HOME
Interview

Neues Album: Musiker Enno Bunger über Tod und Trauer: "Die größte Scheiße ist der beste Dünger"

Enno Bunger ist in seinem Privatleben in den vergangenen Jahren mit den Themen Krankheit, Tod und Trauer konfrontiert worden. Daraus hat er ein Album gemacht. Im NEON-Interview spricht der Musiker über Krebs, Hoffnung und seine neue Sicht aufs Leben.

Enno Bunger

Enno Bunger verarbeitet in seinem neuen Album "Was berührt, das bleibt" schwierige Themen: Tod, Trauer, Krankheit. Und dennoch steht am Ende die Lust aufs Leben.

Enno Bunger hat die wahrscheinlich schwerste Zeit in seinem Leben hinter sich. Zuerst erkrankte Lena, die Freundin seines besten Freundes und Schlagzeugers Nils Dietrich, an Leukämie. Dann bekam auch seine eigene Freundin Sarah Muldoon, selbst Songwriterin, eine Krebsdiagnose. Für Lena konnte zwar zunächst ein Knochenmarkspender gefunden werden, nach kurzer Zeit aber kam der Krebs wieder zurück. Lena starb im November 2017. Enno Bungers Freundin ist mittlerweile geheilt.

Der Musiker hat mit diesen Erfahrungen das gemacht, was Musiker mit solchen Erfahrungen eben machen: Er hat sie in Songs verarbeitet. Am Ende ist daraus sogar ein ganzes Album geworden, das sich um Tod, Trauer und Krankheit dreht – und um eine unbändige Lust aufs Leben. Bungers neue Platte "Was berührt, das bleibt" ist so intensiv, ehrlich und emotional, dass man sie beim ersten Mal eigentlich nicht an einem Stück hören kann.

Am Abend vor dem Interview mit NEON hat der 32-Jährige einige seiner Songs bei einem Open-Air-Konzert in Hamburg präsentiert. "Es ist mir schwer gefallen", sagt er. Aber er weiß auch, dass das Album nicht nur für ihn selbst ein "Arschtritt" war, sondern auch vielen Menschen Hoffnung geben kann: "Nach den Konzert kommen 30 Leute zu mir und sagen: 'Mir geht es genauso' oder: 'Ich kenne jemanden, der gerade in dieser Situation ist.'" Im Gespräch mit NEON erklärt Enno Bunger, wie er seine Trauer überwunden hat, welche Rolle die Musik dabei spielte und wie er jetzt aufs Leben schaut.

Enno Bunger im Interview: "Krebs ist überall"

Enno, wie geht es deiner Freundin heute?

Enno Bunger: Super, sie hat alles gut verkraftet.

Und wie geht es dir?

Mir geht’s auch super. Man fällt erst mal in ein Loch, bis man begreift, dass der Tod zum Leben dazugehört. Es fällt immer noch schwer zu akzeptieren, dass jemand so früh gehen muss, aber das Leben ist nun mal nicht gerecht. Ich wünschte, dass ich diese Lieder nicht hätte schreiben müssen, aber sie zu singen und darüber zu sprechen, hilft mir, das zu begreifen und meinen Frieden damit zu schließen.

Sowohl Lena, die Freundin deines Schlagzeugers und besten Freundes Nils, als auch deine eigene Freundin sind kurz hintereinander an Krebs erkrankt. Lena ist gestorben. Wie hast du diese Situation damals erlebt?

Überforderung. Absolute Überforderung. Innerlich war ich überfordert, äußerlich war ich im reinen Funktioniermodus. Ich steckte in einem Loch und wollte mich wegsperren. Alle rufen an, Freunde und Familie wollen wissen, was los ist, aber ich hatte eigentlich keine große Lust darüber zu reden. Es gibt so viel zu tun, dass man gar nicht zum Nachdenken kommt, was vielleicht manchmal auch ganz gut ist.

Wie hast du es trotzdem geschafft, deine Gedanken und Gefühle in Worte und Musik zu packen?

Da ging es nicht ums Musikmachen, sondern um ganz andere Dinge. Die Musik kam erst später. Normalerweise fallen mir ständig Worte und Metaphern ein, beim Autofahren zum Beispiel oder beim Duschen. Aber hier ging mir das alles so nahe, dass ich nach dem Tod von Lena zwei Monate lang nicht schreiben konnte. Es kam nichts raus – und ich wollte auch erst mal nicht.

Wie lange hat es gedauert, bis du wieder produktiv sein konntest?

Im Januar 2018, drei Monate nach Lenas Tod, kamen dann die ersten Worte und Songideen. Zum Schreiben habe ich mich für ein paar Wochen zurückgezogen, in meinen Proberaum in einem Luftschutzbunker in Hamburg und in einer Ferienwohnung auf Borkum. Ich hatte da weder Telefon noch Internet. Mir hilft die totale Isolation.

War das Schreiben da eine Art Therapie?

Zuerst musste ich einfach für mich schreiben, weil ich die Monate zuvor nur rumgesessen hatte und traurig war. Die Sachen habe ich zuerst nur für mich aufgenommen.

Und woher kam dann der Drang, mit diesem extrem persönlichen Thema an die Öffentlichkeit zu gehen?

Ich habe zum Beispiel meiner Freundin, Sarah Muldoon, die selbst Songwriterin ist, einen der Songs über ihre Erkrankung und unsere gemeinsamen Erlebnisse vorgespielt, und sie war auch sehr ergriffen, aber meinte dann ziemlich schnell auch: ‚Die eine Zeile ist aber kacke, die muss raus.‘ Und dann haben wir nicht nur diesen Song gemeinsam zu Ende geschrieben. Schlussendlich hat sie bei 10 von 11 Songs stellenweise an den Texten mitgeschrieben. Dass es ein ganzes Album mit einem Bezug zu dieser Thematik geben würde, war da noch nicht geplant.

Die Leute, die daran sehr direkt beteiligt waren, haben dich darin also eher unterstützt.

Ja, die haben mich eher bestärkt darin. Nils und ich kennen uns seit 1999, wir haben einen sehr offenen Umgang mit dem Thema. Er hat direkt zu mir gesagt: ‚Du bist Songwriter und wenn du aus dieser Geschichte künstlerisch irgendwas rausziehen kannst, dann mach das.‘ Auch Lena selbst war total stark und hat die Leute, die sie gestützt haben, mental getragen. Sie hatte die Kraft, loszulassen, hat bis zum Schluss viel gelacht. Das hat uns auch darin bestärkt.

Hast du in dem Prozess der Krankheit und Trauer auch psychologische Hilfe in Anspruch genommen?

Vielleicht mache ich das noch mal, aber bisher war immer das Klavier mein Therapeut. Da bin ich immer hingegangen, wenn Werder Bremen verloren hat oder ich Stress mit meinem großen Bruder hatte. Die Musik und das Schreiben sind für mich ein Ventil, mit Emotionen umzugehen. In der Musik bin ich manchmal eine Drama Queen, obwohl ich sonst meistens eine ziemlich ruhige Seele bin. Als Mann und Ostfriese sind das gleich zwei Klischees … (lacht)

Gibt es Dinge, die du als Mensch Enno Bunger in dieser Phase gefühlt und gedacht hast, die du als Musiker Enno Bunger bewusst zurückhältst?

Vielleicht gab es ein paar wütende Momente mehr, die nicht auf dem Album sind, weil ich eher einen konstruktiven Ansatz fahren wollte. Ich wollte nicht sagen, dass alles schlecht ist. Aber es gibt ein, zwei Klagelieder. Das Lied "Glaube an die Welt" zum Beispiel …

… darin singst du unter anderem "Alles ist gut, hast du noch gerade fest geglaubt / bis dir das Leben in die Fresse haut".

Ich hätte auch noch wütendere Songs machen können, aber das wäre Lena nicht gerecht geworden. Sie hätte nicht gewollt, dass wir aufgeben, sondern hat immer gesagt, dass wir Kraft daraus schöpfen sollen.

Die Songs, die du geschrieben hast, waren also vor allem ein Mutmacher für dich selbst – hast du im Entstehungsprozess auch schon daran gedacht, was sie für andere Leute bedeuten können, die Ähnliches erleben?

Natürlich erzählen die Songs unsere Geschichte, aber ich kenne viele Leute, die so eine Diagnose bekommen haben. Jeder Mensch kennt jemanden. Krebs ist überall. Gleichzeitig war ich verwundert, dass es kaum Lieder gibt, die explizit das Krankenhaus besingen, da gibt es fast nur Durchhalteparolen. Wenn ich über Liebe oder Freundschaft oder Tod singe, will ich das mit sehr konkreten Bildern und genauen Beispielen machen.

Was waren für dich selbst in dieser Zeit Dinge, die dir Mut gemacht haben?

Mein Hund und der menschliche Zusammenhalt. Wir sind ein enger Kreis von Freunden, wir haben uns viel unterstützt und uns gegenseitig Kraft gegeben. Ansonsten auch Musik hören, Bücher lesen, Filme gucken. Ich bin da großer Kulturkonsument und egal, was ich sehe, höre, oder lese – mich motiviert und inspiriert das immer, weil ich selbst noch so viel schreiben will. Ein Song, der mich in dieser Zeit bestärkt hat, war "Nothing’s Gonna Hurt You, Baby" von Cigarettes After Sex.

Jetzt gehst du mit den Themen Tod, Trauer und Krankheit auf Tour. Hast du keine Angst, dass das auf Konzerten für eine Grabesstimmung sorgt?

Das ist natürlich keine leichte Kost, aber es ist auch ein Motivationsalbum. So wird es auch von vielen Leuten aufgenommen, obwohl drei, vier Lieder sehr düster sind und sich direkt mit dem Tod auseinandersetzen. Es muss ja auch Leute geben, die traurige Lieder singen. Im Leben gibt es verschiedene Phasen und ich möchte gerne über alle Phasen singen.

Wie ist es für dich, wenn du jetzt die Songs singst und in Interviews ständig darüber sprichst? Wie viel kommt da hoch?

Der Abstand wird immer größer – je öfter ich etwas singe, desto mehr verwandelt sich das, was passiert ist, zu einem Song. Manchmal denke ich auf der Bühne: Krass, das ist ja mir selbst passiert. Ich singe ja schon länger traurige Musik und habe gewisse Schutzmechanismen, die mich davon abhalten, auf der Bühne in Tränen auszubrechen. Notfalls denke ich einfach an etwas Anderes. Also etwas wirklich komplett Anderes … (lacht) Das ist aber auch abhängig von der Tagesform, wie nahe es einem geht: Manchmal ist es schwierig, manchmal ist es kein Problem.

Fühlt es sich nicht seltsam an, mit dieser traurigen Geschichte so viel Aufmerksamkeit zu bekommen und in gewisser Weise auch Erfolg zu haben?

Ich hätte natürlich gern auf die Ereignisse verzichtet, die zu diesem Album geführt haben. Aber im Moment erlebe ich, wie aus dem ganzen Mist Gold wird. So viel Aufmerksamkeit habe ich für meine Musik noch nie bekommen und das ist etwas sehr Schönes. Ständig erzählen mir Menschen, wie sehr sie von den Songs berührt sind und sich oder enge Freunde von sich darin wiederfinden. Es ist wirklich so: Die größte Scheiße ist der beste Dünger für Kunst, und ich denke, dass ich nicht der erste Künstler bin, der seine größten Krisen zu Erfolgen verwandelt.

Wie siehst du den Umgang mit Tod und Krankheit insgesamt in der Gesellschaft – sollte das Thema eine größere Rolle spielen?

Ich weiß nicht, ob man jeden Tag hören sollte: Du könntest jeden Moment sterben. Aber wenn ich morgens nicht aus dem Quark komme, ist es für mich ein Antrieb, dass die Zeit begrenzt ist und ich nicht immer die Möglichkeiten haben werde, die ich jetzt habe. Es kann nicht schaden, sich damit auseinanderzusetzen.

Ist der Tod ein Tabuthema?

Nein, da gibt es andere Tabus. Der Tod betrifft jeden von uns und ich nehme ihn auch deshalb nicht als Tabu wahr, weil ich als Junge schon auf Beerdigungen Kirchenmusik gemacht habe. Ich fand die Beerdigungen, auf denen ich Musik machen durfte, immer viel wahrhaftiger als ein kitschiges "You Raise Me Up" auf einer Hochzeit. Es war immer eine große Ehre, einen Verstorbenen mit den letzten Tönen auf seinem letzten Weg zu begleiten.

Wie sehr hat die Beschäftigung mit dem Tod deine Sicht aufs Leben und deine Art zu leben verändert?

Ich bin nicht mehr der Nörgel-Enno, sondern insgesamt zufriedener. Wenn bei Konzerten etwas technisch nicht läuft, dann atme ich einfach durch und denke, dass ich mich nicht so aufregen sollte. Da lache ich darüber, wie mich früher solche Dinge so ärgern konnten. Im persönlichen Leben will ich zum Beispiel weniger Quatsch auf Social Media machen. Ich habe in meinem Leben wahrscheinlich schon Jahre einfach auf einen Bildschirm gestarrt und habe manchmal das Gefühl, das bewirkt eine Art digitale Demenz bei mir, da bleibt zu wenig hängen. Ich möchte mehr rausgehen und die Zeit aufmerksamer und aktiver nutzen.

In deinem Song "Bucketlist" geht es genau darum – Dinge, von denen man träumt, nicht aufzuschieben, sondern umzusetzen. Gibt es einen Traum, den du dir nach der schweren Zeit, durch die du gegangen bist, selbst erfüllt hast?

Ich habe eine Amerika-Reise gemacht, von der ich immer geträumt habe. Sarah ist Halb-Amerikanerin, wir haben ihre Oma besucht und sind den Pacific Coast Highway bis nach Montana hochgefahren. Ich hatte Europa vorher noch nie verlassen und es war eine der schönsten Erfahrungen, die ich in meinem Leben gemacht habe. Aber im Grunde tue ich das mit der Musik schon lange: Dinge, die ich liebe, nicht aufzuschieben, sondern zu machen. Dass das sogar mein Beruf ist und Leute mir zuhören, ist für mich das größte Geschenk überhaupt. Meine Liste ist trotzdem noch lang. Da ist unter anderem Roger Willemsen mein Vorbild, der geschrieben hat: ‚Wir können das Leben nicht verlängern, aber wir können es verdichten.‘


Themen in diesem Artikel