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Maria Henselmanns Mutter im Interview: "Er soll mir mein Kind bringen"

Ihre 13-jährige Maria ist verschwunden – mit einem 40 Jahre älteren Mann. Zum ersten Mal spricht Monika Beisler ausführlich über ihre verlorene Tochter, nach der die Polizei in ganz Europa fahndet.

Von Ingrid Eißele

Maria Henselmann, 13 Jahre alt,
ist am 4. Mai in Freiburg
verschwunden. Mit ihr
Bernhard Haase, 53. Die
Polizei sucht ihn mit
internationalem
Haftbefehl wegen Kindesentziehung
und sexuellem Missbrauch. Doch
Maria ging wahrscheinlich freiwillig
mit dem Mann mit, den sie über
einen Chat im Internet kennengelernt
hatte – und ließ Möglichkeiten
zur Flucht ungenutzt.

Frau Beisler, zum letzten Mal wurde Maria im Juli gesehen – im polnischen Gorlice, mit einem Mann, der 40 Jahre älter ist als sie. Ist das eine unmögliche Beziehung? Oder ein Verbrechen?

Wohl beides. Es gehört nicht
viel dazu, ein Kind in diesem Alter
zu manipulieren.

Haben Sie die Sorge, dass der Mann Maria etwas antun könnte?

Darüber denke ich in den letzten
Tagen verstärkt nach. Herr Haase
hat alles hinter sich gelassen, sogar
seinen Hund ließ er auf der Reise
zurück. Wenn er das alles in
Kauf nimmt, wird er Maria nicht
einfach gehen lassen. Das ist keine
selbstlose Liebe, nach dem Motto,
ich liebe dich, aber jetzt mach
erst mal deine Schule zu Ende.
Das ist eine egoistische Liebe,
wenn man überhaupt von Liebe
reden kann. Das ist: haben.

Was hat Sie dazu bewogen, jetzt in die Öffentlichkeit zu gehen?

Die Menschen vergessen schnell.
Ich will, dass Maria gefunden wird.

Wann erfuhren Sie von Marias Kontakt zu dem Mann?

Im Mai 2012. Da rief mich die
Polizei an, sie ermittelte gegen
Bernhard Haase. Seine Ehefrau hatte
ihn im Kinder-Chat erwischt
und Bilder eines halbnackten Mädchens auf seinem Rechner entdeckt.
Haase gab sich im Chat als 14-Jähriger namens "Karlchen" aus.

War Maria das Kind auf dem Foto?

Nein. Aber ich erfuhr, dass Maria
seine Chatpartnerin war. Ich habe
einen Teil des Chats gelesen. Mir
wurde richtig schlecht ...

Gab es sexuelle Anspielungen?

Nein, aber es war klar ersichtlich,
dass dieses 14-jährige "Karlchen"
erwachsen ist und auf Kind macht.
Die Polizei sagte, dass es bereits
ein Treffen mit Herrn Haase gab.

Maria hatte ihn getroffen?

Ja, fünf Minuten auf dem
Parkplatz vor unserem Haus,
als sie den Müll rausbrachte.

Wie haben Sie auf ihr Doppelleben reagiert?

Ich stand 14 Tage unter Schock.
Einmal sprach sie am Bahnhof
ein älterer Mann an. Ich hätte ihn
sofort töten können.

Wie verhielt sich Maria danach?

Stur. Sie hat komplett zugemacht.

Sie hatten keinen großen Einfluss mehr auf Maria?

Wissen Sie, für 13-Jährige sind Eltern
so eine Art natürliche Feinde.
Die einfachste Forderung, saug
mal den Teppich oder so, gilt als
Angriff. Ich war selbst Kind und
habe als Mutter diese Phase schon
mit meinen vier älteren Kindern
durchlaufen, Maria ist die Jüngste,
sie schwankt sehr zwischen Kind
und junger Frau. Wenn sie Harry
Potter schaute, konnte sie danach
nicht schlafen und kam zu mir
ins Bett. Sie wusste, wenn sie nicht
allein fertigwird, komm ich und
haue sie raus.

Hat sie erklärt, wie das war, als auf dem Parkplatz statt eines 14-Jährigen ein 53-Jähriger vor ihr stand?

Sie sagte, der war richtig alt und
hatte einen Bauch. Ich fragte: Weißt du, wie gefährlich das war,
als du an sein Auto liefst? Sie sagte:
"Ich bin ja nicht eingestiegen."

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Was ergaben die Ermittlungen gegen Haase?

Die Kripo erklärte mir damals, man
könne ihm nichts beweisen. Es war
nicht strafbar, dass er einer Zwölfjährigen
schrieb und sie besuchte.

Und was hieß das für Maria?

Internetverbot. Das habe ich aber
irgendwann gelockert, sie muss ja
für das Gymnasium recherchieren.

Suchte sie in Haase womöglich einen Vaterersatz?

Die Erklärung wäre mir zu einfach.
Maria hat zwar kaum Kontakt zu
ihrem Vater, wir trennten uns, als
sie ein Jahr alt war. Aber spätestens
als Haase die Grenzen überschritten
hatte, wäre die Illusion eines
Vaters zerbrochen.

Was bewog Maria dann, mit dem Mann zu flirten?

Ich glaube, sie hat sich umschmeichelt
gefühlt. Haase hat ihr im
Chat immer recht gegeben, anders
als ich oder andere Erwachsene.

Es hat sich auch Haases Stieftochter geäußert. Sie sagte, Haase liebe Maria wohl.

Aber ich weiß von der Polizei, dass
sich seine Stieftochter voriges Jahr
unter Pseudonym in den Chat
ihres Vaters eingeloggt und Maria
vor ihm gewarnt hatte, er sei
pädophil. Maria war aber keinen
Vernunftsgründen zugänglich.

Sie hingegen dachten voriges Jahr, die Sache sei erledigt?

Ja, Maria schien nach unserer Aussprache
ganz normal. Doch Anfang
2013 hat sie sich verändert, sich
oft zurückgezogen. Ich habe es auf
die Pubertät geschoben.

Womit hat sie sich beschäftigt?

Mit dem Handy. Hätte ich mal
reingeschaut, was sie für Botschaften
bekommt ...Aber sollte ich das?
Dass jeder seine Privatsphäre hat,
ist mir heilig. Meine Kinder sollen
eigenständig werden. Selbst wenn
ich sie kontrolliert hätte, sie hätte
es trotzdem gemacht.

Dann kam die Nacht, als sie verschwand ...

... der 4. Mai. Ich rief die Polizei
an und sagte, irgendetwas stimmt
nicht mit meiner Tochter.

Warum riefen Sie die Polizei an?

Wenn Maria bei Freundinnen
übernachtete, war die Abmachung,
dass wir zwischen 21 und 22 Uhr
telefonierten. Vier Wochen zuvor
hatte ich sie nicht erreicht. Dann durfte sie zwei Wochen nicht mehr
weg. Als sie am 4. Mai wieder bei
einer Freundin schlafen wollte,
verlangte ich, dass sie Adresse und
Telefonnummer hinterlässt.
Sie ging nicht ans Handy. Und die
Freundin war nicht zu Hause.
Maria rief dann an und behauptete,
sie sei in der Stadt, um ihre
Freundin zu überraschen, doch die
sei nicht gekommen. Ich sagte:
"Maria, lüg mich nicht an."
Sie versicherte, sie habe sich
verlaufen. Ich sagte, sie solle ein
Taxi rufen. Ich stand eine
Dreiviertelstunde vor dem Haus,
wartete vergebens auf sie.

Das war Ihr letztes Gespräch?

Nein. Kurz darauf behauptete sie,
sie sei am Bahnhof. Da bekam ich
erst richtig das Gefühl von Gefahr.
Ich hörte keine Hintergrundgeräusche.
"Maria, da stimmt was nicht!"
Ich verlangte, dass sie mir den Taxifahrer gibt. Sie sagte, "das kann
ich nicht, der fährt".

Wie klang sie?

Liebevoll. Sie sagte, "Mama, du
brauchst keine Angst zu haben."
Ich war wütend, sie führte mich an
der Nase herum. "Ich rufe die Polizei",
sagte ich, "die ortet das Handy."

Maria hat Ihnen also nicht die Wahrheit gesagt?

Nein. Sie ist in Freiburg geboren,
die verläuft sich nicht in der Innenstadt.
Im Nachhinein hat die Polizei
herausgefunden: Sie hatte sich an
diesem Abend gar nicht bewegt, ihr
Handy war in der Funkzelle eines
Hotels eingeloggt, die ganze Zeit.

Die Lügen flogen auf.

Ja. Sie wäre in dieser Nacht nicht
mehr aus dieser Nummer rausgekommen.
Ihre Reaktion war
in meinen Augen eine Flucht.

Was hatte sie zu befürchten?

Von meiner Seite aus allenfalls eine
Standpauke und Hausarrest. Er
viel mehr. In den Chats an Maria
schrieb er: Wenn die Sache auffliegt,
geht er ins Gefängnis und sie
ins Heim. Damit war sie im Konflikt
zwischen ihm und ihrer Familie.

Sie glauben, dass Maria Beschützergefühle für ihn entwickelte?

Ja. Damit kriegt man sie, weil sie
so einen Gerechtigkeitssinn hat.

Welche Rolle spielten ihre Freundinnen?

Im Nachhinein habe ich erfahren,
dass ihre beste Freundin sie deckte,
wenn sie mit diesem Mann
zusammen war. Es gab noch zwei
Freundinnen, die wussten ebenfalls
davon. Haase hatte die Mädchen
sogar in die Schule gebracht.

Fanden die Mädchen diese Beziehung nicht seltsam?

Das sind Kinder, die erwachsen
spielen, die denken nicht, die
leben einfach. Das ist nicht krank.
Krank ist, wer das ausnutzt.

Auf Fotos ist Maria mal eine verführerische junge Frau, mal ein kleines Mädchen mit Pferdeschwanz.

Zu Hause war sie nie so aufgebrezelt.
Das geschminkte Foto hat
eine Freundin gemacht. Aber auch
die Moppelchen-Fotos von früher
stimmen nicht mehr. Sie hat letztes
Jahr eine Diät gemacht und schaffte
es von Kleidergröße 42 auf 36.
Wenn sie etwas will, ist sie gnadenlos.
Das Problem ist, sie dreht es
gerade gegen sich selbst.

Sollte sie eines Tages zurückkommen...

... reiht sie sich ganz sicher nicht
wieder ein zwischen die anderen
13-Jährigen, die tuscheln und
kichern, weil ein Junge rüberguckt.
Das 13-jährige Mädel gibt es nicht
mehr. Dieser Mann hat ihr die
Jugend geklaut.

Was würden Sie tun, wenn Haase vor Ihrer Tür stehen würde?

Inzwischen ist mir dieser Mann
gleichgültig, ich habe keine Rachegedanken.
Er soll mir mein Kind
bringen. Dann kann er von mir aus
verschwinden.

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  • Ingrid Eißele