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Beziehungstipp Toxisch und gefährlich: Wenn Beziehungen die Persönlichkeit zerstören

Beziehungstipp: So zerstören toxische Beziehungen die Persönlichkeit
"Heute bin ich froh, dass mir das widerfahren ist. Ich bin vorsichtiger bei der Männerwahl." (Symbolbild)
© Getty Images
Vor ungesunden Beziehungen ist niemand gefeit. Ab und zu geraten wir an Menschen, die uns definitiv nicht guttun. Oft folgt eine lange Phase von Liebe und Leid, Höhenflügen und tiefen Stürzen.
Von Refinery29-Autorin Maria Murnikov

"Toxisch" ist jemand, der sich an der vergifteten Stimmung einer Beziehung berauscht. Wir trafen Amina*, die uns ihre persönliche Leidensgeschichte erzählt und lassen uns von Paartherapeutin Nadja von Saldern erklären, welche Eigenheiten ein toxischer Partner an den Tag legt und warum es so schwer ist, sich davon zu lösen.

"Eine toxische Beziehung ist eine ungesunde Beziehung, die sehr viel Energie beansprucht", sagt die 29-jährige Amina. "Ich spreche aus Erfahrung. Ich habe ihn damals in Paris getroffen, ursprünglich kam er aus Berlin. Nach zwei Monaten lud er mich ein, zu ihm zu ziehen. Obwohl wir uns so wenig kannten, fühlte sich alles so unfassbar echt und intensiv an. Sein Leben beeindruckte mich. Es war spannend und reizvoll. Gleichzeitig auch chaotisch und verplant. Er ist als DJ und Produzent jedes Wochenende ununterbrochen unterwegs. Schnell fühlte ich mich einsam in einer fremden Stadt, ohne Freunde. Dazu kam, dass ich tatsächlich abhängig war von ihm. Die Wohnung war seine und ich konnte keine Miete zahlen, da ich gerade auf Jobsuche war.

Beziehungstipp: Nichts wie weg!

Auch sein Verhalten mir gegenüber änderte sich, als ich zu ihm gezogen war. Anstatt mich zu unterstützen, genoss er meine Abhängigkeit und fühlte die Macht, die er über mich hatte. Jeder kleine Streit eskalierte. Er packte meine Sachen und schmiss mich jedes Mal raus. Mein Selbstwertgefühl war am Boden. Mit der Zeit wurde er zunehmend aggressiver und respektloser. Trotzdem gab ich die Hoffnung nicht auf, dass wir unsere Beziehung retten könnten. Er genoss das Katz-und-Maus-Spiel aber weiterhin und ich merkte langsam, wie sehr er mich auslaugte. Er schien Streit für sein Ego zu brauchen. Je mehr ich mich ändern wollte, desto mehr distanzierte er sich von mir. Schließlich verließ er mich. Alles, wofür ich gearbeitet hatte, war dahin. Nach der Trennung ersetzte er mich sofort. Danach begriff ich, dass er zu allen Frauen so war giftig war und lediglich zu toxischen Beziehungen fähig schien.

Heute bin ich froh, dass mir das widerfahren ist. Ich bin vorsichtiger bei der Männerwahl. Seitdem er fort ist, merke ich, wie viel mehr Energie ich habe. Ich bin nun vollständig in Berlin angekommen, wohne in einer tollen WG, arbeite erfolgreich als Freelancer und bin bereit für neue Erfahrungen."

Woran erkennt man einen toxischen Partner?

"Wir sprechen bei 'toxischen Persönlichkeiten' meist über Narzissten", erklärt uns die Paartherapieexpertin Nadja von Saldern. "Dies ist die treffende Beschreibung für Menschen, welche durch eine ausgeprägte Ich-Bezogenheit charakterisiert sind und sich somit selbst im Zentrum aller Geschehnisse erleben. Narzissten haben mehrere typische Charakteristika und zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie in der Lage sind, Menschen immer wieder aufs Neue zu verwirren. Sie besitzen mehrere Gesichter und können diese nach Belieben wechseln. Allerdings erschwert uns häufig unsere eigene Erwartungshaltung, dass wir einen Narzissten auch als solchen erkennen. Bei einer uns nahestehenden Person neigen wir dazu, das negative Bild weitgehend auszublenden, um die hässliche Seite nicht wahrhaben zu müssen. Einen ersten Hinweis darauf, dass wir einem Narzissten gegenüberstehen, gibt es, wenn man sich in dessen Anwesenheit zunehmend klein, unwohl und energielos fühlt. Denn Narzissten gewinnen ihre, oftmals reichlich vorhandene, Energie auch durch das Abziehen der Energie ihres Gegenübers. Man könnte von "Energie-Vampirismus" sprechen, da sich Menschen nach einem solchen Zusammentreffen mit Narzissten quasi leergesaugt fühlen.

"Das Herz will, was es will", "Alter ist nur eine Zahl", "Liebe kennt kein Alter" - viele Sprüche und Vermutungen ranken sich um das Thema Altersunterschied in einer Liebesbeziehung. Doch eine US-Studie an der Emory University in Atlanta, in Georgia, die sich außerdem mit dem Verhältnis der Hochzeitskosten und der Länge der Ehe beschäftigt hat, ergab nun, dass die Chance, dass Paare, die einen Altersunterschied von 20 Jahren haben, bei etwa fünf Prozent liegt. Mehr als 3000 Paare wurden für diese Studie befragt, die später ergab, dass Alter scheinbar doch eine Rolle spielt, wenn es um die Länge einer Beziehung geht. Das Risiko einer Trennung steigt demnach mit dem Altersunterschied. Die Wahrscheinlichkeit, sein Leben bis zum Ende mit dem Partner zu teilen, ist also bis zu einem Unterschied von einem Jahr am höchsten, sie liegt nämlich bei 97%. 
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Ein weiteres Erkennungsmerkmal sind die Umgangsformen. Gern behandeln Narzissten andere Menschen wie Gegenstände, welche ihnen und ihrer Sache zu dienen haben. Ist es zweckdienlich, eine Person gut zu behandeln, so geschieht dies im Übermaß. Ändern sich jedoch die Umstände und erscheint die Person gerade nicht mehr nützlich, so wird sie im Handumdrehen fallengelassen. Narzissten zeichnen sich durch eine ausgeprägte Schmerzfreiheit und Stresstoleranz aus. Schamgrenzen und rote Linien werden konsequent überschritten, ohne dass dies ein erkennbar schlechtes Gewissen auslöst."

Was beschreibt eine toxische Beziehung?

"Wenn es, wie oben beschrieben, einem der beiden Partner sehr viel schlechter in der Partnerschaft ergeht, als dem anderen, könnte dies auf eine toxische Beziehung hindeuten. In der Regel blüht der eine immer weiter auf, während der andere zunehmend reduzierter wirkt. Irgendwann kommt es dann zu dem Punkt, an dem letzterer merkt, dass er vor die Hunde geht. Nicht selten enden solche Partnerschaften in einer Depression."

Gibt es ein "Gegengift"?

"Es ist immer hilfreich, sich ungeschönt über den Charakter des anderen bewusst zu werden. Das ist die beste Voraussetzung um Handlungsmöglichkeiten zu schaffen. Nichts fürchten Narzissten mehr, als durchschaut zu werden."

Welcher Umgang mit dem Problem wäre ratsam?

"Da Narzissten Grenzen entweder nicht kennen, oder diese nicht respektieren, ist der Partner gefragt, konsequent ein Stopp-Zeichen aufzuzeigen und dieses rigoros durchzusetzen. Mit spürbaren Konsequenzen bei jeglicher Überschreitung. Narzissten sehen nicht die Not der anderen, wohl aber etwaige negative Auswirkungen für sich selbst. Führt das nicht zum gewünschten Ergebnis, bleibt letztlich nur noch die Empfehlung: 'Nichts wie weg!'"

*Name geändert

Auf die große Liebe folgt der große Hass - und Ihr wisst keinen Ausweg aus der Streitspirale? Der Psychologe John M. Gottman stellt in seinem Buch vier Verhaltensweisen dar, die einer Beziehung schaden und ihr Ende bedeuten können. Er nennt sie die vier apokalyptischen Reiter. Der erste Reiter: Kritik Beschwerden kommen in den besten Beziehungen vor. Gefährlich werden sie aber, wenn sie die Persönlichkeit des anderen abwerten. Signalworte für diese Form von Kritik sind "immer", "nie" oder "jedes Mal": "Du bist immer so unordentlich." "Du hörst mir nie zu!" "Jedes Mal fängst Du einen Streit an!" Diese Form von Angriff auf die Persönlichkeit kommt in vielen Beziehungen vor. Problematisch wird es, wenn Kritik zur Gewohnheit wird. Es ist ein Reflex, sich nach einer Kritik verteidigen zu wollen. Zum Beispiel: Kritik: "Du bist immer so unordentlich." Rechtfertigung: "Ich arbeite die ganze Zeit und habe keine Zeit zum Aufräumen." Eine Rechtfertigung löst keinen Konflikt. Denn man schiebt die Schuld nur zurück. So werden die Bedürfnisse beider Partner nicht gesehen. Der dritte Reiter: Verachtung Gottman bezeichnet diesen Boten als den gefährlichsten der vier. Werden Kritik und Rechtfertigung zur Gewohnheit, vergiftet Verachtung die Beziehung. Ihre Ausdrucksformen: Sarkasmus, Zynismus, Respektlosigkeit. Es geht nicht mehr darum, eine Lösung zu finden: Die Partner wollen einander bewusst verletzen. Auf die Verachtung folgt der letzte Bote: Der dritte Reiter: Rückzug Wenn die Negativität durch Verachtung und Kritik zu groß wird, ziehen sich die Partner zurück. Sie reden nicht und beginnen zu mauern. Die Partner fühlen sich von den Vorwürfen des anderen überflutet. Der Rückzug scheint die letzte Möglichkeit zu sein, um sich vor Verletzung zu schützen. Wie verhindert Ihr, dass das passiert? Achtet auf die vier Boten in Eurer  Beziehung und wählt andere Strategien. Benennt bei Problemen Eure Bedürfnisse und vermeidet persönliche Kritik bei Beschwerden. Anstatt: "Du bist immer so unordentlich", versucht es mal mit: "Ich fühle mich in einem unordentlichen Zimmer unwohl". Und statt sich zu rechtfertigen, macht es mehr Sinn, den Grund der Kritik zu erkunden. Denn gegenseitiges Mitgefühl ist der beste Baustein für eine glückliche Beziehung.
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