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Maries Modelcheck: Warum GNTM die SPD der TV-Unterhaltung ist - der etwas andere Jahresrückblick

GNTM verliert einen Juror, "Curvy Supermodel" vergaloppiert sich mit der Werbung, und Cathy Hummels kämpft gegen Instagram. Marie von den Benken wirft einen Blick zurück auf das Jahr 2018.

Cathy Hummels und Heidi Klum

Cathy Hummels kämpft gegen Instagram, Heidi Klum plant ihre Zukunft mit Tom Kaulitz.

Das war es also, das Jahr 2018. Nur noch wenige Stunden, bis alleine in Deutschland für vermutlich so um die 140 Millionen Euro Böller gekauft werden, die dann sinnlos die Umwelt belasten (Feinstaub) und Tiere verschrecken. Warum an dieser Tradition so eisern festgehalten wird, ist mit unklar. Vor allem, wo es so viele Alternativen gibt. Und damit meine ich nicht "Brot statt Böller", denn wenn man an Silvester plötzlich Bachelor-Kandidatinnen zündet, ist ja auch keinem geholfen. Vor allem nicht RTL. Nein, was ich meine ist: Wenn man gerne dabei zusieht, wie etwas mit einer kurzen Lunte ein paar Sekunden zittert, dann mit einem riesen Getöse in die Luft geht und sich am Ende in Rauch auflöst, kann man doch auch mit AfD-Sympathisanten über die Definition von "Nazi" diskutieren. Selber Effekt, aber günstiger und auch besser für die Umwelt. 

Egal. Was ich eigentlich sagen wollte: Diese letzten Tage im Dezember sind traditionell die Zeit, in der jeder, der sich für wichtig genug hält, der Welt mitzuteilen, was ihn so bewegt hat in den vergangenen zwölf Monaten, einen Jahresrückblick präsentiert. Influencer posten "Best of"-Bilder-Collagen, Radiosender spielen die besten Hits des Jahres (im Gegensatz zu den restlichen 350 Tagen im Jahr, wo sie weitestgehend ausschließlich Ed Sheeran spielen) und Günther Jauch lädt Leute in ein Fernsehstudio, die in dem Jahr häufig in der Zeitung standen. In diesem Reigen von Selbstdarstellung darf ich natürlich nicht fehlen. Daher hier exklusiv mein Jahresrückblick 2018.

2018 – Das Jahr

2018 begann wie üblich in der Modebranche mit der Fashion Week Fall/Winter in Berlin. Die Modewoche mit ihrer stattlichen Armee von Fotografen, D-Promis und Modebloggern, fällt zuverlässig im Januar jeden Jahres über Berlin her. Jedenfalls solange die Social Media- und PR-Experten von Mercedes Benz den ganzen Spaß noch finanzieren, um das 100.000. Bild von Influencern auf Motorhauben zu produzieren, von denen kein Käufer einer G-Klasse jemals gehört hat. Direkt im Anschluss rekrutierte Deutschlands Modesender Nummer 1 (ProSieben) die nächste Generation von Red-Carpet-Nachwuchs, der dann ab Juli 2018 während der Sommer-Fashion-Week Diätprodukte auf Instagram anpreisen durfte. Die 13. Staffel "Germany's Next Topmodel" war in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Die Mädchen wurden früher zum legendären Umstyling gerufen, mussten früher und öfter Nacktshootings über sich ergehen lassen, und der intensivste Zickenkrieg entspannte sich zum Thema "hat Zoe wirklich Sex mit 60 Männern gehabt – und das mit 18 Jahren?". Das jedenfalls behauptete Kandidatin Victoria Pavlas über Kandidatin Zoe Saip. 

Ein Jackpot für ProSieben, denn beide waren bis zu Victorias Tagebuch-Indiskretionen beste Freundinnen. Überraschend zerfällt diese innige Liebe vor laufenden Kameras und geschickt über einige Wochen gestreut und beschert ProSieben mit durchschnittlich 2,38 Millionen Zuschauern einen beachtlichen Erfolg. Und den hat der einstige Erfolgssender aus Unterföhring auch bitter nötig. Unter den 2,38 Millionen Zuschauern waren übrigens auch 1,62 Millionen aus der berühmten "werberelevanten Zielgruppe". Das macht stattliche 8,1 Prozent Marktanteil. GNTM ist damit quasi die SPD der TV-Unterhaltung. Die "werberelevante Zielgruppe" besteht übrigens nicht etwa aus Zuschauern, die besonders viel Kaufkraft oder besonders hohe Affinitäten zu den beworbenen Produkten hätten. Nein, es reicht, mindestens 14 und maximal 49 Jahre alt zu sein. Beruf, Bildung, Einkommen, Familienstand – egal. So läuft das mit der TV-Werbung. Klarer Fall, dass da in diesen Zeiten vehement auf Influencer-Marketing rumgehackt werden muss, weil das ja so wenig skalierbar ist und so verschwenderisch mit Streuverlust umgeht. 

Der Denglishman in New York steigt aus

Nachdem 14 Donnerstagabende später am Ende im Finale Toni Dreher-Adenuga (na, wer kennt sie noch?) GNTM 2018 wurde und das Cover der "Harper's Bazaar" zieren durfte, geht das große Topmodel-Jahr aber eigentlich erst los. Heidi Klum rekrutiert den einen Zwilling von Tokio Hotel als neuen Lebenspartner, inklusive romantischer Verlobung, die kurz vor Weihnachten per Nackt-Kuschel-Posting auf Instagram publik gemacht wurde. Tom Kaulitz muss also zukünftig nicht mehr durch den Monsun, sondern nur noch durch Bergisch-Gladbach. Obwohl - was ist schlimmer? Eine großräumige Luftzirkulation der unteren Troposphäre im Gebiet der Tropen und Subtropen im Einflussbereich der Passatwinde oder regelmäßige Abendessen mit Günther Klum? Thomas Hayo verkündet dramatisch seinen Ausstieg als Juror. Für die Generation GNTM ein Schock. Noch weniger, als einen Mann als Bundeskanzlerin, kann die sich eine Saison GNTM ohne offizielles Thomas Hayo Denglish vorstellen. Als dann auch noch Michael Michalsky ankündigt, eventuell nicht für ewig Juror zu bleiben, ist das Jahr für echte GNTM-Fans schon gelaufen. 

Hoffnung bringt dann aber Jochen Schropp. Der charmante Moderator outet sich als schwul. Das passiert erst um seinen 40. Geburtstag herum, da Agenturen und Berater ihm jahrelang erfolgreich eingeredet hatten, schwule Schauspieler dürften nicht mehr bei "Rosamunde Pilcher"-Filmen im ZDF mitspielen. Die Doppelmoral unserer so vermeintlich liberalen Medienbranche mal unkommentiert lassend, ist aber eines klar: Bei GNTM sollte es – jetzt, nach dem Abgang von Hayo und Michalsky – einen Platz für Schropp geben. Die Stil-Ikone, die die Renaissance des Karo-Hemdes in der deutschen Prime-Time eingeleitet hat, wäre ein perfekter Gast-Juror. Da Schroppi und ich seit "Promi Big Brother" ja schon ein eingespieltes Team sind, erweitere ich dieses Bewerbungsschreiben an ProSieben um folgenden Vorschlag: Gastjuroren Schropp, von den Benken und Sophia Thomalla. Damit wäre das gesamte Social-Media-Portfolio Deutschlands abgedeckt und der Sender könnte mit 12.4 Prozent in der relevanten Zielgruppe rechen. Also, Team Unterföhring: Schropp, Thomalla und ich warten auf die Einladung.

"Curvy Supermodel" hält dem Netzfeminismus den Spiegel vor

Im Kielwasser von GNTM versucht dann RTL 2, die Resterampe unter den Trash-TV-Sendern, mit "Curvy Supermodel" das Model-Thema noch über den Sommer auszuschlachten. Tatsächlich ist hier vieles üppiger als bei GNTM, nur halt nicht die Quoten. Dafür beschert uns das Format Angelina Kirsch und Oliver Tienken. Tienken ist noch recht neu im TV-Primetime-Geschäft, sieht aus wie Ex-Juror Peyman Amin und klingt wie Rapper Casper. Immer, wenn er redet, habe ich Angst, gleich springt Marteria ins Bild fängt mit Tienken an zu rappen. Wie ein Champion! Reichweite kann RTL 2 mit dem kurvigen Ableger von GNTM also in 2018 nicht aufbauen, dafür aber ein schönes Sittenbild des Zustandes der Diskussionskultur im Zeitalter der Netzfeministinnen erschaffen.

Denn nachdem "Curvy Supermodel" wochenlang exzessiv mit dem Claim "Etwas Großes kommt auf uns zu!" beworben wird, als würde man gleich von einer wilden Elefanten-Horde aus dem Fernseher überrannt werden, bleibt der Shitstorm-Detektor der selbsternannten Netzfeministinnen stumm. Kein Wunder. Die Damen aus der Filter-Bubble, die unsere Gesellschaft gerne in "Menschen und Männer" aufteilen, waren den Großteil des Jahres nämlich mit Größerem beschäftigt: Breitbeinig in der S-Bahn sitzende Männer. Ja, Sie lesen richtig. Auf Twitter wurden fleißig Bilder von fremden Männern gepostet, die breitbeinig in öffentlichen Verkehrsmitteln sitzen. Klimawandel, Rechtspopulismus, Fachkräftemangel, Mietpreisexplosion, Altersarmut – das sind wichtige Themen, aber diese unverschämten, breitbeinig sitzenden Männer in den S-Bahnen, das geht dann aber wirklich zu weit und man (sorry: Frau) muss sich eben um die tatsächlich elementaren Probleme eines Landes kümmern.

Cathy Hummels und der Fluch der Werbekennzeichnung 

Nicht unerwähnt bleiben dürfen natürlich auch die Schattenseiten der Fashion-Branche. Etwa der äußerst umstrittene "Verband Sozialer Wettbewerb (VSW)", der mit seinem Orkan von Abmahnungen an Models und Influencer, die auf Instagram vermeintliche Werbebotschaften veröffentlichten, ohne sie als "Werbung" zu markieren, dafür gesorgt hat, dass man mit jedem Foto auf Instagram immer mit einem Bein im Gerichtssaal steht. Das Jahr 2018 war überschattet von Gerichtsterminen zu diesem Thema. Verschiedenste Influencer sahen sich an unterschiedlichen Gerichten mit unterschiedlichsten Urteilen konfrontiert. Die Rechtsprechung in München sieht das Thema anders als etwa in Berlin. Sichere Leitlinien gibt es nicht, denn das Thema ist zu neu, um schon in Gesetzestexten oder umfangreichen Präzedenzfällen Allgemeingültigkeit erlang zu haben. Also mahnte der VSW fleißig ab, kassierte hohe fünfstellige Summen und machte sich auf dem Rücken der juristischen Grauzone "Werbekennzeichnung im Influencer-Marketing" die Taschen voll.

Und dann kam Cathy Hummels. Cathy, eines der Lieblingsziele des Verbandes, schlug zurück. Ausgestattet mit dem finanziellen Atem, ebenfalls sehr gute Rechtsanwälte mit dem Thema zu betrauen, nahm sie den Kampf auf und trug erste Teilsiege davon. Wir alle sind auf ihrer Seite – denn sie kämpft ja auch für uns. #TeamCathyHummels ist also aktiviert und es bleibt zu hoffen, dass es am Ende eine Regelung gibt, die für alle Seiten klar definiert, was erforderlich ist, um ein Posting sauber zu kennzeichnen. 

Das sollte auch im Interesse des "VSW" sein, der nicht müde wird, zu betonen, dass es auch ihnen nur darum geht, eine klare Linie zu haben, an die sich alle halten müssen. Gut, das ist ein bisschen so, als würde Dieter Bohlen behaupten, er mache DSDS nicht, um Geld zu verdienen, sondern um den deutschen Schlager zu retten, aber das ist eine andere Geschichte. Die erzähle ich euch eventuell nächste Woche. Jetzt aber erst mal einen grandiosen Rutsch in ein fantastisches neues Jahr!

Bis dahin: Alles Liebe, Eure Marie

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