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stern-Stimme Maries Modelcheck: Wahlkampf mal sexy: Wie Promis ihre Fans zum Wählen animieren

Die Bundestagswahl am Sonntag mobilisiert junge Prominente zu Wahlaufrufen wie noch nie zuvor. Stars und Models positionieren sich politisch, obwohl Shitstorms der Krawall-Kommentatoren programmiert sind.

Von Marie von den Benken

Model Lena Gercke (l.) und Moderatorin Palina Rojinski engagieren sich für die Aktion #Gerwomany, die Frauen zum Wählen animieren soll

Model Lena Gercke (l.) und Moderatorin Palina Rojinski engagieren sich für die Aktion #Gerwomany, die Frauen zum Wählen animieren soll

Am Sonntag ist Bundestagswahl. Aktuelle Statistiken zeigen zum einen, dass sich die Themenschwerpunkte im Vergleich zur Wahl 2013 drastisch verändert haben, und zum anderen, dass eine Partei wie die AfD mit hoher Wahrscheinlichkeit in den Bundestag einziehen wird. Eine Partei, die nicht wenige für gefährlich, extrem rechtspopulistisch und sogar rechtsradikal halten. Ich eingeschlossen.

Vor dem Hintergrund, dass darüber hinaus insbesondere die jungen Wähler oft unentschlossen sind, aber eine vor allem davon lebt, dass man sein Wahlrecht auch ausübt, kommen die Aufrufe, seine Stimme abzugeben, auch aus der Fashion-, Lifestyle- und Celebrity-Szene sehr viel massiver als noch vor vier Jahren.

2013 stand das Thema Arbeitslosigkeit mit großem Abstand im , es folgten Löhne und Bildung. Dieses Jahr sind die Parameter völlig verschoben. Es herrscht Ausnahmezustand. An den Wahlständen, an den Stammtischen, in den Polit-Talkshows, aber auch auf den Glamour-Events der Fashionszene und den Catwalks. Es geht um Einwanderung, Einwanderung und Einwanderung. Und wenn dann noch etwas Zeit ist, geht es um soziale Gerechtigkeit und Rente.

#Gerwomany

Kein Wunder also, dass Models, Schauspieler, Influencer und andere Promis mobil machen, um ihre Fans und Follower an die Wahlurnen zu treiben. Sie machen das zum größten Teil neutral und fordern auf, einfach nur zur Wahl zu gehen und seine Stimme nicht zu vergeuden. Es gibt dazu Aktionen wie beispielsweise #Gerwomany, einen Aufruf von 23 Frauenmagazinen, die Frauen zum Wählen bewegen wollen. Hier haben sich bislang unter anderem die Models Lena Gercke, Barbara Meier, Franziska Knuppe oder die Fashion Blogger Lisa Banholzer und Nilam Farooq beteiligt. Und auch ich habe mich rein geschmuggelt. Dazu kommen Top-Influencer wie Janina Uhse und Palina Roijnski, Schauspielerinnen wie Karoline Herfurth oder Lea von Acken sowie die Chefredakteurin der "Vogue", Christiane Arp, im Duett mit der Designerin Dorothee Schumacher.

Lena Meyer-Gedankengut

Dafür gibt es auch in der oftmals sehr von anonymer Hetze und Missgunst geprägten Social Media Welt größtenteils Zuspruch. Kritischer wird es da schon, wenn man sich als Prominenter nicht nur dafür stark macht, sein Kreuz zu machen, sondern auch eine Wahlempfehlung mitsendet. Eine Aufforderung, eine bestimmte Partei zu wählen. Vor allem, wenn man ein junges Model oder junger Influencer ist, dem der Volksmund in seiner so unnachahmlichen Vorurteils-Hysterie eher keine so ausgeprägte Ahnung von politischen Zusammenhängen zuspricht. Und natürlich ist es ein zweischneidiges Schwert, seiner möglicherweise siebenstelligen Follower-Schar eine Aufforderung für eine bestimmte Partei mitzugeben. Ich habe mal exemplarisch zwei aktuelle Beispiele etwas genauer beleuchtet.

@bundeskanzlerin ❤ 📸by @marcofischerphotography

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Zum einen haben wir da Lena Meyer-Landrut. Pünktlich zum Endspurt um das Kanzleramt hat sie sich – für viele wohl sehr überraschend – pro positioniert. In einem viel beachteten Instagram-Posting, das sie ebenfalls auf Facebook teilte, macht sie ihre Auffassung deutlich, dass Angela Merkel Kanzlerin bleiben sollte. Das brachte ihr dann neben knapp 15.000 Reaktionen bei Facebook und 56.000 Likes bei Instagram (Stand 20. September, 13:00 Uhr) vor allem eine stattliche Anzahl völlig unqualifizierter Kommentare. Sätze wie "Bist du dumm?" oder pseudo-intelligente Beiträge, die von Vokabeln wie "Eidbrecherin", "Marionette" oder "linksgrünversifft" strotzen, waren zu erwarten.

Tatsächlich geht es aber auch noch primitiver. Abgesehen von schlimmen Beleidigungen, die aus meiner Sicht sogar justiziabel wären und die ich an dieser Stelle nicht wiederholen werde, ist mein Liebling: "Wer Propaganda und Werbung für dieses Zeichen macht, erklärt sich einverstanden mit Weltweitem Genozid, liebe ." What? Genau. Das habe ich auch gedacht. Mal abgesehen davon, dass solche Kommentare zu deutlich mehr als 99 Prozent von Profilen kommen, die sich den Rest ihrer Zeit im Internet offensichtlich hauptsächlich mit Themen wie Chemtrails oder Deutschland GmbH befassen, finde ich dass es kaum etwas gibt, das mehr über unsere Gesellschaft aussagt, als diese Reaktionen.

Like A Satellite, I'm In A Shitstorm All The Way Around You

Wir alle, Medien, Prominente, Politiker, beschwören doch schon seit Wochen und Monaten die Wahlberechtigten, unbedingt ihr Kreuz zu machen. Da sind mir Aufrufe, insbesondere von jungen Prominenten wie Lena, die eine sehr hohe Reichweite haben, immer noch sehr viel lieber, als die schweigende Masse an Promis und Influencern, die sich nicht mal zu einem neutralen "Geht wählen, und wenn möglich bitte keine Rechtsradikalen" durchringen können. Auch, wenn sie sich dann – wie im Fall der Eurovision Song Contest Gewinnerin von 2010 – eben auch schon auf eine Partei oder eine Kandidatin festlegen. Wie schnell es gehen kann, dass eine Partei großen Zulauf bekommt, die mit Statements wie "Wir sollten stolz sein auf unsere Soldaten im Zweiten Weltkrieg" oder "Wir haben ein Denkmal der Schande im Herzen unserer Hauptstadt" punkten will, sieht man ja aktuell. Und das nicht versehentlich oder vereinzelt. Sondern strategisch und regelmäßig, in diesen letzten heißen Wochen vor der Bundestagswahl quasi täglich. Da ist mir jeder junge Prominente Recht, der für Stimmen an eine demokratische Partei wirbt. Es geht hier nämlich nicht darum, ob man die SPD besser als die CDU findet oder die Grünen besser als die FDP. Es geht in erster Linie darum, zu verhindern, dass Gedankengut, das auch aus dem Jahr 1933 stammen könnte, politischen Einfluss von Relevanz erlangt.

Angela Merkel ist nicht die größte Feministin aller Zeiten

Und auch wenn ich Angela Merkel nicht wählen werde, habe ich seit ihrer klaren Positionierung in der Flüchtlingsfrage hohen Respekt vor ihr. Mir wären daher 100 Prozent für die Lena Meyer-Landrut-CDU deutlich lieber, als fünf Prozent für die AfD. Und wenn wir es dann irgendwann geschafft haben, die Menschen dazu zu bringen, sich aus demokratischen und menschlichen Aspekten für eine Partei zu entscheiden – die nicht die AfD sein kann – können wir uns gerne auf Lena Meyer-Landrut stürzen. Dann darf auch jeder mal bewerten, ob ihr Zitat "Weil sie Frauen die Vision gibt, alles werden zu können", mit dem sie ihr Posting garnierte, besonders glücklich ausgewählt ist. In Anbetracht der eher dürftigen Ausbeute aus zwölf Jahren Merkel in den Punkten Gendergap, gleiche Bezahlung, Chancengleichheit, Ehe für alle oder berufliche Wiedereingliederung nach Schwangerschaft, kann man da sicher geteilter Meinung sein. Genau wie bei so vielen anderen Themen wie Rente mit 67, 70 oder 63? Man kann sich austauschen, streiten, Argumente darlegen und Meinungen bilden, behalten oder ändern. Aber das kann man nur auf dem Boden einer gesunden Demokratie. Und die kann man auf viele Arten torpedieren, sicher nicht jedoch mit einer Stimme für Angela Merkel.

Sie ist kein Model und sie sieht nicht gut aus?

Das zweite recht plakative Beispiel, wie man sich mit dem zur Schau stellen seiner politischen Gesinnung durchaus zielsicher dem blanken Hohn einer ganzen Social Media Nation aussetzen kann, ist Sophia Thomalla. Gut, bei Thomalla Junior ist es grundsätzlich schwierig mit der Selbsteinschätzung. Ihr Wikipedia-Eintrag bezeichnet sie als "deutsches Model" mit der Ergänzung "Sie arbeitet auch als Schauspielerin und Moderatorin". 2009 nahm sie an der beliebten Heidi Klum Casting-Show "Germany's Next Topmodel" teil. Sie wurde für Lidl-Kampagnen geshootet. Dennoch werden beispielsweise Anfragen zum Thema Modeling seitens ihres Managements mit der Begründung "Was hat Sophia mit GNTM zu tun? Noch dazu, da Sophia noch nie als Model irgendwie gearbeitet oder gewirkt hat" abgelehnt. Das hat jetzt mit Angela Merkel wenig zu tun, erklärt aber vielleicht ein wenig den Balanceakt, auf den man sich einlässt, wenn man das Verhalten von Sophia Thomalla analysieren möchte.

Beeindruckend und vor allem echt. #frauenimfokus

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Nun ging es neulich in Berlin nicht um Modeling, sondern um Politik. Angela Merkel wirkt auf den gemeinsamen Fotos mit Frau Thomalla, die ein freundschaftliches gemeinsames Schnitzel-Essen unter alten Freundinnen suggerieren sollten, ein bisschen so, als würde sie sich die ganze Zeit fragen "Wer ist die Tante eigentlich?" Das wirkt dann natürlich wiederum wie ein Magnet für Hater und Trolle: "Besuchen Sie dazu auch das Tutorial 'Digital First, Kommentare Second' mit Christian Lindner." Für Merkel keine Überraschung. Sie hat sich auch schon von YouTube-Stars interviewen lassen –ist also (digitalen) Kummer gewohnt. So läuft es eben in diesem "Neuland", sobald selbst Parteien irgendwann spüren, dass die heranwachsende Generation irgendwann alt genug ist, um wählen zu gehen – sich aber keine Parteiprogramme oder -Inhalte ansieht oder Wahlkampfveranstaltungen besucht. Für diese Generation liegt die CDU etwa auf einem Attraktivitäts-Niveau knapp unter "Ihr Datenvolumen für diesen Monat ist aufgebraucht". Was bleibt, ist das Gegensteuern mit dem aktuellen Lieblingsmodul für Marketing-Experten: Influencing. Da geht es CDU, SPD, Grünen oder FDP nicht anders als Anbietern von Lebensversicherungen, Toastern oder Pauschalreisen. Das klappt dann mal gut, mal weniger gut, und manchmal endet man eben am Schnitzel-Tisch. Mit Sophia Thomalla.

Bundestätowiererin Sophia Thomalla

Auch hier hagelte es dann mitunter qualifizierte, im Großteil allerdings wirklich schaurige Kommentare der Anti-Merkel-Fraktion, die eine durchweg positive Zukunftsbilanz für die Jugend dieses Landes eher nicht ableiten lassen. Unterhaltende Anmerkungen à la "dann lass Dir doch Angela Merkel auch noch tätowieren" blieben nämlich eindeutig in der Minderheit. Vokabeln wie "Sklave" oder Behauptungen wie "Merkel hat Blut an ihren Händen kleben von Kindern, Familien, Babys und alten Leuten" geben sich die Klinke in die Hand. Auch hier muss man aber abschließend sagen: Nicht jeder möchte gerne mit Angela Merkel Schnitzel essen. Noch weniger möchten sie womöglich wählen. Aber wenn auch nur eine einzige verlorene Seele durch Sophia Thomalla am Sonntag wählen geht und sein Kreuz nicht bei der AfD macht, haben wir alle gewonnen. Vor allem die Demokratie.

Warum jede einzelne Stimme, auch deine, am Ende über ein ganzes Land entscheiden wird, macht dieses kleine Rechenbeispiel klar. Zahlen lügen nicht und Mathematik hat immer Recht, sagen die Wissenschaftler. Und hier ist ein Beispiel, warum du unbedingt wählen musst: Wenn 100 Leute wählen gehen, müssen nur fünf davon AfD wählen, und die AfD überwindet die Fünf-Prozent-Hürde und zieht in den Bundestag ein. Wenn Du jetzt auch noch gehst, sind es 101 Leute, die wählen gehen. Die fünf, die AfD wählen, sorgen dann für nur noch 4,95 Prozent und die AfD bleibt draußen. Das findet auch Elyas M'Barek (mit dem ich übrigens seit neulich verlobt bin und die Crew von "Fack Ju Göthe III", die unter dem Hashtag #FuckJuRechts eindeutig werden.


Bis dahin: Alles Liebe, Eure Marie