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Meinung

Spontane Körperkunst: Wir sollten aufhören, unsere Tattoos mit sinnlosen Bedeutungen aufzuladen

Unsere Autorin findet es überflüssig, dass manche Menschen jedem ihrer Tattoos eine tiefgründige Bedeutung geben. Warum nicht einfach ein Motiv stechen lassen, das gefällt – und auf die sinnlose Erklärung dahinter verzichten?  

Von Sara Tavakoli

Nahaufnahme von Füßen auf dem Armaturenbrett eines Autos. Ein kleiner Stern ist auf dem linken Fuß tätowiert.

Man könnte sich jetzt eine tiefgründige Bedeutung für den Stern am Fuß überlegen. Man könnte es aber auch sein lassen und einfach sagen, dass man Lust auf einen Stern hatte.

Getty Images

Vor ein paar Jahren unternahm ich eine dreimonatige Reise durch Südostasien. Nur mit meinem Rucksack bepackt machte ich mich auf die Suche nach dem Sinn des Lebens, trug nur noch weite Hosen, schlief in Hostelzimmern und ließ mich frei von jeglichen Verpflichtungen von Ort zu Ort treiben. Am vorletzten Abend meiner Reise beschloss ich, die Liste aller bedienten Klischees zu vervollständigen, indem ich mir auf Bali eine kleine Sonne auf den Fuß tätowieren ließ.

Wenn ich heute gefragt werde, wofür die Sonne steht, könnte ich eine dieser Geschichten auspacken:

1. Wenn die Sonne scheint, habe ich gute Laune – und mit der Sonne am Fuß scheint sie immer für mich, sodass mir und meiner Laune das Hamburger Wetter nichts mehr anhaben kann.

Oder 2. Die Sonne steht für meine unvergessliche Reise, die mir gezeigt hat, dass ich unabhängig bin und mit ganz viel Mut alles schaffen kann, was ich mir vornehme.

Die ersten zehn Besucher bekamen ein Gratis-Tattoo

Beide Versionen könnten wahr sein. Tatsächlich verlief das Ganze allerdings so: Am vorletzten Abend meines besagten Selbstfindungstrips war ich in einer Bar, in der den ersten zehn Besuchern ein Tattoo geschenkt wurde. Mir blieb also eigentlich nichts anderes übrig als, gemeinsam mit meiner Hostel-Zimmernachbarin, mit der ich seit etwa zehn Tagen durch Dick und Dünn gegangen war, zu überlegen, welches Motiv ich für immer auf meinem Körper verewigen könnte. Zwanzig Minuten später hatte sich die Sonne durchgesetzt – eine Stunde später hatte ich sie unter der Haut. Es hätte genauso gut ein Mond werden können. 

Jeder Strich hat plötzlich eine tiefere Bedeutung

Nun habe ich auch ein paar kleine Tattoos, deren Idee in mehr als zwanzig Minuten entstanden ist. Über mein erstes Tattoo – der Name meiner Schwester – habe ich beispielsweise sehr lange nachgedacht, und es bedeutet mir natürlich auch sehr viel. Ich finde es oft auch wahnsinnig interessant zu erfahren, was die Tattoos anderer Menschen bedeuten – (vorausgesetzt sie möchten überhaupt darüber sprechen, aber das ist ein anderes Thema). Aber manchmal sind diese vermeintlichen Bedeutungen einiger Motive einfach zu absurd, und dann möchte ich am liebsten rufen: Gib doch einfach zu, dass du Lust auf drei Linien um deinen Arm herum hattest!

Nicht jeder schwarze Balken muss für ein Familienmitglied, nicht jeder Punkt für ein Jahr Vegetarismus und nicht jede gewellte Linie für die Hochs und Tiefs des letzten Jahres stehen. So wie ein Bild in der Küche die Wand ziert, kann eine Rose den Arm zieren. Da versucht man doch auch nicht die irren Farben des Gemäldes damit zu erklären, dass man gerade eine wirre Phase hat und das Gehirn ein einziges Chaos ist.

Ich bin für viel mehr Tattoos ohne Bedeutung

Vor allem Menschen mit wenigen oder kleinen Tattoos wollen ihrer Körperkunst manchmal eine ganz tiefe Bedeutung geben oder werden zumindest häufig gefragt, wofür denn die Motive stehen. Vielleicht hat man bei Menschen mit großen oder vielen Tattoos einfach nicht die Erwartung, dass der Katzenkopf am Oberarm eine tiefgründige Bedeutung hat. Ich werde jedenfalls regelmäßig auf die Bedeutung meiner paar Mini-Tattoos angesprochen – auch auf die Sonne, bei der ich mich dann immer frage, wofür denn ein schlecht gestochener Halbkreis mit fünf herausragenden Strichen schon stehen soll.

Ich fand's einfach cool, liebe es immer noch und es erinnert mich an einen lustigen Abend auf Bali. Aber mehr als das ist es eben auch nicht.