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Teaser Norderstedt
Podcast Folge 3

NEON-Kurzgeschichte "Norderstedt": Sie will Schriftstellerin werden – und bezahlt für ihren Traum einen teuren Preis

Fiona hat sich im Eiltempo in Hamburg eingelebt. Es könnte kaum besser laufen. Doch dann begeht sie einen folgenschweren Fehler. Die neue Folge unseres Podcasts "Norderstedt" – die NEON-Kurzgeschichte.

Ist das wirklich mein Leben? Fiona konnte es kaum fassen, aber die Antwort auf ihre selbstgestellte Frage lautete: Das ist mein Leben! Lediglich ein paar Monate hatte es gedauert, bis sie nichts mehr an ihr Heimatkaff Norderstedt erinnerte. Sie wohnte jetzt in St. Pauli auf schnuckeligen 30 Quadratmetern. Sie hatte eine neue Liebe gefunden, ohne dass sie nach einer gesucht hätte, aber Lenny war so anders als ihr Ex-Freund Max, und auch so anders als die seltsamen Typen, die in Hamburg sonst überall herumliefen.

Außerdem studierte Fiona Kreatives Schreiben und Kulturwissenschaften an der Uni, nebenbei arbeitete sie noch in drei Jobs gleichzeitig: als Kellnerin in der Toastbar, als Kartenabreißerin im Kunstkino und als Kassiererin im Drogeriemarkt. Sie war selbst erstaunt, wie mühelos ihr alles parallel gelang – aber diese Stadt, dieses Hamburg, schien eine unbändige Energie in ihr freizusetzen. Eine Energie, die ihr sogar noch erlaubte, nachts an ihrem Roman zu feilen.

Das Schreiben war das Einzige, was ihr bei aller neugewonnenen Freiheit noch Sorgen bereitete. Genauer gesagt: natürlich nicht das Schreiben an sich, denn Ideen und Inspirationen kamen ihr so zahlreich wie immer, sondern die Suche nach einem Verlag. Sie traute sich endlich, ihr Manuskript einzureichen. Früher hatte ihr Exfreund Max sie noch ständig und erfolglos ermutigen müssen, inzwischen war sie selbst der Meinung: Ihre Werke gehörten veröffentlicht. Sie war nicht nur selbstständiger, sondern auch selbstbewusster geworden.

Binnen weniger Wochen hatte sie ein 200 Seiten starkes Manuskript verfasst – einen Roman mit dem Titel "Norderstedt". Er handelte von der Flucht der Protagonistin Frieda aus der Vorstadt in die große Stadt, wo der jungen Frau alles zu gelingen scheint: Sie trifft ihren Traummann, findet eine schöne Wohnung, sie studiert und jobbt und hat mehr Energie als alle anderen. Nur Friedas großer Traum vom eigenen Buch, der Traum, eine große Schriftstellerin zu werden, will sich zunächst nicht erfüllen. Doch dann gerät ihr Manuskript in die Hände eines mächtigen Verlegers ...

Fiona schickte ihr Manuskript an alle Verlage, deren Bücher sie zuhause im Regal hatte. Jede einzelne Rückmeldung ließ mindestens Wochen, meistens Monate auf sich warten, und jede von ihnen war in ähnlichem Ton formuliert. Sie lasen sich ungefähr so: "Liebe Fiona Forster, danke für die Zusendung Ihres Manuskripts. Ich habe mich ausführlich mit dem Text beschäftigt und finde ihn unterhaltsam und überaus lebendig. Für uns kommt er leider nicht in Frage, da er nicht in unser Programm passt. Ich wünsche Ihnen alles Gute für Ihre weitere Arbeit und hoffe, dass Sie bei einem anderen Verlag mehr Glück haben. Mit besten Grüßen ..."

Fiona hatte gerade die 23. Absage erhalten, als sie das Interview mit dem Lektor eines großen Verlages im stern las: In den letzten 35 Jahren, so der Lektor, sei in seinem Verlag nur ein einziges unverlangt eingesandtes Manuskript veröffentlicht worden. Und er sei sich ziemlich sicher, dass diese Quote auf alle großen Verlage zutreffe.

Fionas Herz setzte einen Schlag aus, als sie die Zeilen las. Zum ersten Mal stellte sie die Erfolgsaussichten ihrer Mission in Frage. Sie hatte nicht ein einziges Mal gezweifelt, seit sie in Hamburg angekommen war, aber jetzt kamen alle Unsicherheiten auf einen Schlag: Was, wenn sie die ganze Zeit gegen Windmühlen kämpfte? Was, wenn sie gar keine Chance hatte, ganz egal, wie gut ihr Manuskript wirklich war? Was, wenn bei den Verlagen keiner einen Blick in ihren Text warf und das Manuskript ungelesen in den Schredder wanderte? Was, wenn alles umsonst war?

Vielleicht war es Zufall, vielleicht war es Fügung, aber neben dem Interview hatte eine Agentur eine kleine Anzeige geschaltet. Die Instabook Literary Agency versprach: "Wir vermitteln Manuskripte an Verlage." Es war beinahe unheimlich, wie diese fünf Worte Fionas aufkommende Panik in Hoffnung verwandelten. Nein, das konnte kein Zufall sein. Sie hatte schon davon gehört, dass fast jeder Schriftsteller heutzutage einen Agenten beschäftigte, der die Bücher an den Verlag brachte und die besten Verträge für seine Schützlinge aushandelte. Genau so einen Agenten brauchte sie auch.

Fiona freute sich über die freundliche und ungewöhnlich rasche Rückmeldung der Instabook Literary Agency. Die Agentur prüfte ihr Manuskript, befand es für gut und empfahl auch gleich einen passenden Verlag: der Müller-Verlag sei "eines der wenigen seriösen Häuser" und "gleich bei uns um die Ecke in der Nachbarschaft ansässig", wie es in der Anzeige hieß. Klingt gut, dachte Fiona. Vom Müller-Verlag hatte sie zwar noch nie gehört, aber sie kannte sich auch nicht aus in der Branche. Was hatte sie schon zu verlieren?

Es dauerte keine drei Tage, ehe sich der Müller-Verlag bei Fiona meldete. Dem Anschreiben im DIN-A4-Format lag nicht nur eine euphorische Einschätzung zu "Norderstedt" bei, sondern auch ein unterschriftsreifer Vertrag. Ein Buchvertrag! Fiona konnte es kaum fassen. Verlagschefin Rita Müller persönlich hatte den Brief unterzeichnet, in dem es unter anderem hieß, dass Fiona mit "extrem viel Feingefühl und Gespür für Dialoge" die Sorgen und Nöte junger Erwachsener "in unserer zunehmend anonymisierten Großstadtwelt" beschreibe. Das gesamte Manuskript lasse "ein literarisches Naturtalent" erkennen.

Ein literarisches Naturtalent? Fionas Mund wurde immer trockener. Ihr allererster Buchvertrag, sie musste ihn nur noch unterzeichnen. Vor Freude hätte sie deshalb beinahe die Klausel auf Seite zwei übersehen. Weil das Verlagsprogramm "voll ausgeschöpft" sei, schlage Rita Müller eine Eigenbeteiligung von Fiona vor, stand dort zu lesen: 8927 Euro für 1000 Exemplare. Der Zuschuss solle auch zur "Bildung eines günstigen Ladenverkaufspreises" verwendet werden. So würde für "Norderstedt" die Markteinführung erleichtert.

Fiona geriet ins Grübeln. Knapp 9000 Euro waren eine Menge Geld, aber sie hatte ein bisschen was angespart und der Müller-Verlag lieferte einen Vorschlag zur Ratenzahlung gleich mit. Sie witterte hier eine Chance. Alle Verlage, die sie bisher angeschrieben hatte, nahmen sie offensichtlich nicht ernst. Vielleicht war der Müller-Verlag die Alternative, es ihnen zu beweisen. Das Geld war es ihr wert. Und würde sie erst einmal in den Regalen der Buchhandlungen stehen, würde sich alles andere ergeben. "Qualität setzt sich immer durch", pflegte Fionas Vater zu sagen – und er war Leiter einer Versicherungsfirma, er musste es wissen.

Zur Sicherheit holte Fiona noch zwei weitere Meinungen ein.

"Du musst das machen", sagte ihre beste Freundin Birte. Sie wusste, wie hart Fiona für ihren Traum arbeitete. "Was hast du schon zu verlieren?", fragte sie.

"Naja", sagte Fiona, "9000 Euro."

Birte bedachte ihre beste Freundin mit einem Blick, der Fiona bloß bestätigte, dass es hier nicht um Geld ging, sondern um etwas Größeres.

"Hast du mal geschaut", fragte Lenny, "was der Müller-Verlag sonst so für Bücher auf den Markt bringt?"

Fiona nickte. "Ich habe keines davon gelesen", sagte sie, "aber ich habe viele positive Besprechungen in Regionalzeitungen und bei Amazon gelesen – die Bücher sind offensichtlich auf dem Radar, auch wenn ich sie nicht kenne."

"Na gut", sagte Lenny, "du musst das machen." Er nahm sie in den Arm: "Ich bin verdammt stolz auf dich, weißt du das?!"

Auch Fiona war stolz, als sie schließlich das erste Exemplar in der Hand hielt. Ihr erstes Buch. Ihr eigenes Buch. Verdammt, dachte Fiona, das ist mein Buch. Mein Leben. Mein Leben und mein Buch.

Doch es sollte nicht lange dauern, bis sie sich betrogen fühlte. In den ersten sechs Monaten nach Veröffentlichung wurden genau 37 Exemplare von "Norderstedt" verkauft, 26 davon bestellte sie selbst. In keiner einzigen Buchhandlung fand Fiona ihr Werk im Regal vor. Es ließ sich auf Anfrage bestellen, aber das war alles.

Es war zu spät, als Fiona schließlich im Internet das Modell der Zuschussverlage recherchierte. In den Feuilletons würden die Bücher von Müller und Kollegen nicht vorkommen, erklärten Experten, und bei den guten Besprechungen der Regionalzeitungen handele es sich um bessere Anzeigenblätter aus den jeweiligen Wohnorten der Autoren. Langsam wurde Fiona bewusst, dass sie einem Betrug aufgesessen war. Sie hatte einen 9000 Euro teuren Fehler begangen.

In Foren las sie von anderen Opfern, von Hobbyautoren ohne literarische Lobby, die auf Müller reingefallen waren. Einige von ihnen hätten Strafanzeige wegen Betrugs gegen den Verlag erstattet, aber die Staatsanwaltschaft hatte in jedem einzelnen Fall die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens abgelehnt, da das Verhalten des Verlags vom abgeschlossenen Vertrag gedeckt sei.

Fiona schämte sich so sehr, dass sie Birte und Lenny nichts davon erzählte. Wenn jemand fragte, wie sich ihr Buch auf dem Markt so mache, sagte sie immer ungefähr dasselbe: "Ganz gut, es ist zwar nicht leicht, ich meine, guck dir an, wie viele Bücher es gibt, aber doch, so langsam läuft es an ..."

Fiona konnte kaum noch schlafen. Sie fragte sich, wie es wohl weitergehen würde. Ob sie jetzt verbrannt war für die Buchbranche, weil sie auf einen Verbrecherverlag reingefallen war? Das konnte sie sich nicht vorstellen. Sie beschloss, das Manuskript noch einmal zu überarbeiten. So schnell wollte sie nicht aufgeben.

Eines Nachts setzte Fiona sich an ihren Schreibtisch und löschte die letzten Seiten. Mit dem Happy End konnte sie sich nicht mehr identifizieren. Sie wollte mehr Drama, einen Schockeffekt. Also schrieb sie von dem geheimnisvollen Zuschussverlag, der Frieda statt des mächtigen Verlegers entdeckt – und der sie über den Tisch zieht. Daraufhin gerät Frieda in einen depressiven Strudel. Sie will nicht in einer Welt leben, in der Menschen wegen ihrer Träume systematisch in den Ruin getrieben werden. In der neuen Version von "Norderstedt" versucht Frieda sich deshalb mit einem Cocktail aus Tabletten selbst zu töten. Ob es ihr gelingt, bleibt für den Leser zunächst unklar.

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kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(