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Oh nein, Klassentreffen!: Wenn dein Freund auf seine alten Flammen aus Abi-Zeiten trifft – und du die Krise kriegst

Kaum etwas ist ein schnöderer Termin als ein Klassentreffen. Wie albern ist es, wenn gerade so etwas dich in schlimmste Eifersuchtsfantasien stößt – weil dein Freund dort die Mädels wiedertreffen wird, die vor zehn Jahren mal auf ihn standen?

Von Kristiane N. Harten

Zwei junge, zufrieden lachende Frauen mit einer Flasche Sekt

So stellt sich die Autorin die alten Flammen ihres Freundes vor – vor dem Klassentreffen, bei dem sie ihn wiedertreffen

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Mein Freund ist ein ziemlich guter Typ. Sonst wäre er ja nicht mein Freund. Er ist hübsch, er ist schlau, er kann lauter tolle Sachen. Wir sind seit mehr als zehn Jahren zusammen, und es läuft die meiste Zeit ganz wunderbar. Ich muss gestehen, dass ich mich trotzdem gelegentlich mit Eifersuchtskrisen herumplage. Das liegt teils an meinem nicht immer ausreichend ausgeprägten Selbstbewusstsein, teils eben daran, dass ich ihn für so einen guten Fang halte.

Als wir uns kennenlernten, machten wir gerade Abi. In der selben Stadt, aber an verschiedenen Schulen. Unsere Freundeskreise überschnitten sich, man bekam mit, mit welchen Leuten der andere so abhing und was da abging. So wusste ich auch, dass er eine Weile sehr viel mit der blonden Kleinstadt-Beauty aus seinem Jahrgang unternahm, auf die irgendwie alle standen. Was man niemandem übel nehmen konnte, denn sie war tatsächlich verboten hübsch.

Eifersucht ist nicht logisch

Und auch dieses rothaarige Mädchen, das auf so eine burschikos-intellektuelle Art sexy war und ein bisschen aussah wie eine weibliche Version von ihm, hat mal eine Rolle in seinem Leben gespielt. Ich musste dann später gelegentlich zähneknirschend über diese Studien nachdenken, die besagen, dass sich oft Menschen zusammenfinden, die sich im Gesicht ähnlich sehen. Da wäre sie seine perfekte Option gewesen.

Aber er entschied sich für mich. Als wir zusammenkamen, spürte ich zumindest bei der Blondine deren extremen Missmut über diese Tatsache. Das führte anfangs zu gelegentlichen Diskussionen, gab sich aber nach einer Weile. Wir merkten, dass wir gut zusammenpassten und uns aufeinander verlassen konnten. Es gab schlicht keinen Grund für Eifersucht. Zumindest keinen logischen. Aber Emotionen sind ja ganz gern mal katastrophal unlogisch.

Sex im alten Kinderzimmer? Was für ein Quatsch!

Beide "Kandidatinnen" meldeten sich noch gelegentlich bei ihm, merkten aber selbst irgendwann, dass da nix mehr zu holen war. Sorry, Mädels. Beide sind inzwischen verheiratet, sogar frischgebackene Mütter. Ich müsste mir also weniger Gedanken als je zuvor machen. Eigentlich. Hätte mein Freund nicht gerade verkündet, dass demnächst in unserer Heimatstadt ein Klassentreffen ansteht. Zehn Jahre Abitur. Und nach all den sorglosen Jahren winde ich mich plötzlich vor Eifersucht.

Um das klarzustellen: Hell, yes, ich schäme mich dafür. Was stelle ich mir denn vor? Dass eine oder beide der Damen die Gelegenheit nutzen, ihn mit Schnaps und Sentimentalitäten abzufüllen und zu später Stunde in sein Elternhaus(!) begleiten, um neben dem Elternschlafzimmer wilden Sex zu haben? Und dabei dabei ihre Ehemänner und Kinder vergessen, die sie sich ja wohl freiwillig und aus guten Gründen ausgesucht haben? Nein, das ist nicht realistisch. Oder? Nein, was für eine blödsinnige Vorstellung. Oder?

Viele Männer sind so gutgläubig ...

Aber ehrlich gesagt würde es mich schon stören, wenn nur ein allzu inniges Gespräch über alte Zeiten und verpasste Chancen zustande käme, mit tiefen Blicken und bedeutungsschwangeren Seufzern. Und würde dann nicht auch er vielleicht darüber nachdenken, ob ich die richtige Wahl war? Ich bin daran gewöhnt, dass ich mich infrage stelle, aber ich könnte nicht gut aushalten, wenn er das täte. Und aus meiner selbstkritischen Sicht sind beide Mädels hübscher und erfolgreicher als ich.

Zudem unterstelle ich meinem Freund – wie auch ziemlich vielen anderen Männern, die ich kenne – dass sie etwas zu gutgläubig sind, was Frauen betrifft. Dass sie "nett" finden, was andere Mädels als intrigant erkennen, dass sie als "freundschaftlich" einordnen, was für jede Frau ein klar erkennbarer Flirtversuch ist. Und bevor sie sich versehen, ist es zu spät und plötzlich wälzen sie sich mit einer jungen Dame in den Laken und wissen gar nicht so recht, wie es dazu kommen konnte. (Nicht missverstehen: In den meisten Fällen wissen Männer ganz gut, wieso es dazu kam und streben das auch aktiv an. Aber eben nicht immer.)

Also: das Klassentreffen. Ich werde sicher nicht dabei sein, das wäre mir zu albern. Ich werde auch nicht bei seinen Eltern auf ihn warten – um möglichen wilden Sex mit alten Flammen auszuschließen. Ich vertraue ihm. Mit den ziemlich fantasievollen Katastrophenszenarien in meinem Kopf muss ich alleine klarkommen. Und vielleicht mal tiefer graben, weshalb ich so nervös auf diese Situation reagiere. Aber vielleicht, ganz vielleicht, werde ich später am Abend mal anrufen und fragen, wie es so war.

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