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Gala gegen Juventus: Fußball total: Wie Ajax uns für einen Abend den Glauben an das schöne Spiel zurückgab

Was für ein Spiel in Turin: Ajax Amsterdam sorgt in dieser eigentlich langweiligen Champions-League-Saison schon wieder für ein einsames Highlight und bezwingt das Juventus um Seriensieger Cristiano Ronaldo. Ein Triumph, der uns nostalgisch macht.

Ajax Amsterdam

Eine Truppe, wie wir sie lange nicht gesehen haben: Die Spieler von Ajax Amsterdam jubeln im Stadion von Turin

Roger Federer ist der beliebteste Tennisspieler der Welt. Weil er die unterschiedlichsten Qualitäten vereint: Er spielt so kraftvoll wie elegant; er kann attackieren und ist gleichzeitig ein Meister des Defensivspiels; er kann den Gegner in minutenlangen Grundlinienduellen mürbe machen, lässt sich aber zwischendurch auch einen waghalsigen Kunstschlag nicht entgehen; und er lässt es alles so einfach aussehen.

In vielerlei Hinsicht erinnerte die Leistung von Ajax Amsterdam beim 2:1-Erfolg im Rückspiel des Champions-League-Viertelfinales bei Juventus Turin an Roger Federer: Die Leichtigkeit und Eleganz der Offensivspieler, der bedingungslose Einsatz in der Verteidigung (angeführt vom unwiderstehlichen, erst 19-jährigen) Matthijs de Ligt, diese Mischung aus Wucht und Leichtigkeit – und sie lassen es alles so einfach aussehen.

Ajax Amsterdam: CL-Highlight der Saison

So nahm die junge Mannschaft von Trainer Erik ten Hag in ihrem Spielrausch nicht nur die niederländischen, sondern auch alle neutralen Fans mit und dürfte deshalb mindestens für diesen Abend die beliebteste Mannschaft der Welt gewesen sein.

Das Team aus der Grachtenstadt setzte mit diesem Federer-Effekt das zweite einsame Highlight einer todlangweiligen Champions-League-Saison nach dem 4:1 im Bernabeu vor einigen Wochen – mit dem Unterschied, dass damals eine satte Mannschaft aus Madrid dran glauben musste, diesmal dagegen eine Turiner Truppe, die vielleicht hungrig wie keine zweite auf den Titel in der Königsklasse ist.

Besonders deutlich wurden die Grandezza und Groteske der Champions League, die ganze Diskrepanz dieses hochgezüchteten Wettbewerbs, in der gestrigen Konferenzschaltung bei Sky: Dort wechselte sich das Spektakel von Turin mit den Bildern aus Barcelona ab, wo die kurz vor dem Hochmut aufspielende Superstartruppe um Lionel Messi ihr aufreizendes Katz und Maus mit einem überforderten Manchester United spielte – ein Symbol für die zunehmende Einseitigkeit des Wettbewerbs.

Ajax hat es irgendwie geschafft, für eine Saison diese Gesetzmäßigkeiten der gähnenden Langeweile im internationalen Fußball außer Kraft zu setzen und uns den Glauben an das schöne Spiel zurückzugeben – mit einem Spiel, das uns nicht nur wegen der verblassenden Erinnerung an den niederländischen "Fußball total" der Ära von Johan Cruyff nostalgisch werden lässt.

Der Live-Ticker von "11 Freunde" hat es auf den Punkt gebracht: "Und Ajax spielt genau so, wie ich es mir als Kind immer mit meinen Freunden im Käfig vorgestellt habe, wenn wir davon träumten, wie wir später, in einem Champions-League-Viertelfinale etwa, gegen eine Mannschaft wie Juve, mal spielen würden. Viel direkt, meist in den Lauf, alles fließend, lieber passen als alleine machen, nicht immer komplett sinnvoll, aber eigentlich immer schön."

Diesem Ajax ist nun alles zuzutrauen

Deshalb ist dieses Ajax die atemberaubendste Fußballmannschaft der letzten Jahre. Es ist ihnen nun alles zuzutrauen, auch in einem Halbfinale gegen Manchester City oder Tottenham. Aber eines ist ebenfalls klar: Sobald sie scheitern, wird es mit diesem schönen Traum vorbeisein. Denn die großen Geldbeutel des Kontinents werden kommen und diesen Kader aus Juwelen zerfleddern, wie es so ihre Art ist, wie sie auch schon das letzte große Ajax-Team der Mittneunziger um Kluivert, Davids, Seedorf, van der Sar auseinandernahmen.

Denn gegen die Gesetzmäßigkeiten, die außerhalb des Platzes gelten, kommt selbst diese Ajax-Truppe nicht an. Aber vielleicht schaffen sie ja vorher noch eine ähnliche Sensation wie damals Kluivert, Davids, Seedorf, van der Sar: Die gewannen nämlich 1995 in blutjungen Jahren die Champions League – und begannen anschließend ihre internationale Karriere bei den ganz großen Klubs des Kontinents.

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