HOME
Interview

Autor Friedemann Karig: "Freundschaften sind zukunftsfähiger als romantische Beziehungen"

Autor Friedemann Karig hat ein Buch über zwei beste Freunde geschrieben. Im NEON-Interview spricht er über den Unterschied zwischen Freundschaft und Liebe, die Unterschiede bei Frauen und Männern und darüber, wann man auch mit Freunden Schluss machen sollte.

Friedemann Karig

Autor Friedemann Karig (r.) sieht in Freunden die große Konstante im Leben

DPA

Was ist eine Freundschaft wert – und was ist man bereit, dafür zu tun? Um diese Frage dreht sich der Debütroman "Dschungel" des Autors Friedemann Karig. Karig erzählt die Geschichte zweier Freunde, die ihr Leben lang aneinanderkleben, schicksalhaft miteinander verbunden sind und ein Geheimnis teilen – bis der eine im Dschungel von Kambodscha verschwindet und der andere ihm hinterherreist, um seinen besten Freund zu finden.

Für das Buch hat sich der 37-Jährige viel mit dem Thema Freundschaft auseinandergesetzt – wie schon zuvor mit dem Thema Liebe, dem er sein erstes Sachbuch "Wie wir lieben – Vom Ende der Monogamie" gewidmet hat.

NEON: Friedemann, der Begriff des Freundes hat spätestens seit Facebook an Bedeutung verloren. Wie definierst du ihn?

Friedemann Karig: Für mich unterscheidet einen Freund von einem Bekannten die Sehnsucht nacheinander, dass man nicht über einen längeren Zeitraum ohne einander sein will. Bei einem Bekannten ist es egal, ob ich den oder diejenige zwei oder drei Jahre lang nicht in meinem Leben habe. Den Einfluss des Freundesbegriffs von Facebook halte ich hingegen für total überschätzt – als hätte ein Wort in einer App die Kraft, langgewachsene menschliche Beziehungen zu beeinflussen. Das Wort Freundschaft wird vielleicht etwas inflationär benutzt, aber genau dadurch wird auch der Blick dafür geschärft, was echte Freunde sind. Dass zum Beispiel Leute ihre Freundeslisten online ausmisten, zeigt ja schon, dass wir da bewusst eine Hygiene betreiben. Es war schließlich noch nie so wichtig wie heute, mit wem man befreundet ist.

Aber auch du verwendest den Begriff "echte Freunde" statt Freund. Ständig muss man das Wort steigern, man spricht von "engen Freunden" oder dem "besten Freund".

Die große Besonderheit von Freundschaft ist, dass sie stufenlos regelbar ist. Es gibt Leute, die sieht man nur beim Feiern, mit manchen spielt man seit zehn Jahren Fußball und hat sonst nichts mit ihnen zu tun. Mit manchen Leuten ist man in einem bestimmten Kreis zusammen, aber wenn man ehrlich ist, hat man sich außerhalb davon nichts zu sagen. Aber das Arsenal an Begriffen und Abstufungen zeigt auch, welch großen Teil Freunde in unserem Leben einnehmen. Das, was wir in uns selbst sehen, definiert sich oft über die Menschen, mit denen wir etwas zu tun haben oder die etwas mit uns zu tun haben wollen. Neben der romantischen Beziehung wüsste ich nicht, was ein stärkerer Identifikationsfaktor ist.

In deinem Roman geht es um einen jungen Mann, der seinem verschwundenen besten Freund nach Kambodscha hinterherreist und dafür viel riskiert. Ist das der Anspruch, den man an einen Freund – und an sich selbst als Freund – stellen muss?

Die Freundschaft im Buch ist natürlich literarisch aufgepumpt, damit Leser sich fragen: Was würde ich tun? Für wen würde ich das tun und wer würde das für mich tun? In Freundschaften tut man ständig etwas füreinander und wenn es auch nur bedeutet, Zeit miteinander zu verbringen. Diese "Opfer" wollte ich ins Extrem steigern. Ich hatte keine Lust, ein Buch zu schreiben über beispielsweise vier Leute, die in Berlin sitzen und sich über Fitnessstudios unterhalten.

Die beiden Jungs in deinem Buch führen eine ziemlich typische Männerfreundschaft. Was unterscheidet Freundschaften zwischen Männern von Frauenfreundschaften?

Rein beobachtend, ohne werten zu wollen, glaube ich, dass Konkurrenz und Wettbewerb bei Männern und Frauen unterschiedlich ablaufen. Männer sind körperlicher und frontaler, es geht um "höher, weiter, schneller" – nicht nur beim Rennen und Springen, sondern auch beim Saufen oder Sex. Unter Frauen – so wie meine Freundinnen mir das erklären – ist das subtiler und manchmal auch perfider. Da wird oft vorneherum Zuneigung simuliert, wo eigentlich knallharter Wettbewerb herrscht. Gerade, wenn es ums Aussehen geht. Bei Männern kollidiert es schneller, bei Frauen schwelt es teilweise über Jahre.

Dein erstes Buch hast du über Polyamorie und die Liebe im 21. Jahrhundert geschrieben. Was unterscheidet Liebe von Freundschaft?

Liebe ist digitaler – da gibt es nur eins oder null, man ist zusammen oder nicht, man ist verliebt oder nicht. Freundschaften entstehen und enden in sanften Übergängen. Ich habe noch nie mit einem Freund oder einer Freundin Schluss gemacht und gesagt: "Ich möchte nicht mehr mit dir befreundet sein." Man muss Freundschaft auch nach außen nicht so klar definieren. Romantische Beziehungen sind allermeistens exklusiv, bei Freundschaften spielt das keine Rolle. Wir sagen nicht: "Wenn ich mit dir befreundet bin, gehe ich mit niemand anderem mehr Eis essen." Deshalb haben wir auch Freunde für unterschiedliche Aktivitäten, Momente oder Lebensphasen.

Kann man sagen, welche dieser Beziehungen wichtiger sind?

Wir verwechseln oft Preis und Wert. Eine exklusive romantische Beziehung hat einen hohen Preis, du darfst keinen anderen mehr anschauen, deshalb glauben wir, sie hätte einen hohen Wert. Ich glaube nicht, dass eine Freundschaft weniger wert ist, weil sie nicht so exklusiv ist. Da werde ich immer ganz fuchsig, wenn mir jemand sagt: "Wir sind doch nur Freunde." Freundschaften sind unter Umständen das viel zukunftsfähigere Modell als die romantische Beziehung, die auf den ersten Blick fester ist, aber nicht so gut den allgemeinen Unsicherheiten nachgeben kann. Je bewegter dein Leben ist, desto wichtiger werden so flexible Bindungen wie Freundschaften und desto schwieriger wird es, romantische Beziehungen über Jahrzehnte am Laufen zu halten. Unsere Generation wird am Ende des Lebens sagen: Die ganze Zeit da war eigentlich ein Freund oder eine Freundin – und nicht der Partner, von dem ich es mal dachte.

Sehen unsere Freundschaften heute anders aus als bei den Generationen vor uns?

Wir haben viel mehr soziale Kontakte, ich glaube aber nicht, dass die enger sind. Ich stelle das bei mir fest: Die Kombination aus einem aktiven Lebensstil mit Reisen und Umzügen und dem Internet ergibt eine riesige Menge von Kontakten. Ich habe eigentlich zu viele Freunde. Mit meinen 24 Stunden kann ich denen nicht gerecht werden. Allerdings haben wir andere Möglichkeiten, diese Freundschaften zu pflegen. Wenn ich im Urlaub bin, poste ich einfach 20 Bilder auf Instagram, damit erreiche ich schon mal 25 Freunde. Sonst könnte ich die überhaupt nicht bedienen. Wenn mich jemand fragt, wie mein Urlaub war, sage ich: Hast du meine Insta-Story gesehen? Dann ist die Frage wenigstens fürs erste beantwortet.

Gibt es dann überhaupt noch etwas zu reden?

Klar. Ich könnte mit jedem meiner Freunde zwei Tage durchreden. Nach 20 Urlaubsbildern ist ja noch nicht besprochen, welche Gedanken ich mir gemacht habe, welche Bücher ich gelesen habe, was derweil bei denen passiert ist. Da gibt es so vieles, was sich nicht digital vermittelt ausdrücken lässt. Die Alternative wäre, viel weniger Freundschaften zu haben. Wir wollen immer alle möglichen Leute treffen, Zeit für uns haben, Familie ist uns auch wichtig – aber das Zeitbudget bleibt nun mal gleich. Da ist wahrscheinlich keiner von uns zufrieden.

Heute leben viele Freunde in verschiedenen Städten, bleiben über Online-Medien in Kontakt und sehen sich vielleicht maximal alle paar Monate. Wie wichtig ist der direkte persönliche Kontakt, um eine Freundschaft zu erhalten?

Das ist existenziell wichtig. Mir fehlt es zum Beispiel total, sich zusammen zu langweilen. Früher als Studenten haben wir an vielen Tagen einfach ungesund viel FIFA gezockt. Es ist auch wichtig, mal zusammen an den Punkt zu kommen, wo nichts mehr passiert. Wenn es keine Party mehr gibt, keine Urlaubsfotos und kein Kind, was man vorzeigen kann – kommt man dann noch miteinander aus? Das kann man nicht online machen. Und erst dann merkt man, was wirklich in jemandem vorgeht.

Ist es dafür wichtig, dass man sich ähnlich ist und viele gemeinsame Interessen hat?

Ich würde nicht mit mir selbst befreundet sein wollen – es ist schon gut, wenn man auch mal mit jemandem zusammen ist, der anders ist. Das Allerwichtigste sind gemeinsame Werte. Ich und meine Freunde sind eher Idealisten als Materialisten, liberal, eher progressiv – das sind Basics, die stimmen müssen. Aber ob jemand Fußball mag oder nicht, ist mir relativ egal.

Dein Buch beschreibt eine Art toxische Freundschaft, in der es der Erzähler nicht schafft, sich von seinem besten Freund zu lösen. Wann ist der Moment gekommen, in dem man eine Freundschaft auch mal beenden muss?

Es gibt allgemein viele Beziehungen, die auf einer gewissen Co-Abhängigkeit fußen. Jemand hat ein Muster entwickelt und der andere hat ein Muster, das dazu passt. Das kann zum Beispiel Wohltätigkeit sein – aber auch etwas Ungesundes, etwa, dass jemand extrem viel Aufmerksamkeit braucht und die andere Person es beispielsweise aus ihrer Vergangenheit heraus schon immer gewohnt ist, zurückzustecken. Viele trauen sich dann aber nicht, eine solche Beziehung zu beenden, weil sie Angst vor der Leere haben. Die Vorstellung, alleine zu sein, ist für sie völlig unerträglich. Dann lassen sie sich lieber benutzen.

Aber diese Abhängigkeit voneinander, jemanden zu haben, der einen total kennt und mit dem man etwas teilt, was sonst niemand weiß – wünschen wir uns nicht genau das?

Ich spüre diese Sehnsucht nach der totalen Freundschaft. Nach dem völligen Vertrauen, der Einheit. Dass jemand für mich alles tun würde und ich für ihn oder sie. Das ist eine idealisierte Vorstellung; ich weiß nicht, ob ein Mensch das tragen kann. Ich habe mir lange so jemanden gewünscht und ich glaube, dass wir uns alle danach sehnen. Deshalb habe ich dieses Buch geschrieben. Ich wollte das einmal durchexerzieren: Was für eine Art von Liebe ist Freundschaft eigentlich?

Über die Liebe wird ständig geredet, über Freundschaft nur sehr selten – selbst unter Freunden. Braucht das Thema mehr Raum?

Wenn über die Freundschaft so viel geplappert würde wie über die Liebe, bringt es auch nichts. Was man in Frauen- oder Männerzeitschriften an Tipps liest, ist ja oft Schrott. Das brauche ich nicht für die Freundschaft. Aber wir können uns mehr damit auseinandersetzen. Es wird vielen langsam bewusst, dass Freundschaften eine selbst gewählte Konstante im Leben sind. Wir leben immer noch in einer Gesellschaft, in der Freundschaft oft bedeutet, Leute in Schule oder Studium kennenzulernen, mit denen schöne Sachen zu machen, aber danach bekommt man Kinder und dann ist es vorbei. Aber das stimmt nicht mehr.