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Meinung

Zum 20. Geburtstag: Die Serie, die echter ist als das Leben: Warum ich "Die Sopranos" liebe wie einen Freund

"Die Sopranos" werden in diesen Tagen gehörig gefeiert, weil die erste Folge vor 20 Jahren unsere Wahrnehmung von TV-Serien für immer verändert hat. Unserem Autor bedeutet die Show aber noch viel mehr.

Die Sopranos

"Sopranos"-Darsteller: Steven van Zandt als Silvio Dante,  Steven R. Schirripa als Bobby Bacala,  James Gandolfini als Tony Soprano,  Michael Imperioli als Christopher Mottisanti, Tony Sirico als Paulie "Walnuts" Gualtieri

Picture Alliance

Dieser Text wird sehr persönlich, das möchte ich vorwegnehmen. Er spiegelt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider, sondern in erster Linie meine eigene. Deshalb steht auch "Meinung" drüber. Und meine Meinung ist: Ich liebe die Sopranos so sehr, wie ich einen guten Freund liebe. Warum, möchte ich dem Leser an dieser Stelle erklären, wie ich es einem guten Freund erklären würde.

Vor genau 20 Jahren erschien die erste Folge der Serie, und zu diesem Anlass soll hier dargelegt werden, was die Magie dieser Mafia-Saga ausmacht. Dabei muss ich aufpassen, dass ich mich nicht dem missionarischen Eifer schuldig mache, der unter den leidenschaftlichen Fans der Sopranos weit verbreitet ist: Sie möchten die Welt immerzu wissen lassen, wie unglaublich gut diese Serie ist.

"Die Sopranos": Vergleiche mit Shakespeare

Zugegeben, das möchte ich auch, sonst würde ich mir diesen Text nicht zumuten (nichts ist schließlich schwieriger, als tiefe Gefühle zu erklären), aber ich möchte dabei die Allgemeinplätze vermeiden, die gerade dieser Tage zum 20. Jubiläum schon allerorten geschrieben wurden.

Ich möchte also nicht noch einmal ausdrücklich erwähnen, dass die Sopranos im Laufe der Jahre von Kritikern mit Balzac und Dickens und Shakespeare verglichen wurden, dass sie vom inzwischen verstorbenen Norman Mailer als das, was dem Great American Novel heute am nächsten kommt, bezeichnet wurden. Dass sie aufgrund der erzählerischen Grenzen, die sie sprengten, als spirituelle Schöpfer jener anspruchsvollen Serienlandschaft, wie wir sie längst für selbstverständlich halten, gelten müssen. Und dass Tony Soprano der bullige Gottvater aller modernen Antihelden ist.

Das alles weiß wohl jeder, der die letzten zwei Jahrzehnte nicht im australischen Dschungel verbracht hat. Ich hatte die furiosen Besprechungen auch gelesen, als ich mich vor gut zehn Jahren erstmals an die Sopranos heranwagte. Ich war 27 Jahre alt, ein ideales Alter für das erste Mal mit diesem Epos, aber dazu später mehr.

Wie bei so vielen großen Serienerzählungen, die dieser folgen sollten, sei es "The Wire" oder "Mad Men", dauerte es ein paar Folgen, bis ich warm wurde. Ich war ohnehin etwas skeptisch, weil ich noch nie ein großer Fan von Mafiageschichten war, und weil ich noch nicht ahnen konnte, dass es vollkommen egal war, weil das organisierte Verbrechen hier bloß als Vehikel und – wenngleich ziemlich genialer – Kosmos für die Poesie dient, mit der die Sopranos von den universellen Unzulänglichkeiten ihrer Protagonisten erzählen.

Aber spätestens ab Folge 5 der ersten Staffel, einem kleinen Kunstwerk namens "College", war ich hoffnungslos verloren an diese wilde und so wahre Welt aus Depressiven, Denunzianten, Deppen und Draufgängern, an dieses atemberaubende Panorama der Abgründe, das sich Schicht für Schicht vor mir offenbarte wie eine Power-Point-Präsentation aus dem Pulverfass der menschlichen Seele.

Die größte Stärke der Serie: Echtheit

Unzählige kleine und große Momente haben sich aus 86 Episoden in mein emotionales Gedächtnis eingebrannt (Achtung: Spoiler bis zum Ende dieses Absatzes): die Enten im Pool, der verkabelte Pussy, der Mitarbeiter des Monats, Ralphie und die Stripperin, die krabbelnde Adriana, "Don’t Stop Believin'".

Menschen, die nicht so begeistert von den Sopranos sind, bemängeln gerne das gemächliche Erzähltempo, das zwischendurch immer mal wieder angeschlagen wird. Ein Vorwurf, der zu kurz greift, ignoriert er doch die größte Stärke der Serie überhaupt: ihre Schmerzgrenzen auslotende Echtheit.

Die Sopranos sind so real, dass es schon rücksichtslos ist: Da verlaufen Smalltalks schon mal im Nichts, da machen Menschen immer wieder dieselben Fehler, da dauert der Selbstmord mit dem Strick entsetzlich lang. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass diese Serie echter ist als das Leben. Denn ich kenne es von mir selbst und aus meinem Umfeld: Wie oft reden wir uns Situationen schöner als sie sind, weil wir für den Moment keine Kraft oder keinen Mut zur Klarheit oder Maßnahme haben?

Die Sopranos haben keine Zeit für solche Sentimentalitäten. Sie zeigen uns die Konsequenz auf, zu der wir in der Realität oft nicht fähig sind. Das macht die Serie streckenweise schwer verdaulich, wenn sie uns mal wieder mit Krisen, Krankheiten, körperlicher und psychischer Gewalt konfrontiert, kurz: mit den Dingen, von denen wir uns nur zu gerne nicht eingestehen wollen, dass sie zwar zum Leben gehören, aber doch nicht zu unserem. Bis sie uns eines Tages doch einholen.

Ich war, wie gesagt, 27 Jahre alt, als ich die Sopranos zum ersten Mal gesehen habe. Ich fühlte mich damals ziemlich unverwundbar, genau genommen war die Serie nach meinem Zivildienstjahr auf einer Altenpflegestation erst die zweite Konfrontation überhaupt mit der Gewissheit, dass im Leben alles endlich, vieles sinnlos und manches unerträglich ist.

Auf einer Stufe mit den Beatles und "Star Wars"

27 ist deshalb ein gutes Alter, um die Sopranos kennenzulernen. Zehn Jahre später stelle ich fest, dass mir viele Aspekte ihrer Philosophie, die mir damals vielleicht noch so fremd wie faszinierend vorkamen, inzwischen im echten Leben längst begegnet sind. Und ich habe das dumpfe Gefühl, dass diese Erkenntnis in zehn Jahren nur noch weiter gewachsen sein wird. Eine Serie fürs Leben eben.

Die Sopranos werden von einem Autor des "Guardian" zu Recht als kultureller Urknall auf eine Stufe mit den Beatles und "Star Wars" gestellt, weil nach ihnen nichts mehr so war wie vorher. Aber vor allem haben sie jede Hymne, die bis heute auf sie gesungen wird, verdient, weil sie wagen, was große Kunst immer wagen muss: die Oberfläche zu zerschmettern und die unangenehmen Fragen zu stellen, ohne sich zwangsläufig einer Antwort sicher zu sein.

Und ihr Schöpfer, David Chase, hat, zusammen mit einem filigranen Autorenteam und einer bis in die kleinste Nebenrolle mit atemberaubenden Darstellern gespickten Besetzung, sichergestellt, dass ihnen dies von der ersten bis zur letzten Folge durchgehend mit einer Schonungslosigkeit gelingt, die immer wieder atem- und am Ende sprachlos macht.

Und weil ihnen in dieser Schonungslosigkeit nichts Menschliches fremd ist, spenden sie trotzdem Trost. Wenn sich Tonys Frau Carmela mal wieder nicht ihren Pakt mit dem Teufel eingesteht, der ihre Ehe mit dem Mafiaboss bedeutet; wenn Tonys Psychologin Dr. Melfi eine seltsame Faszination für ihren kriminellen Patienten entwickelt; wenn Tony selbst mal wieder einer depressiven Brünetten verfällt – in diesen und allen anderen Momenten sagen die Sopranos uns auch: Es ist okay. Fehler sind unvermeidbar. Die Konsequenzen aber auch. Und die gilt es gefälligst zu tragen. Mehr müssen wir eigentlich nicht wissen.

Es ist eine Botschaft, die auch vom guten Freund kommen könnte. Und in ihrer stets ehrlichen Darstellungen der Dinge sind die Sopranos für die Fans tatsächlich vergleichbar mit einem guten Freund. Genau auf diese Weise liebe ich diese große, spannende, komische, dramatische, hochphilosophische und poetische Fernsehserie: wie einen guten Freund. Und genau solchen guten Freunden werde ich sie auch bis ans Ende aller Tage empfehlen. Bis der Bildschirm einfach schwarz wird, wie am Ende der letzten Folge.

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