HOME

Neues Album "Trettmann": Hilfe! Ich glaube, Trettmann liest mein Tagebuch

Vermutlich hat jeder so einen Künstler, der ihm immer wieder aus der Seele zu sprechen scheint. Für unsere Autorin ist das Trettmann – und so langsam bekommt sie das Gefühl, dass er ihr Tagebuch liest.

Trettmann tourt derzeit mit seinem neuen Album durch Deutschland

Trettmann tourt derzeit mit seinem neuen Album durch Deutschland

Picture Alliance

An das erste Mal, dass mich Musik zum Weinen gebracht hat, erinnere mich noch, als wäre es gestern gewesen. Es war Anfang 2008, Klapphandys waren der heiße Scheiß, alles wichtige Drama spielte sich auf msn ab und wer etwas über eine andere Person erfahren wollte, studierte ihre SchülerVZ-Gruppen. Ich, eine laufende Hormonbombe, war unsterblich in meinen besten Kumpel verknallt und dementsprechend verzweifelt. Also rollte ich den Familiencomputer auf seinem Wägelchen in mein Zimmer, rief das Foto des Objekts meiner Begierde auf, welches ich vorher wie der kleine Creep, der ich war, heruntergeladen hatte, und drehte das eine Lied, das mir aus der Seele sprach, zu ohrenbetäubender Lautstärke auf: "Apologize" von One Republic.

Es ist nicht so, als hätte der Text irgendetwas mit meiner persönlichen Situation zu tun gehabt – niemand hatte irgendetwas angestellt, keiner schuldete mir eine Entschuldigung –, aber wenige Monate zuvor waren Nora Tschirner und Til Schweiger wegen einer Liebe, die ich als mindestens so verzweifelt wie meine eigene empfand, zu genau diesem Soundtrack durch "Keinohrhasen" gerannt und das reichte, um mich wie einen Schlosshund heulen zu lassen.

Seitdem sind ein paar Jahre vergangen, meine Hormone haben sich wieder eingerenkt, mein bester Kumpel findet diese Geschichte extrem witzig und ich hatte tatsächlich nie wieder wegen eines Songs geweint – bis zum vergangenen Sommer.

Die Menge tanzte – und ich heulte Rotz und Wasser

Ich war gerade umgezogen und hatte zusammen mit der alten Stadt auch eine extrem ungesunde Beziehung hinter mir gelassen. Aber wie das nun einmal so ist, hingen mir Liebeskummer und Schuldgefühl trotz eines überwältigenden Gefühls von Erleichterung noch ziemlich nach. Da im Radio zu jeder Tages- und Nachtzeit gefühlt ausschließlich kitschige Balladen von Sam Smith und Konsorten liefen, entschied ich mich kurzerhand, für die nächsten paar Monate zur Sicherheit eine vom Streaming-Anbieter zusammengestellte Deutschrap-Playlist zu hören. "Schlau", dachte ich und klopfte mir selbst auf die Schulter, "da laufen schließlich nur Songs über Drogen, Sex und Geld." Von wegen!

Als ich "Billie Holiday" von Trettmann zum ersten Mal hörte, war es, als würde er direkt mit mir sprechen. Trettmann sang "Ja, ich weiß, die Wahrheit tut weh // Doch ich muss jetzt weiter, okay?" und ich weinte. Er sang "Abschied nehmen fällt mir nicht mehr schwer // Die Stadt so vergänglich und leer" und ich weinte noch mehr. Hätte mich jemand gefragt, wie es mir ging, ich hätte meinem Gegenüber Kopfhörer und mein Handy geben können und alle Fragen wären beantwortet gewesen. Das ging so weit, dass ich den Song aktiv meiden musste, wenn ich nicht unbedingt in der U-Bahn in Tränen ausbrechen wollte und ihn hören konnte, wenn der Druck auf der Brust zu groß wurde.

Ein paar Monate später spielte Trettmann auf einem Festival in ausgerechnet der Stadt, die für mich so belastet von Erinnerungen war. Es war dunkel und während die Menge um uns herum feierte, hörte ich die ersten Töne von "Billie Holiday". Selbst wenn ich gewollt hätte, ich hätte es nicht aufhalten können – und so fand ich mich auf einmal schluchzend und mit dicker Rotzenase in einer tanzenden Menge wieder. Und was soll ich sagen? Es war eins der befreiendsten Gefühle, die ich je erlebt habe.

Langsam bekomme ich das Gefühl, dass Trettmann mein Tagebuch liest

Vor Kurzem also kam Trettmann in meine Stadt. Und obwohl ich mir fast sicher war, dass ich den Abend diesmal ohne große Tränenausbrüche überstehen würde, wurde ich bei den ersten Klängen nervös. Zwar ist seit meinem Umzug inzwischen einiges an Zeit vergangen und vieles, was mich damals noch belastete, zu immer grauerer Geschichte geworden, aber so richtig heilen tut sowas ja irgendwie nie. Doch der große Tränenausbruch blieb aus und ein beinahe wohliges Gefühl machte sich breit. In Erinnerung an eine Zeit, in der mir die Tatsache, dass noch jemand meine Gefühle kannte und sie besser ausdrücken konnte als jede Power-Ballade dieser Welt, ein großer Trost gewesen war.

Und während ich mich noch in Sicherheit wiegte und leicht angeschwipst mitschunkelte, schlichen sich die Lyrics eines Songs des neuen Albums in meinen Gehörgang. Und da war er auch schon, der Kloß. Denn ein bisschen so, als würde er in meinem imaginären Tagebuch lesen, hat Trettmann es mal wieder geschafft, mir aus der Seele zu sprechen.

Vielleicht liest Trettmann mein Tagebuch, vielleicht interpretiere ich viel zwischen den Zeilen, vielleicht ist es die Stimmlage und vielleicht hat auch jeder von uns einfach einen Künstler, der ihm ans Herz geht. Und vielleicht ist das "Warum" in diesem Fall auch einfach egal. Ich gehe jedenfalls nie wieder ohne Taschentücher zum Trettmann-Konzert.