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Zuhause: Schwenke probiert: Meggins

Avantgarde zu sein, ist selten einfach. Schon gar nicht für einen modischen Mann in einer Bierschlange.

Das Internet hat im Frühjahr behauptet, dass Männer nun Leggins tragen. Weil: Mode. Auf der Straße habe ich damit noch niemanden gesehen, aber generell weiß das Internet ja gut Bescheid. Versuche ich es also mit einer Leggins. Für den Mann. Die heißt dann Meggins. Bummele ich damit mal an einem normalen Samstag durch eine normale Stadt.

Die Stadt: Leverkusen. Die Hose: American Apparel, Stars and Stripes, Größe L. Eigentlich für Damen, denn dummerweise sind richtige Meggins noch so spezielle ­Spezialhosen, dass man sie fast nirgendwo kaufen kann. Aber ist nicht jede Leggins, in der ein Mann steckt, automatisch eine Meggins? Eben.

In den Achtzigern hätte ich damit problemlos in einer Hair-Metal-Band spielen können. Auch heute ist diese Hose alltagstauglich – jedenfalls für Menschen, zu deren Alltag es gehört, dass Passanten sie am Bahnhof verstohlen fotografieren und höchst interessiert beobachten, wenn sie eine Sparkasse betreten. Wahrscheinlich tragen Prominente darum immer als Erste so was. Andererseits: Wollen wir nicht alle einen Look, mit dem man Blicke auf sich zieht?

Es ist übrigens letzter Spieltag der Bundesliga, ich will ins Stadion. Ein Platz, an dem man modischen Neuerungen generell sehr aufgeschlossen gegenübersteht. Es spielt Le­verkusen gegen Bremen. Denn mal los. Schon auf dem Weg dorthin feuern die ersten Fans meine Hose an: »U!S!A! U!S!A!« Im Stadion in der Bierschlange raunt hinter mir einer: »Das ist so gay.« Werde weiter von Unbekannten fotografiert. Einer bleibt mit fassungslos ausgebreiteten ­Armen vor mir stehen und ruft: »Alter! Was ist denn mit dir los?« Die richtige Antwort wäre natürlich: Das trägt man jetzt so, weil – ich weiß es doch auch nicht. Weil das jetzt dran ist. Weil Schnurrbärte erst wahnsinnig scheiße und dann wahnsinnig cool waren. Weil es für die typische Nerdbrille vor zwanzig Jahren Klassenkeile gegeben hätte, und heute gibt es Fotos in Styleblogs.

Ich sag stattdessen immer »Wette verloren«, wenn jemand fragt, warum ich so einen Scheiß anhabe, und es fragen sehr viele. Die Begründung wird sofort akzeptiert. Ein Fan aus Bremen tröstet: »Bei uns zu Hause könnste das auf der Straße tragen, würd keinem Mensch auffallen.« Angemessene Kleidung ist ja auch eine Frage des Kontextes. Eine Fußballkutte mit Aufnähern sähe komisch aus, wenn der Bundespräsident darin mahnend ins Land spräche.

Jedenfalls lernt man mit dieser Hose eine Menge Leute kennen. Weiterer Vorteil: Die Leggins ist leicht wie nichts und wärmer als gedacht. Eine Nummer größer, und sie wäre sogar bequem. Eigentlich alles nicht verkehrt. Leider wirken die ersten und die letzten Anhänger einer Mode immer ­grotesk.


Preis: 33 Euro

Kontakt: store.americanapparel.eu

Vorschläge für Schwenkes nächsten Auftrag an: ausprobieren@neon.de

Dieser Text ist in der Ausgabe 07/14 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte des NEON-Magazins nachbestellt werden. Alle Ausgaben seit September 2013 gibt es auch digital in der NEON-App.Eine Übersicht der »Kaufen«-Kolumne findet ihr hier.