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Generation Y: Euer ewiges "Selber schuld" macht unsere Gesellschaft kaputt!

Übertriebener Ehrgeiz, ausgestreckte Ellenbogen und immer weniger Empathie sind mittlerweile normal bei jungen Menschen - und werden von ihnen erwartet. Wiebke Tomescheit findet das falsch und fordert: mehr Entspanntheit und Zusammenhalt.

Ein jugendliches Mädchen steht mit vorwurfsvoller Miene in ihrem Zimmer

Irgendwann ist auch mal Schluss mit Egoismus: Ohne Zusammenhalt funktioniert nichts!

Wisst ihr, was schön ist? Sich aufeinander verlassen zu können. Wissen, dass jemand da ist, wenn man ihn braucht. Wissen, dass man nicht permanent 110 Prozent geben muss, wenn man gerade – aus Gründen – mit Mühe 50 zusammenbekommt. Schön ist auch, Dinge zu tun, einfach nur weil sie Spaß machen. Eis essen, dumpfe Computerspiele zocken, feiern gehen. Nicht darüber nachdenken, ob das gesund ist, der Karriere weiterhilft, im Lebenslauf oder auf Instagram gut aussieht.

Ja, alles schön. Aber längst nicht mehr problemlos möglich. Denn unsere Gesellschaft verlernt gerade die Solidarität. Die Folge ist, dass jeder immer damit rechnen muss, dass ihm alles, was er tut, irgendwann vorgehalten wird. Und dass er nicht damit rechnen darf, dass in schwierigen Situtationen jemand eine helfende Hand ausstreckt. Und ganz ehrlich, Leute, das ist doch Mist.

Unserer Gesellschaft geht gerade die Solidarität verloren

Als ich zur Grundschule ging, Anfang der 90er, da lernten wir, dass Eigenschaften wie Freundschaft, Respekt und Hilfsbereitschaft der Shit sind. Wer in etwas nicht gut war, den zogen wir mit. Egoismus und übertriebener Ehrgeiz waren hingegen pfui – man erinnere sich an aufgestellte Stiftmäppchen bei Klassenarbeiten, damit ja niemand abguckt. Schneller konnte man sich gar nicht allgemein unbeliebt machen.

Außerdem hatten wir Hobbies, bei denen von Anfang an klar war, dass sie uns im Leben nicht voranbringen würden. Schon gar nicht finanziell. Props to all you Blockflötenkinder! Heute undenkbar – was in ihrer Freizeit machen, das muss inzwischen einen karrieretechnischen Mehrwert haben. Kantonesisch lernen, Kontorsion oder Coden.

Aber wir schweifen ab. Ich glaube nur, dass mein Jahrgang einer der letzten war, die diesen letzten Rest "Kuschelpädagogik" mitbekommen haben, bevor sich die Leistungsgesellschaft laut räusperte. Teamwork ist seitdem nicht mehr angesagt – jeder ist ein Einzelkämpfer, der sich bestmöglich durchs Leben schlagen muss, weil die anderen Einzelkämpfer da draußen ja auch nicht mehr bereit sind, auf irgendwen oder irgendwas Rücksicht zu nehmen. Du ganz allein hast dein Leben in der Hand. Und wenn es dir nicht gefällt, dann hast du selber schuld.

Du hast Kinder und deshalb Schwierigkeiten, beruflich voranzukommen? Selber schuld. Du hast eine Krankheit, die auch nur zu einer winzigen Promillechance durch irgendeinen Fehler in deinem Lebensstil begünstigt worden sein könnte? Weil du beispielsweise Milch trinkst oder gar mal Bier? Selber schuld. Du musstest eine Abtreibung durchstehen? Selber schuld, wohl zu blöd zum Verhüten! Dein BMI hält sich vom empfohlenen Richtwert lieber dezent fern – so wie es schon bei deinen Eltern, Tanten, Onkels und Großeltern der Fall war? Selber schuld, mit Sport kann doch JEDER abnehmen, Pussy!

Du studierst, und der Mix aus ständigem Prüfungsdruck, wenig Geld und Existenzangst macht dich fertig? Selber schuld, lern doch was Anständiges – außerdem bummelst du doch eh nur rum und feierst die ganze Zeit. In deinem Job als Friseur, Altenpfleger, oder Kindergärtner verdienst du katastrophal wenig und es reicht kaum zum Leben? Selber schuld, man sucht sich seinen Beruf doch selbst aus, oder?

Es gibt immer einen Grund, um "Selber schuld!" zu krähen

Es ist zum Haareraufen. Für alles, was Menschen beklagen, findet sich ein Grund, um zu krähen: "Selber schuld!" Genau dieses Abschieben aller gesellschaftlichen Verantwortung auf den Einzelnen ist übrigens der Grund, warum das amerikanische Gesundheitssystem so ist, wie es ist – Tipp: katastrophal. Weil niemand für die womöglich selbstverschuldeten Krankheiten seiner Mitmenschen aufkommen möchte.

Ähnliche Kommentare hört man auch hier immer öfter: Wer raucht, zu dick ist, Extremsport betreibt oder sich vegan ernährt, wird schnell und gern als unzumutbare Belastung für unsere Krankenkassen tituliert. Als hätte derjenige, der sich darüber beklagt, keine einzige eigene ungesunde Angewohnheit. Und als wäre das nicht auch völlig egal, weil Gesundheit beziehungsweise Krankheit sowieso zu 90 Prozent eine verdammte Glückssache ist.

Das Leben ist hart – aber ihr müsst es nicht sein

Man möchte fast Jesus zitieren: "Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein." Jeder von uns hat mindestens eine Macke, die er mehr oder weniger selbst in der Hand hat. In unserer durchoptimierten Instagram-Gesellschaft bekommt man davon nur zunehmend weniger mit. Da machen alle nur Yoga, kochen mit cleanen Zutaten und mixen sich Haarshampoo aus Avocados. Niemand raucht, hat Sex mit den falschen Leuten oder kauft heimlich bei Primark. Auf gar keinen Fall, ne?

Die schnöde Wahrheit ist aber: Jeder hat Fehler, jeder macht Fehler. Also gönnt euch das doch gegenseitig! Und seid da, genau wie ihr euch wünscht, dass die anderen mal für euch da sind. Ihr müsst nicht perfekt sein. Ihr müsst nicht alles am besten können und am besten machen. Durchatmen, Ellenbogen anziehen und sich vielleicht sogar mal über den Erfolg eines Freundes freuen, wenn man selbst weniger Glück hatte.

Ja, die Welt da draußen ist hart. Aber sie wird immer härter, wenn ihr euch dem anpasst. Wehrt euch dagegen! Lasst euch das Spaßhaben nicht verbieten, tretet in Gewerkschaften ein, engagiert euch sozial – und ganz wichtig: Lasst andere auch mal abschreiben.

Solidarität mit Krebspatientin: Kahle Köpfe für die Freundschaft