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Zwischen zwei Kulturen: Dinge, die ich früher als Tochter iranischer Eltern peinlich fand – und heute liebe

Dass Kindern das Verhalten ihrer Eltern peinlich ist, kommt wohl häufiger vor. Bei unserer Autorin fing es aber schon bei den Namen ihrer Eltern an, die ihr "nicht deutsch genug" waren. Heute sieht sie das zum Glück völlig anders.

Von Sara Tavakoli

Sarah als kleines Kind auf dem Schoß ihrer Mutter. Dahinter ihr Vater, der ihre jüngere Schwester im Arm hält.

Unsere Autorin Sara auf dem Schoß ihrer Mama, mit ihrem Papa und ihrer Schwester. Hier haben sie im Jahr 1999 im Haus ihrer Großeltern persisches Neujahr gefeiert

Meine Eltern sind vor mehr als dreißig Jahren aus dem Iran nach Deutschland gekommen. Mittlerweile haben sie die meiste Zeit ihres Lebens hier verbracht. Meine Mama bezeichnet Deutschland schon lange als ihre Heimat, mein Papa sagt, er könne nie wieder im Iran leben. Und fragt man Nachbarn oder Freunde, würden sie wohl sagen, dass meine Eltern schon "ziemlich deutsch" sind. Trotzdem habe ich viel von der iranischen Kultur mitgenommen: Meine Schwester und ich sprechen fließend farsi, wir besuchen regelmäßig meine Familie in Teheran und iranisches Neujahr wird bei uns genauso euphorisch gefeiert wie Weihnachten. Heute liebe ich das – früher war das ganz anders.

Sara ohne h war viel zu exotisch

Als Kind hätte ich auf meine iranischen Wurzeln gut und gerne verzichten können. Das Gefühl, irgendwie anders zu sein, fing schon bei meinem Namen an: Sara ohne h. Viel zu exotisch. Erst kürzlich fand ich bei meinen Eltern im Keller meinen alten Scout-Schulranzen mitsamt alter Schnellhefter, die alle dick und fett mit "Sarah" beschriftet waren. Wenn es in der Schule um die Namen unserer Eltern ging, zog ich mich zurück und hoffte, dass keiner bei mir nachfragte. Bei Sabine, Dieter, Martina und Thomas konnte ich schließlich nicht mithalten – manchmal wandelte ich den Namen meiner Mutter Nooshin einfach in Uschi um. Ob es nun ein schöner Name war oder nicht, war mir egal – hauptsache er klang deutsch. Wenn man schon beim Sprechen ihren leichten Akzent heraushörte, so sollte doch wenigstens der Name "normal" sein.

Unangeschnallt und mit persischer Musik im Auto

Es blieb aber natürlich nicht nur dabei, dass mir unsere Namen und der Akzent peinlich waren. Ich kann mich noch gut an die Mutter meiner besten Freundin im Kindergarten erinnern: Wenn wir uns ins Auto setzen, wartete sie immer so lange, bis wir angeschnallt waren, fragte sogar noch einmal nach und fuhr erst dann los. Meine Mama tat das nicht. Sie fuhr einfach los. Verzweifelt und sowieso schon beschämt wegen der persischen Musik, die uns beim Einsteigen begrüßte, rief ich nach vorne, sie solle doch bitte warten, bis wir angeschnallt sind oder zumindest fragen, ob wir bereit sind. Noch peinlicher war mir, dass mein sehr höflicher Vater meine 8-jährigen Freunde mit "Guten Abend" begrüßte. Er solle doch einfach "Hey“ sagen – genauso cool wie die anderen Väter. Zu cool fand ich meine Eltern dagegen, wenn es um meine Hausaufgaben ging. Während andere Eltern akribisch die Hausaufgaben kontrollierten, musste ich meine Eltern darum bitten, genauer hinzuschauen.

Fladenbrot mit Schafskäse vs. Bauernbrot mit Salami

Wenn ich Freunde zu Besuch hatte, kam meine Mama irgendwann mit einem riesigen Obstteller in mein Zimmer. Sie müsse das nicht machen, erklärte ich jedes Mal. Andere Mütter würden das schließlich auch nicht machen. Essen war sowieso immer ein Leidensthema für mich: Während meine Klassenkameraden ihre Apfelschnitze, Gurkenscheiben und Salamibrote aßen, traute ich mich kaum, mein Fladenbrot mit Schafskäse und frischer Minze auszupacken. Lieber ließ ich es in der Brotdose, bis schließlich eins dieser drei Szenarien eintrat: 1. Ich aß es alleine auf dem Nachhauseweg, 2. Zu Hause angekommen stopfte ich es ganz heimlich ganz tief in den Mülleimer oder 3. Ich ließ es verschimmeln, bis der Inhalt der Dose nicht mehr zu identifizieren war und ich das nicht gegessene Fladenbrot auf meine Schusseligkeit schieben konnte.

Wenn ich nach der Schule Freunde mit nach Hause brachte, war eine der schlechtesten Nachrichten, dass es Safran-Reis mit Hühnchen, Berberitzen und Pistazien gab. Konnte meine Mama nicht einfach Nudeln mit Tomatensoße kochen? Ich verstand es einfach nicht.

Ein Picknick ohne Wassermelone ist kein Picknick

Unverständnis hatte ich auch, wenn wir bei schönem Wetter einen Ausflug in den Freizeitpark in unserer Nähe unternahmen. Dort konnte man auch grillen, also kam die gesamte Familie mit – von jung bis alt. Während vor uns in der Schlange vierköpfige Familien, vielleicht noch mit Oma und Opa, gesittet anstanden, bildete sich um uns herum eine Traube von mindestens 15 Menschen, drei Wassermelonen und vier Kühlboxen. Unser Picknick bestand dementsprechend nicht aus Kartoffelsalat, Würstchen und Gemüsepäckchen, sondern aus vier verschiedenen Salaten (darunter natürlich kein klassischer Nudelsalat), 24 Stunden eingelegten Hühnerschenkeln und aufwändig marinierten Steaks. Zu allem Überfluss gab es noch Schwarztee und Baklava zum Nachtisch.

Meine 37-köpfige Familie ist die beste

Ich möchte an dieser Stelle anmerken, dass ich bei bei all dem Erzählten im Grundschulalter war. Ich war also kein verwöhntes undankbares Kind, sondern einfach zu jung, um zu begreifen, warum ich nicht so war wie alle anderen. Ich wusste noch nicht, wie wertvoll es ist, eine andere Sprache zu sprechen, eine riesige Familie zu haben und das Beste aus zwei völlig verschiedenen Kulturen zu lernen. Heute weiß ich das, liebe diesen Teil von mir und möchte es genauso an meine eigenen Kinder weitergeben.

Meine Kinder werden iranische Namen bekommen, farsi sprechen lernen und regelmäßig nach Teheran fliegen. Wir werden nicht nur Weihnachten, sondern auch Neujahr groß mit der ganzen Familie feiern. Es wird im Auto laut orientalische Musik laufen, in die Brotdosen kommt auch mal Fladenbrot mit frischer Minze, ich werde Obstteller anrichten und es ihnen bringen, und nach der Schule wird es Nudelauflauf, aber auch Safranreis mit Berberitzen geben. Und wenn schönes Wetter ist, werde ich meine Freunde und ganze Familie zusammentrommeln und hoffen, dass irgendjemand neben den drei Wassermelonen und vier Kühlboxen noch an den Schwarztee mit Baklava gedacht hat.