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Meinung

Modernes Mobbing: Wir müssen aufhören, unser Bodyshaming hinter "Gesundheitsbedenken" zu verstecken

Ist das Diabetes-Risiko für Menschen mit Übergewicht größer? Natürlich. Leiden die Gelenke unter dem zusätzlichen Gewicht? Auch das. Bedeutet das allerdings, dass jeder Mensch, dessen BMI nicht unter 25 liegt, automatisch ungesund is(s)t? Natürlich nicht.

Frau hält sich Obst vor das Gesicht

Bodyshaming wird immer häufiger hinter dem Vorwand der "Gesundheitsbedenken" versteckt – dabei können wir das gar nicht wirklich beurteilen

Unsplash

In unserer Gesellschaft messen wir immer wieder mit zweierlei Maß. Sei es im Berufsalltag oder im privaten Raum – was für den einen gilt, gilt nicht automatisch auch für den anderen. Was für dich gilt, gilt deswegen nicht auch für mich. Meist ist das leicht zu erklären. Etwas, was uns bei einer fremden Person auf die Palme bringt, ist bei jemandem, den wir mögen, vielleicht halb so wild. Wäre das nicht der Fall, würde wahrscheinlich keiner von uns jemals jemanden finden, mit dem er sein Leben verbringen möchte. 

Problematisch wird es in Fällen wie dem, den Userin GraceFVictory vor einiger Zeit auf Twitter aufzeigte. Dort zeigt sie zwei Posts, die zwei Menschen auf Social-Media-Kanälen abgesetzt haben. Einer zeigt ein junges Mädchen junges Mädchen aus dem Südosten Englands. Sie ist 13 Jahre alt und leidet unter einer Stoffwechselkrankheit, die dazu führt, dass es ihr wesentlich schwerer fällt als anderen Menschen, Fett zu verbrennen und Gewicht zu verlieren. Im Sommer 2017 teilte sie ein Foto, auf dem sie im Badeanzug an einem Strand sitzt. "Ich habe mich heute einer meiner größten Ängste gestellt", schreibt sie dazu, "und bin im Badeanzug an den Strand gegangen."

Sie meinen, alles sagen zu können – schließlich geht es ja um die Gesundheit

Denn seit ihrer Kindheit wird das junge Mädchen von Mitschülern und Fremden wegen ihrer Figur gemobbt. Sie solle sich gesünder ernähren, heißt es da, und mehr Sport treiben. Auch unter das Bild schreiben Fremde fiese Nachrichten. Ein User pöbelt: "Sie sollte sich schämen. Das ist nicht gesund und sie behandelt sich selbst wie ein Stück Scheiße und das ist ekelhaft." Dass sich das junge Mädchen (!!) tatsächlich sehr gut behandelt, da sie bereit ist, sich selbst die Liebe und das Verständnis zu zeigen, das ihr eine Welt, die besessen ist von gephotoshopten Versionen der Realität, nicht entgegenbringen will, scheint er nicht zu verstehen. 

Stattdessen wird direkt davon ausgegangen, dass sie sich nicht gesund ernährt. Nicht genug Sport macht. Denn genau das scheint der neue Trend des Bodyshaming zu sein: Menschen zu erzählen, wie sie ihr Leben leben. Du hast ein paar Kilo zu viel drauf? Vermutlich isst du abends noch drei Tüten Chips. Oder bewegst dich NIE. Und da sie es ja "nur gut meinen", haben sie auch absolut kein Problem damit, es dir ins Gesicht zu reiben. Schließlich geht es ja um deine Gesundheit. 

Ist das Diabetes-Risiko für Menschen mit Übergewicht größer? Natürlich. Leiden die Gelenke unter dem zusätzlichen Gewicht? Auch das. Bedeutet das allerdings, dass jeder Mensch, dessen BMI nicht unter 25 liegt, automatisch ungesund is(s)t? Natürlich nicht. Die Faktoren sind vielfältig und ich habe bislang noch keine so schlimm garstigen Kommentare unter Fotos gesehen, in denen Menschen rauchen. Just sayin'.

Säße das 13-jährige Mädchen mit der Stoffwechselkrankheit da, würde sie vermutlich keiner 'Ehefraumaterial' nennen. 

Dem Strandbild des jungen Mädchens stellt GraceFVictory ein anderes Foto gegenüber. Eine junge, schlanke Frau sitzt lächelnd vor einem mindestens dreistöckigen Burger. Mit Käse und Speck drauf. Darüber heißt es: "Diese Frau hat gerade den Big Tower of Meat gegessen, es auf die Wall of Fame geschafft und dann irgendwie noch Nachtisch runterbekommen." Ein dreistöckiger Burger, eine große Portion Pommes und dann noch ein Eis? Die Gesundheitsgurus müssten doch durchdrehen. Wetten, dass sich unter dem Post Kommentare über Diabetes und Adipositas und die negativen Auswirkungen von fettigem Essen auf das Herz nur so STAPELN? 

Pustekuchen. "Meine neue Heldin", heißt es da. Oder "Sie ist alles, was ich jemals sein wollte." Ob das ein einmaliger Spaß war oder exemplarisch für ihre Ernährung ist, können wir nicht sagen. Aber eins ist klar: Säße das 13-jährige Mädchen mit der Stoffwechselkrankheit da, würde sie vermutlich keiner "Ehefraumaterial" nennen. Denn anscheinend gilt der "Gesundheitsfaktor" nur, wenn die Person nicht der gesellschaftlichen Norm eines "schönen" Körpers entspricht. Im Klartext: Selbst wenn das adipöse Mädchen den ganzen Tag nur Gemüse essen und die junge Frau sich ausschließlich von Chicken Nuggets und Milkshakes ernähren würde, wäre es immer noch klar, wem ein "ungesunder Lifestyle" vorgeworfen wird. 

Wieso zeigen wir so gerne mit dem Finger, ohne zu wissen, was wir da sehen? Wieso erheben wir uns über eine andere Person und wagen es, ein Urteil zu fällen, ohne die Fakten zu kennen? Schlank bedeutet nicht immer gesund, übergewichtig heißt nicht sofort, dass sich jemand ungesund ernährt. Und abgesehen davon ist es NIE, also wirklich NIE in Ordnung, jemandem das Gefühl zu geben, dass er sich nicht genau so wohlfühlen darf, wie er sich wohl fühlt.

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