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Selbstversuch: Ich bin ungeschminkt feiern gegangen und habe dabei eine wichtige Erkenntnis gewonnen

Ohne Make-up im Club? Kein Problem, dachte sich unsere Autorin – bis sie es für NEON tatsächlich ausprobiert hat. Wie es ihr ergangen ist und warum sie Zeit im Badezimmer braucht, um loslassen zu können. Ein Selbstversuch.

Von Caroline von der Goltz

Selbstversuch: Ungeschminkt feiern gehen

Links unsere Autorin, wie sie normalerweise feiern geht – und rechts vollkommen ungeschminkt

neon.de

Ich drehe den wachsweichen Stift vorsichtig aus seinem Zylinder. Male damit meine leicht geöffneten Lippen aus. Reibe Unter- und Oberlippe sanft aneinander, um das Rot gleichmäßig zu verteilen. Tupfe ein paar mal behutsam mit dem Ringfinger nach – und befreie ihn, den Mund, aus seiner beiläufigen Existenz, und designiere ihn zu einem Blickfänger, der wunderbar leuchtet und meinem Gesicht Kontur verleihen soll.

Schminken ist ein Ritual, besonders vor der Party

Schminken ist ein Ritual. Eine kurze und gleichzeitig sehr ergiebige Praxis, die – sofern die nötigen Utensilien zur Verfügung stehen – immer und überall ausgeführt werden kann. Sie betont, was gefällt, und kaschiert vermeintliche Unzulänglichkeiten. Und trotz unseres Wissens über die Künstlichkeit und Vergänglichkeit dieser Maske, gibt sie uns ein gutes Gefühl und wiegt uns in Sicherheit. Das wusste schon Cleopatra.

Im meinem Alltag spielt Make-up keine übergeordnete Rolle. Mal trage ich welches und mal eben nicht. Erledigungen (Post, Supermarkt, Waschsalon) werden per se ungeschminkt gemacht und auch meine Kollegen sehen mein Gesicht zuweilen in seiner natürlichsten Form, meistens dann, wenn das Bett am Morgen besonders gemütlich war. Sollte also kein Problem sein, ungeschminkt in den Club zu gehen. Oder?

Am Tag der Party, ein Freitag, bin ich wie gewöhnlich gegen 19 Uhr Zuhause eingetroffen, habe eine Kleinigkeit gegessen, mir währenddessen "Rick & Morty" reingezogen, und über die zurückliegende Woche sinniert. Nachdem ich eine passende Klamotte (schwarz, darin fühle ich mich am wohlsten) ausgewählt und angezogen hatte, fand ich mich ein wenig verloren, an einem Glas Wein nippend, am Küchentisch wieder. Irgendwie komisch, make-up-los in den Abend zu starten. Nicht etwa, weil ich mich unvollständig gefühlt habe. Nein, der Abend selbst hatte etwas Rudimentäres, fast Belangloses.

Feiern gehen ohne Make-up – fällt es überhaupt auf?

Auf der Party hatte niemand bemerkt, dass ich kein Make-up trug. Warum auch: Ich war umgeben von denselben Menschen, mit denen ich im ungeschminkten Alltag zu tun habe. Trotzdem hat es eine Weile gedauert, bis ich in Fahrt kam. Bis ich loslassen und genießen konnte.

Was ich erst am nächsten Morgen begriff: Nicht das leuchtende Rot des Lippenstiftes verschaffte mir sonst ein Gefühl der Unbefangenheit, sondern der Akt des Auftragens ein paar Stunden zuvor. Jener Akt, der die sinnlichste Partie meines Gesichts und – viel wichtiger – die hedonistische Facette meiner Persönlichkeit aufwandslos zum Leben erweckt. Transformation im Außen heißt Transformation im Innen. Diese 20 Minuten im Badezimmer sind eine Ablösung von einer unter Umständen anstrengenden Woche, die ich hinter mir lassen möchte. Die Zauberkugel, in der mein Arbeits-Ich zu einem Freizeit-Ich metamorphosiert. Ein intimer Moment mit mir selbst.

Vielleicht kann ich auch das irgendwann loslassen. Bis dahin ist der Lippenstift mein Komplize.

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