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NEON-Reihe "Papa, lass uns reden": "Papa, lass uns reden!" Wie ich versuche, meinem Vater wieder nahezukommen

"Ich geb dir mal Mama" ist der Satz, den unsere Väter sagen, nachdem wir ein paar Minuten mit ihnen telefoniert haben. Wann hat diese seltsame Sprachlosigkeit angefangen? Und wie werden wir sie wieder los? Teil 1 unserer neuen NEON-Serie "Papa, lass uns reden!"

Unsere Autorin Mareike Nieberding mit ihrem Vater: "Er sagt als Einziger in unserer Familie 'Ich liebe dich'"

Unsere Autorin Mareike Nieberding mit ihrem Vater: "Er sagt als Einziger in unserer Familie 'Ich liebe dich'"

Mareike Nieberding, 30, Hamburg

Unsere Autorin war ein Papakind. Bis sie von zu Hause auszog. Kann man sich als Tochter und Vater wieder nahekommen?

Mein Vater sieht gefährlich aus. Er ist groß und breit, raucht Kette, hat einen weißen Punkt auf der rechten Iris und eine Zahnlücke. Bisher hatten alle Männer in meinem Leben Angst vor ihm. "Kannst du rauskommen, wenn ich hupe? Dein Papa sitzt doch bestimmt mit ’ner Knarre hinter der Tür!", sagte mein Kumpel Georg mal. Mein Vater ist ein Bär. Doch wenn er lacht, sieht er aus wie ein Junge. Dann legt er den Kopf auf die Seite, und seine grünen Augen leuchten.

Mein Vater hat sich nie hinter seiner Größe, Stärke, Breite versteckt. Er sagt als Einziger in unserer Familie "Ich liebe dich". Er schreibt es unter SMS und ruft es ins Telefon. An meinem 19. Geburtstag klingelte es um halb acht Uhr morgens. Ich war wenige Wochen zuvor weggegangen, zum Studium nach Berlin, und wohnte im Gästezimmer von Verwandten. Ich steckte das Handy unter mein Kopfkissen, ich schlief ja noch. Es piepste: "Herzlichen Glückwunsch, meine Süße! Hab einen schönen Tag! Ich liebe dich, dein Papsi. " Ich schrieb ein verschämtes "Ich dich auch" zurück. Mit 19 hatte ich längst begonnen, mich von ihm abzuwenden. Ich kann nicht genau sagen, wann ich damit anfing. Vielleicht als ich in die Pubertät kam und plötzlich nicht mehr nur ein Kind, sondern ein Mädchen war und bald eine Frau sein würde. Als ich das erste Mal meine Tage bekam, einen Jungen im Schein des Riesenrads küsste, zum Frauenarzt ging.

"Wir reden über das Leben der anderen"

Vielleicht als ich das Hobby aufgab, das uns all die Jahre verbunden hatte. Er war als Jugendlicher ein ruchloser Segler gewesen, ich entwickelte mit 13 dieselbe Leidenschaft. Ganz im Gegensatz zu meinen Brüdern, die an Booten kein Interesse hatten. Also zeigte Papa mir, wie man einen Palstek knotet und wie man den Wind auf dem Wasser liest. Das Boot liegt seit ein paar Jahren auf dem Trockenen. Und unsere Beziehung irgendwie auch.

Wenn ich meine Eltern besuche, holt mein Vater mich vom Zug ab und hebt mich zur Begrüßung hoch, als wäre ich nicht 30, sondern drei Jahre alt. Danach steigen wir ins Auto. Nach der ersten Abzweigung fragt er, wie die Fahrt war, an der zweiten, ob wir durchs Dorf fahren wollen, was wir immer tun, nach der Ortseinfahrt kommen wir bei Holzums vorbei und reden über Holzums, nach der nächsten Kreuzung bei Beckmanns und so weiter. Wir reden über das Leben der anderen, bis wir vor unserem eigenen stehen.

"Mit jedem Kilometer wächst meine Neugierde"

Als ich klein war, habe ich mal zu meiner Mutter gesagt: "Du hast alles, ich hab nichts, nur einen Papa und ein Bett. " Dieses Gefühl will ich zurück. Aber wie kommt man sich wieder nahe, wenn man sich schon fast verloren hat? Vielleicht so, wie ich es seit Jahren auch mit meiner Mutter mache: Wir verreisen alleine. Ich lade ihn ein, er sagt sofort zu. Vor uns liegen fast sieben Stunden Fahrt, drei Tage in Freiburg, seinem Studienort und dem Ort unserer ersten Familienurlaube, 64 Stunden, die wir mit Gesprächen, mit uns beiden befüllen müssen. Eine Herausforderung.

Die Reise beginnt an einem Freitagmorgen um 5.34 Uhr. Kaum liegt unser Ortsschild hinter uns, schalte ich schon in den Interview-Modus. Ich frage und frage, damit wir nicht reden müssen. Über was auch, wir wissen ja kaum etwas übereinander. Als Studentin war ich oft enttäuscht, wie wenig mein Vater sich für mein Leben in Berlin interessiert. Im Auto in Richtung Freiburg denke ich: Vielleicht war er ja auch enttäuscht. Vielleicht habe ich mich ja auch zu wenig für ihn interessiert. Für seinen Job, für seine Liebe zu meiner Mutter, für seine Ängste und Sorgen. Mit jedem Kilometer wächst meine Neugierde auf ihn. Auf den Menschen, der hinter dem Papa steckt. Wir haben uns als Einzelne auf den Weg gemacht. Meine Hoffnung ist es, gemeinsam zurückzukehren.

Wie es weiterging mit der Vater-Tochter-Reise, steht in Mareike Nieberdings Buch "Ach, Papa Wie mein Vater und ich wieder zueinanderfanden", Suhrkamp, 15. Januar, 14,95 Euro

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