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Tim Roeloffs: "Versace? Ist das so was wie C&A?"

Mit seiner Kunst konnte Tim Roeloffs bis vor Kurzem kaum seine Familie ernähren. Doch dann entdeckte ihn Donatella Versace.

Von Stefanie Luxat

Ganz nah am Ausgang, in der letzten Reihe, saß im Februar dieses Jahres der wohl unglamouröseste Gast, der je auf einer Versace-Modenschau gesehen wurde: Tim Roeloffs. Er trug: eine verfilzte Wollmütze, eine Tarnhose und ein T-Shirt, auf dem "Save water, drink beer" steht. Neben ihm: seine Frau, mit Baby auf dem Arm, und seine vier- und sechsjährigen Söhne. Die beiden kläffenden Hunde, die auch noch zu der Familie des Künstlers aus Berlin, Prenzlauer Berg, gehören, wurden derweil vom Versace- Sicherheitspersonal in einer Limousine spazieren gefahren.

Was hatten diese Menschen hier verloren? Wie kam es dazu, dass auf vier Kleidern Roeloffs' Entwürfe prangten? Die Kollektion, die an diesem Abend dem internationalen Modepublikum präsentiert wurde, gilt als die beste, seit Donatella Versace den Chefposten ihres 1997 ermordeten Bruders Gianni übernommen hat. Lob, das dem Mailänder Konzern Rückenwind gibt auf seinem neuen Kurs: weg vom Protzimage hin zu mehr Eleganz.

Darüber, wie die Welt des Berliner Hinterhofbastlers und der Fashion-Diva aufeinandertrafen, erzählt man sich in Berlin derzeit viele abenteuerliche Geschichten. Die schönste geht so: Herbst 2006. Aus einer Luxuskarosse steigt vor dem Kunsthaus "Tacheles" Donatella Versace. Mit einer Namensliste angesagter Künstler trippelt sie durch das Abrissgebäude, auf der Suche nach Inspiration. Plötzlich stoppt sie vor den Collagen von Tim Roeloffs - der steht doch gar nicht auf ihrer Liste! Und doch: Das ist genau das, wonach sie gesucht hat. Wenig später lässt Donatella Kontakt aufnehmen, bittet um ein Treffen. Roeloffs' Reaktion: "Versace? Was ist das denn?" Ein großes Modehaus, belehrt man ihn. Da macht es Klick. "Verstehe, das ist so was wie C&A."

"Kunst fürs Volk"

In der Berliner Kunstszene wurde Roeloffs' Technik, die er sich vor zehn Jahren selbst beigebracht hat, immer ein wenig belächelt. "Zu platt" seien die Bilder. Er hingegen verteidigt sein Werk - und da muss er erst kurz rülpsen - als "Kunst fürs Volk". Damit die Entwürfe für Versace nicht allzu volksnah gerieten, schickten ihm die Italiener jedoch sicherheitshalber einen Stil-Abgeordneten. Bei aller künstlerischen Freiheit würde Frau Versace zwei Themen doch bitte nicht thematisiert sehen wollen: Sex und Politik. Und, ach ja, da gebe es noch dieses hübsche Bild von ihr in ihrem Auto. Ob das eventuell mit eingearbeitet werden könnte? Und statt der Roeloff 'schen Bierbuddeln eventuell ein Champagnergläschen…

Heute, knapp anderthalb Jahre später, amüsiert sich Roeloffs immer noch wie Bolle, wenn er von seiner prominenten Auftraggeberin berichtet. Mode ist nach wie vor nicht sein Thema. Seine Collagen zeigen weiterhin Berliner Sehenswürdigkeiten - vom Kronkorken bis hin zum Selbstporträt -, und sein Outfit ist ebenfalls dasselbe: Wollmütze, Tarnhose, T-Shirt. Dabei könnte der ehemalige Tennislehrer und Bierbrauer sich mittlerweile Designermode leisten. Die zwölf Collagen für Versace seien so gut bezahlt worden, dass er jetzt "mehr als schuldenfrei" leben könne, sagt der 42-Jährige. Man plane bei Versace jetzt sogar eine Taschenkollektion. Auch andere Auftraggeber stünden Schlange, und Bürgermeister Klaus Wowereit habe gratuliert und ihn sogar ganz offiziell zum "Berlin-Botschafter" ernannt.

Roeloffs, den seine Nachbarn nun nicht mehr länger das "Biermonster von Berlin", sondern "den Künstler" nennen, macht trotzdem weiter wie bisher. Die Prints seiner Collagen gibt's ab 1,50 Euro im "Tacheles" zu kaufen. Nur für seine Originale nimmt er nun mehrere Tausend Euro: "Das kann man jetzt doch mal wagen."

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