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Interview

Neues Buch "Kurt": "Ich hab keine Angst vor Trauer" - Sarah Kuttner über Tragödien

Sarah Kuttner erzählt in ihrem neuen Roman "Kurt" vom Leben einer Patchworkfamilie in Brandenburg, das durch den Tod des kleinen Sohnes erschüttert wird. Ein Gespräch über das komplizierte Thema Trauer, ihre Vorliebe fürs Düstere und warum wir alle nur so tun, als wären wir erwachsen.

Sarah Kuttner

Sarah Kuttner: "Wenn man es nicht hinkriegt, zusammen zu trauern, wird es schwer"

Dein neuer Roman "Kurt" erzählt vom Umgang einer Patchworkfamilie mit dem Tod ihres Kindes. Wie schwierig war es, über so ein Thema zu schreiben?

Ich fand es nicht so schwierig. Ich weiß, es klänge sexier, wenn ich sagen würde: Ich habe gekämpft wie bescheuert. Aber so war es nicht.

Obwohl die Trauer das große Thema im Buch ist?

Ich habe keine Angst vor Trauer. Ich schreibe oft über Dinge, mit denen ich in den vergangenen Jahren Berührungspunkte hatte und in den letzten vier Jahren war es eben der Tod einiger Menschen in meiner nahen und etwas ferneren Umgebung und die damit verbundenen Umstände.

Wie hast du das erlebt?

Der Freund einer guten Freundin ist vor ein paar Jahren an Krebs gestorben. Ich habe diese Freundin dann aus ihrer Wohnung geholt, weil ich dachte: Die kann jetzt nicht alleine sein. Also hat sie direkt nach der Beerdigung drei Monate bei mir gewohnt. Da habe ich viel gelernt über Trauer: was jemand braucht, was ich geben will, und welche Probleme sich dadurch ergeben.

Zum Beispiel?

Es gab einen Moment nach anderthalb oder zwei Monaten, da hatten wir einen richtig guten Tag: Wir sind rausgegangen, waren shoppen, hatten Spaß, haben viel gelacht. Später saßen wir zuhause auf dem Küchenboden und haben die Preisschilder von den Klamotten abgeschnitten.

Klingt doch nach einem ziemlich perfekten Tag.

Aber plötzlich klingelt ihr Telefon und von einer Sekunde auf die andere schlägt die Stimmung um. Die Person am anderen Ende der Leitung fragt: Wie geht’s dir denn, Mäuschen? Und meine Freundin sagt: Naja, geht so. Da hab ich sie gefragt: Warum machst du das? Du schuldest es dieser Person nicht, traurig zu sein. Im Gegenteil: Vermutlich würde die Person sich freuen, dass es dir gut geht.

Sarah Kuttner: "Kurt" und die Trauer

Trauer ist für eine Einzelperson schon schwierig genug. Kann eine Beziehung so eine Tragödie wie die um den kleinen Kurt überstehen?

Sie kann, aber sie muss nicht. Es gibt wahrscheinlich Statistiken, wie viele Beziehungen es schaffen. Wenn man es nicht hinkriegt, zusammen zu trauern, wird es schwer. Dabei könnte auch alles so einfach sein: Da sind zwei Menschen mit starken Schmerzen – die könnten sich auch gut aneinander festhalten und voneinander zehren.

Nun geht es in deinem literarischen Werk ja traditionell ein bisschen düsterer zu.

Ja, das mag ich wahnsinnig gerne. Am Anfang sollte es nur eine Geschichte über eine Patchwork-Familie sein, aber ich habe relativ schnell gemerkt, dass das nicht so meins ist. Da kenne ich mich nicht so gut aus – und so hart das klingt, ist mir das auch nicht stressig genug. Leben ist anstrengend und Leben tut weh, und auch in Filmen und Serien und Büchern berührt es mich immer nur dann, wenn etwas nachvollziehbar Schlechtes passiert.

Redet der Verlag dir denn nie rein?

Der Verlag und ich – wir reden im Grunde vorher nicht viel miteinander. Die vertrauen mir. Ich sage ihnen kurz Bescheid, dass ich ein neues Buch schreibe und dann ist erstmal Ruhe. Kein Vertrag, kein Geld, kein Abgabetermin. Ich schreibe nicht gern unter Druck. Auch weil ich bis zum Ende immer nicht glaube, das Buch wirklich beenden zu können. Etwas absurd.

Du bist im Fernsehen bekannt geworden. Fühlst du dich überhaupt als Schriftstellerin?

Sarah Kuttner: "Kurt", Roman, S. Fischer, 20 Euro

Sarah Kuttner: "Kurt", Roman, S. Fischer, 20 Euro

Ich habe nicht das Gefühl, Schriftstellerin zu sein. Ich sehe mich schon eher als Moderatorin, weil ich das einfach länger gemacht habe in meinem Leben. Das ist mein Beruf. Der Rest passiert zwischendurch. Ich kann immer gar nicht glauben, dass ich ein ganzes Buch geschrieben habe. Das halte ich dann wie ein Idiot in der Hand und denke: Geil, wie habe ich das denn gemacht?! Nicht das ich mich nicht an den Prozess erinnern könnte, sondern eher auf die Art: Gut, dass ich den Satz aufgeschrieben habe, denn der würde mir im Leben nicht noch einmal einfallen. Im Grunde stehe ich dann wie ein kleines, nicht ganz so helles Kind neben mir und denke: Ah, ein Buch – und ich hab das geschrieben! Und ich glaube, wenn ich so denke, bin ich keine echte Schriftstellerin.

Wie reagiert man mit so einer Haltung eigentlich auf Kritik?

Immer wenn ich ein neues Buch oder eine neue Sendung habe, denke ich: Diesmal müssen das doch alle gut finden! Und dann lese ich eine Kritik und merke: Hm, okay, doch nicht. Und dann höre ich auf, noch mehr Kritiken zu lesen. Weil mich das unsicher macht. Ich wünschte, ich hätte den Arsch in der Hose zu denken: Ist mir egal. Aber wenn ich kritisiert werde für etwas, bei dem ich mir wirklich Mühe gegeben habe, und von dem ich denke, dass ich es wirklich gut gemacht habe, dann tut das wirklich weh. Dadurch wird die Unsicherheit, die ich sowieso in mir trage, nur auf eine ungesunde Art noch befeuert.

Vor acht Jahren hast du in einem NEON-Interview anlässlich deines damals erschienenen Romans "Wachstumsschmerz“ gesagt, dass du oft das Gefühl hast, eigentlich mal erwachsen werden zu müssen, aber nicht das Gefühl hast, es zu sein. Bist du inzwischen erwachsen geworden?

Ich habe gestern erst einen relativ erfolgreichen Tweet abgesetzt: Alter, ich bin jetzt 40 und ich habe immer noch das Gefühl, dieses Erwachsensein zu spielen – und ich habe Angst, dass ich damit irgendwann auffliege. Und die Leute haben das wie wild retweetet und Sachen geschrieben wie: Ey, das ist ab 50 auch nicht anders. Ich glaube, dass das auch nicht mehr kommt. Ich glaube, wir haben alle nur ein Bild davon im Kopf, wie erwachsene Menschen aussehen. Aber in Wirklichkeit denken und fühlen wir uns zwischendurch immer noch wie 16. Was erschreckend ist, weil das bedeutet, dass es Leuten mit Macht auch nicht anders geht – dass also die Obamas und Merkels auch nicht anders denken.

Der Umkehrschluss ist, dass sich alle nur erwachsen verhalten.

Ja, dass sie nur so wirken. Ich muss erwachsene Entscheidungen treffen: Ich habe alle möglichen Versicherungen abgeschlossen; ich bin eine relativ starke Helikoptermutti, was meine Hunde betrifft; ich bin schon eher verkrampft und mag gerne Ordnung; ich bin auch relativ OCD. Und trotzdem fühle ich mich irgendwo zwischen 18 und 21 – aber vielleicht ist das auch nur mein Wesen. Natürlich kommt im Laufe der Zeit auch Weisheit hinzu. Ich bin gegenüber Menschen anders als früher – aber das ist mehr so eine Art Handwerk.

Und das Handwerk wird von persönlichen Erfahrungen geprägt.

Exakt. Ich bin nicht mehr so cholerisch und aufmüpfig, ich bin inzwischen milde geworden. Bei jedem, der mir auf den Sack geht, versuche ich zu denken: Ja, aber vielleicht ist der nur traurig oder unsicher oder hatte eine beschissene Kindheit oder so. Das ist entspannter, als direkt in die Luft zu gehen.

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kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(