Rocklegende Alice Cooper und freut sich über die vielen hübschen Mädchen. Mit Fashion hat er nicht viel zu tun. Seine modische Ausrichtung wurde in den letzten 50 Jahren nicht mehr modifiziert. Die meisten Mütter der Mädchen, die heute auf der Fashion Week laufen, waren noch nicht geboren, als er zuletzt etwas trug, das nicht die Farbe Schwarz hatte.

Das Label Steinrohner

Inna Stein und Caroline Rohner, die Designerinnen hinter dem Label Steinrohner, geben sich in ihrer neuen "Edition Flora" farbenfroher. Neben ihrer gleichzeitig außergewöhnlichen und dennoch sehr gut zu allen Anlässen tragbaren Mode gehören sie vor allem zu meinen Favoriten, weil in ihren Shows nicht ausschließlich sehr große und sehr dünne Models laufen. Damit setzen sie ein Zeichen. Sie erzählen, es sei für sie "sehr wichtig, ein gesundes und starkes Bild der Frau zu verkörpern, denn der Charakter der Models verstärkt den Ausdruck der Outfits." Dabei setzen sie immer wieder auch auf eigene Entdeckungen. Wenn sie im Alltag im Stadtbild irgendwo eine junge Frau sehen, die zu ihrer Philosophie passt, machen sie sie zu Models: "Ja, wir sprechen die Mädchen dann sofort an. Das haben wir schon mehrfach gemacht und die Mädchen sind dann auch für uns in der Show gelaufen." Zum Beispiel in "selbstdesignten Prints welche im Fall Flora von alten Blumen-Lithografien inspiriert sind". Diese Blumenprints sind für Inna und Caroline "das Schlüsselelement der Edition Flora". Passend dazu beschreiben sie das Must-Have ihrer 2018er Steinrohner-Kollektion so: "Ein luftiger Seidenmantel mit einem sommerlichen Blumen-Print mit Irisblüten“. Wenn man nur ein einziges Steinrohner-Piece haben dürfte, wäre es für sie definitiv dieses.

Designer Michael Michalsky

Den Abschluss der Fashion Week machen diesen Sommer Marina Hoermanseder und Michael Michalsky, die sich am letzten Abend mit ihren Shows die Klinke in die Hand geben. Für Michalskys "Electric Hedonism"-Kollektion laufen Romina und Giuliana sowie Serlina aus dem GNTM-Jahrgang 2017. Allerdings nicht aus alter Verbundenheit. Michael Michalsky ist Profi. Gefälligkeits-Geschenke verteilt er nicht: "Die drei haben mich am Casting-Tag überzeugt und sind in der Show toll gelaufen." Leistung entscheidet. Sein erster Gratulant nach der Show ist Thomas Hayo. Eine echte Männerfreundschaft? Klingt so: "Zwischen Thomas und mir hat die Chemie vom ersten Tag an gestimmt und mittlerweile ist aus Sympathie eine echte Freundschaft entstanden."

Aber "Electric Hedonism" – was ist das überhaupt? Das interessiert mich. Was bedeutet für einen Designer wie Michael Michalsky Hedonismus? Er selber beschreibt es mir so: "Freude, Gelassenheit, Genuss, positive Grundeinstellung, ein schöner Tag. Liebe zum Detail. Aufmerksamkeit für meine Mitmenschen. Übrigens hat Hedonismus nichts mit Geld zu tun. Wenn ich mich an einer Blume erfreue, ist das auch eine hedonistische Einstellung. Wenn ich den Stoff meines Sofas streichle oder am Kaffee rieche."

Michalsky entwirft nicht für den HSV

Diese positive Grundeinstellung bedeutet aber nicht, dass man bei seiner Arbeit nachlässiger wird. In den Minuten direkt vor der Show sieht man ihn backstage noch mal selber an jedem Model rumzupfen, bis das Outfit optimal inszeniert ist. "Ja, da bin ich Perfektionist. Perfektionismus ist ein Teil des gesamten Design-Prozesses, also auch direkt vor der Show. Da schaue ich mir persönlich alle Outfits noch einmal an, bevor die Kollektion auf dem Laufsteg präsentiert wird." Dieses Jahr gibt es viele Rauten-Motive in seinen Entwürfen. Die aus meiner Sicht völlig berechtigte Frage, ob das was mit dem HSV zu tun hat, kann er nicht nachvollziehen. Er lacht sein strahlendes Michalsky-Lächeln: "Nein, mit dem HSV hat das nichts zu tun. Geometrische Formen spielen in der Kollektion eine große Rolle. Eine Inspiration der Strukturen von Elektronik und Software-Architektur. So findet man Rauten im Pailletten-Stoff und in den quadratisch konstruierten Schultern."

Tut es ihm eigentlich weh, wenn Karl im Lagerfeld?

Manche mögen es vielleicht selbstherrlich nennen. Ich aber schätze Michael Michalsky dafür, selbstbewusst genug zu sein, sich mit den Größten zu messen. Und sich von ihnen beurteilen zu lassen: "Wenn Karl mir etwas zu meiner Arbeit sagt, höre ich genau hin", verrät er mir, als wir über Kritiker sprechen. Ich traue mich nicht zu fragen, ob er Karl Lagerfeld meint. Aber wen sonst? Karl Dall, der alte Electric Hedonist, wird es wohl nicht sein. Auch in seinem elften Jahr auf der Berlin Fashion Week wirkt überaus motiviert. Das wird wohl auch noch eine Weile so bleiben. Seine größte Motivation, erzählt er, ist "die Suche nach dem perfekten Look für eine schöne Frau". Eine ewige Suche? Ja: "Dieser Look muss in die Zeit passen und deshalb wird die Suche wohl nie aufhören. Ist das nicht schön?" Ehrlich gesagt, finde ich das auch. Michalsky auf der nie endenden Suche nach dem perfekten Look. Der Modewelt jedenfalls könnte Schlimmeres passieren. Wird es wahrscheinlich auch. Spätestens auf der nächsten Berlin Fashion Week im Januar.

Bis dahin: Alles Liebe, Eure Marie

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