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Meinung

Dschungelcamp 2019: Leila Lowfire eine "versaute Sex-Tante"? Wieso Sexismus auch im Dschungelcamp nichts zu suchen hat

Alle Jahre wieder läuft das Dschungelcamp und irgendwie zieht es den Finger magisch über die Fernbedienung. Denn Fremdscham kann süchtig machen. Was aber nicht heißt, dass wir es in Ordnung finden, wenn eine Frau, die offen über Sex spricht, deshalb abgestempelt wird.

Dschungelcamp 2019 : Ein Pornostar, ein Ex-Pärchen und die Stimme von Alf – diese Kandidaten sind dabei

Dschungelcamp ist, wenn RTL jährlich ziemlich viel Geld in die Hand nimmt, um ein bisschen Formate-Recycling zu betreiben und Ex-Kandidaten aus allen möglichen Fremdschäm-Situationen der deutschen Fernsehlandschaft in ein verhältnismäßig luxuriöses Camp im australischen Dschungel zu stecken, wo sie sich dann zwei Wochen lang die Seele aus dem Leib lästern, eine Flut an Tränen vergießen und sich gegenseitig die Köppe einschlagen.

Leila Lowfire im Dschungelcamp

Leila bekam allen Ernstes einen Rüffel der Moderatoren, weil sie ihre Performance zu jugendfrei finden

Was allerdings entweder mit jedem Jahr schlimmer wird, oder mir mit steigendem Alter mehr und mehr auffällt, ist, wie unfassbar sexgeil die Produktion ist. In diesem Jahr haben sie mit Evelyn Burdecki und Domenico KeineAhnungWieDerMitNachnamenHeißt ein Ex-Paar, mit dem Yotta einen dauergeilen Proleten und mit der Eis-am-Stiel-Tante eine Softporno-Darstellerin für die ältere Generation ins Camp gesteckt. Alles in der Hoffnung, dass da irgendwo nicht nur Lagerfeuerfunken sprühen. Und dann wäre da noch Leila Lowfire. Die der breiten Masse bislang unbekannte Podcast-Moderatorin, die ihre größten fünf Minuten im Rampenlicht hatte, als sie 2017 für einen ganz kurzen Moment mit Till Lindemann auf dem roten Teppich stand, was dessen Ex Sophia Thomalla ein bisschen fuchsig machte.

Leila Lowfire und Till Lindemann

Fünf Minuten im Blitzlichtgewitter: Leila begleitete Rammstein-Sänger Till Lindemann zur Echo-Verleihung 2017

Picture Alliance

Leilas Gründe für das Dschungelcamp? Unklar. Dafür ist umso klarer, was von ihr erwartet wird.

Und doch ist sie irgendwie zwischen Ex-Schlagersängern und Bachelor-Kandidatinnen am australischen Lagerfeuer gelandet. Was ihre Beweggründe hierfür sind, ist mir ein Rätsel. Ihr Sex-Podcast mit Ines Anioli läuft mega, ihr Social-Media-Following wächst stetig und Regisseur Klaus Lemke hat sie zu seiner persönlichen Muse auserkoren. Was sich RTL von ihrem Mitwirken erhofft, scheint allerdings klar zu sein: Sex. Und viel nackte Haut. Schließlich muss jemand, der offen über Sex redet, auch dringend Bock haben, auf Dschungelpritschen den Horizontal-Konga zu tanzen, während sich Fernsehdeutschland die Chips-Krümel vom Shirt wischt und heimlich ein bisschen geil wird. Logische Schlussfolgerung scheint hier zu sein: Weil Leila über Sex redet, ist es in Ordnung, dass Sonja Zietlow sie im Fernsehen als "versaute Sex-Tante" bezeichnet.

Am ersten Tag schien Leila die Erwartungen der Produktion noch zu erfüllen. Bei der Dschungelprüfung nagte sie an irgendeinem Tierpenis (natürlich) und bemerkte pflichtbewusst, dass das ja der härteste Penis sei, den sie je im Mund hatte. Das ist lustig, locker, kein Problem. Auch die Tatsache, dass sie an Tag 1 bereits splitterfasernackt baden ging, ist super, wenn sie darauf Lust hat. Wer sich in seinem Körper so wohl fühlt, dass er Lust hat, ihn schätzungsweise 5 Millionen Zuschauern zu präsentieren – GO! FOR! IT! Aber seither gibt Leila sich – im wahrsten Sinne des Wortes – bedeckter. Trägt ein weites T-Shirt, hat ihre Walle-Mähne zu einem praktischen Zopf gebunden, macht sich keine Gedanken um Schminke und fällt nicht etwa durch Lindemann-Geständnisse sondern eher durch pragmatisches Streitschlichten auf.

Leila Lowfire im Dschungelcamp

Leila Lowfire zeigte sich direkt an Tag 1 splitterfasernackt. Wieso auch nicht.

Rüffel der Moderatoren – weil die "versaute Sex-Tante" zu wenig nackt ist

Das scheint auch dem Sender aufgefallen zu sein, denn am Sonntagabend – Tag 3 im Dschungel – gab es doch tatsächlich einen kleinen Rüffel der Moderatoren. Bei der Verkündung, wer denn heute aufs Schafott – Verzeihung! – in die Dschungelprüfung "darf", hörte man es mit einem Mal aus Daniel Hartwich kommen: "Leila, extra deinetwegen haben wir die Sendung auf nach 22:00 gelegt. Momentan könnte sie aber auch im Nachmittagsprogramm im Kika laufen." Im Klartext: Leila, zieh dich aus. Und eigentlich wollen wir auch, dass du mit irgendeinem Kandidaten in die Büsche verschwindest. Aber bitte da, wo auch Kameras sind. Ihre Antwort fiel übrigens gewieft zweideutig und doch abwiegelnd aus: "Du, an mir liegt es nicht."

Ja, ich habe 2016 auch gebannt vor dem Fernseher geklebt, das inzwischen legendäre "Chili-Gespräch" zwischen Ex-Bachelorette Jessica Paszka und Ringer Frank Stäbler verfolgt und "JETZT MACHT'S DOCH ENDLICH" gegrölt. Auch ich habe laut gekreischt, als man Alexander "Honey" Keen und Gina-Lisa Lohfink 2017 eine "romantische" Rammel-Suite in den Dschungel baute und trotz fürchterlicher Fremdscham durch meine Finger gelinst, um zu gucken, OB DIE DENN JETZT MAL RUMMACHEN! Die Produzenten machen das ja nicht schlecht. Wir verfolgen über zwei Wochen mit, wie Menschen Stück für Stück gebrochen werden und sich irgendwelche Komplizen suchen, mit denen das Ganze irgendwie leichter zu ertragen ist.

Leila Lowfire bei der Dschungelprüfung

Bekam bei der Dschungelprüfung Penis vorgesetzt: Leila Lowfire

Lassen wir uns manchmal von der Illusion mitreißen? Ja. Aber vertraglich vereinbartes Rumgepimper will doch keiner sehen.

Wenn so ein Komplizen-Paar dann einigermaßen attraktiv und ein bisschen flirty ist, interpretieren wir da die ganz große Liebe rein, sind uns sicher, dass sie auch lange nach Ende der Show noch sehr glücklich miteinander sein werden und ganz viele kleine C-Promi-Kinder kriegen und fiebern entgegen unseres besseren Wissens darauf hin, dass noch im Container/Dschungel/Bachelor-Haus der Deal gesealt wird. Wie wenig wählerisch wir da sind, sieht man schon daran, dass wir irgendwie auch heimlich für Evelyn Burdecki und Willi Herren geschwärmt haben. Willi Herren. WILLI HERREN!

Das heißt aber noch lange nicht, dass wir einfach irgendwelches – im Zweifel noch vertraglich vereinbartes – Rumgepimper zwischen Leila Lowfire und Bastian Yotta sehen wollen. Ja, beide gehen sehr offen mit ihrer Sexualität um und sind gern nackig. Aber das war's dann auch. Während der Yotta gern Bilder davon postet, wie er seiner Freundin am Arsch rumgrabbelt, zeigt sich Leila auf ihrem Instagram-Kanal zwar auch gern freizügig, wagt es aber vor allem, in einer Gesellschaft offen über Sex zu sprechen, in der einem das direkt den Stempel "versaute Sex-Tante" beschert und nicht etwa "selbstbewusster sexueller Mensch, der mit Sicherheit auch noch andere Dinge beizutragen hat". 

Ja, wir mögen Beef im Camp, wir mögen Eskalation, wir mögen skandalöse Bewohner, aber selbst wenn Leila sich jetzt den Rest der Zeit bedeckt hält und nicht mehr weiter auffällt: Tina York hat letztes Jahr 80 Prozent der Sendung verpennt und ist trotzdem Dritte geworden. Ohne Sex. Ist das alles vermutlich vertraglich vereinbart? Kann schon sein. Wusste Leila im Zweifel, worauf sie sich da einlässt? Davon ist auszugehen. Finde ich es deswegen weniger sexistisch? Nein. Kein bisschen. Niemand will von Tommi Piper, dass er seinen Lörres rausholt. Und der hat als Alf-Synchronstimme ungefähr genau so viel Daseinsberechtigung im Dschungel wie Leila.

Dschungelcamp 2019 : Ein Pornostar, ein Ex-Pärchen und die Stimme von Alf – diese Kandidaten sind dabei