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Interview

Ex-"GNTM"-Kandidatin Anna Wilken: Eine von zehn Frauen hat Endometriose, aber kaum jemand spricht darüber – außer Anna

Endometriose betrifft viele Frauen, doch mit dem Begriff können die wenigsten etwas anfangen. Damit sich das ändert, kämpft Ex-"Germany's Next Topmodel"-Kandidatin Anna Wilken besonders auf Instagram um mehr Aufmerksamkeit für die Krankheit. 

Interview mit Anna Wilken über ihre Endometriose

Ex-"Germany's Next Topmodel"-Kandidatin Anna Wilken ist selbst von Endometriose betroffen und hat mit uns über ihre Krankheit gesprochen

Das Gesicht von Anna Wilken kennen viele wahrscheinlich aus der neunten Staffel "Germany's Next Topmodel" – doch mittlerweile steht es für so viel mehr. Auf Instagram engagiert sich die 23-Jährige für mehr Aufklärung rund um die Krankheit Endometriose. Aber was ist das? Wir von NEON haben uns im Rahmen unserer Petition zur Senkung der Umsatzsteuer von Periodenprodukten zu verschiedenen Aspekten rund um die Menstruation beschäftigt – darunter auch mit Endometriose. Denn extrem starke Schmerzen während der Periode ist eines der vielen Symptome. 

Wir haben mit Anna ein Telefoninterview vereinbart, um mit ihr über ihre Krankheit zu sprechen. Sie ist durch ihr öffentliches Engagement bei Betroffenen mittlerweile zu einer Art Botschafterin für Endometriose geworden. Die Frauen bezeichnen sich untereinander liebevoll als "Endo-Sisters". Durch Anna haben sie eine mittlerweile ziemlich laute Stimme bekommen. Die Influencerin hat sogar ein Buch über ihre Krankheit geschrieben: "In der Regel bin ich stark". Der Untertitel: "Endometriose ist nichts für Memmen. Warum wir unsere Unterleibsschmerzen ernst nehmen müssen."

Endometriose kann viele Gesichter haben

Anna, wie würdest du Endometriose erklären?

Anna Wilken: Endometriose kurz zu erklären ist fast unmöglich und die Symptome sind sehr individuell. Bei mir sind es zum Beispiel Durchfall während der Periode, sehr schlimme Schmerzen während der Periode, aber auch unabhängig davon, und Schmerzen beim Geschlechtsverkehr und bei gynäkologischen Untersuchungen. Aber auch Kopfschmerzen, Schwindel ... Und ich habe sehr starke Becken- und Blasenprobleme und oft auch an der Leiste. Dadurch, dass ich die Adenomyose habe [Anm. d. Red.: Endometrioseherde wachsen ins Muskelgewebe der Gebärmutter], also die Endometriose auch in der Gebärmutter, habe ich oft ein Ziehen und Stechen in der Gebärmutter – das fühlt sich an, als würde da jemand drinsitzen und mit einem Messer auf sie einstechen.

Die Symptomliste bei Endometriose ist aber noch viel länger. Es gibt Frauen, die haben während ihrer Periode starke Beschwerden, innerhalb des Zyklus dann aber nicht so stark. Es gibt Frauen, die haben rund um die Uhr Schmerzen. Es gibt Frauen, die haben "nur" beim Geschlechtsverkehr Schmerzen, oder auch während des Eisprungs. Viele Frauen mit Endometriose haben dazu auch noch das PCO-Syndrom (einen Erfahrungsbericht von NEON-Redakteurin Laura findest du hier) und PMS [Anm. d. Red.: Prämenstruelles Syndrom]. Von Patientin zu Patientin sind die Symptome individuell. Das macht auch die Diagnose so schwer.

Eine Diagnose dauert bei Endometriose im Durchschnitt sechs Jahre. Wenn mich eine Freundin fragt, was Endometriose ist, dann sage ich immer: Endometriose ist eine chronische aber gutartige Erkrankung, die in Form von Herden, Zysten und Verwachsungen auftritt. Diese ähneln Gebärmutterschleimhautartigem Gewebe – es ist aber nicht dasselbe wie Gebärmutterschleimhaut.

Buch von Anna Wilken über Endometriose: "In der Regel bin ich stark"

Annas Buch "In der Regel bin ich stark", in dem sie über ihre eigenen Erfahrungen mit der Endometriose schreibt, erscheint am 6. September im Verlag Eden Books. "Ich überschreite jegliche Schamgrenze im Buch", erzählt sie uns. Für 16,95 Euro kann es bereits jetzt zum Beispiel bei Amazon vorbestellt werden.

Auf deinem Buchcover steht "Ich bin eine von zehn". Wieso wissen so wenig Frauen über Endometriose Bescheid, wenn eine von zehn es hat?

Das frag ich mich ehrlich gesagt auch ganz oft. Oft bekommt man die Antwort: Endometriose ist zu speziell. Dann antworte ich aber immer: Wie kann etwas zu speziell sein, wenn eine von zehn Frauen darunter leidet? Es ist aber leider Fakt, dass wir zu wenig  Ärzte in Deutschland haben, die sich wirklich gut mit Endometriose auskennen. Die Symptome können eben oft auch anders interpretiert werden. Ich hatte bei mir selbst  lange den Verdacht – und meine Diagnose hat  sechs Jahre gedauert, weil selbst meine Mutter das, als ich 16 war, auf meine Pubertät oder mögliche psychische Probleme geschoben hat. Und Ärzte sagen schnell mal: Das ist normal. Periodenschmerzen sind normal. Selbst, wenn die Frau gefühlt während ihrer Periode halb kollabiert. Ich glaube, viele trauen sich auch einfach nicht, darüber zu sprechen. Man weiß halt nie, wie das Umfeld damit umgeht, dass man ständig Beschwerden hat – oder auch der Arbeitgeber.

Im Infotext deines Buches schreibst du, dass du oft den Satz gehört hast: "Stell dich nicht so an." Den hat wahrscheinlich jede Menstruierende schon einmal gehört – sowohl von Männern als auch von Frauen. Was war dein krassestes Erlebnis mit diesem Satz?

Das tut mir sehr leid für meine Mama, aber für mich war es am Schlimmsten, dass meine Mama und mein Umfeld mir jahrelang nicht geglaubt haben. Es hieß dann immer: Du Dramaqueen. Ich bin zwar empfindlich, aber das war wirklich das Schlimmste für mich. Mittlerweile ist es so, dass, wenn das jetzt jemand zu mir sagt, – darum geht es auch im Buch – knall ich ihm sofort die Karten auf den Tisch. Ich lasse mir das nicht mehr gefallen. Und meine Diagnose-"Reise" war noch relativ angenehm im Vergleich zu anderen Frauen, denen wegen ihrer Beschwerden zum Beispiel auf der Arbeit gekündigt wurde.

Wie wirkt sich die Endometriose auf deinen Alltag aus?

Das ist auch einer der Gründe, warum ich nicht mehr so viel als Model arbeite. Ich modele zwar noch und nehme auch Anfragen an und habe auch noch ein Management. Mir macht das auch immer noch viel Spaß. Vor ein paarJahren war ich noch oft in Paris unterwegs und war da auch echt erfolgreich, aber mein Körper hat das einfach nicht mehr mitgemacht. Es fällt mir schwer, lange zu stehen, bei Kälte bekomme ich schnell Schmerzen, weil sich dann bei mir alles noch mehr zusammenzieht. Auch der mentale Stress, das Rumgerenne von Casting zu Casting – das konnte ich einfach nicht mehr so gut aushalten. Ich merk das jetzt auch noch oft im Alltag, dass es mir mal leichter und mal schwerer fällt. Ich bin jetzt 23 geworden und kann teilweise keine Kiste Wasser alleine tragen. Da bin dann auf meinen Freund angewiesen. Das muss ich seit anderthalb Jahren jetzt akzeptieren.

War es 2014 bei "Germany’s Next Topmodel" auch schon so schlimm?

Damals hatte ich die Diagnose noch nicht, aber die Beschwerden. Ich war eine von denen, die oft beim Arzt waren. Ich hatte immer Bauch- und Unterleibsschmerzen. Allerdings war bei GNTM alles so spannend und nervenaufreibend, dass ich oft gar nicht so richtig auf meinen Körper hören konnte. Beschwerden hatte ich trotzdem immer. Selbst Heidi hat mal gesagt: Mit Anna ist halt immer irgendwas.

Wenn du deine Periode hast, bist du dann die ganze Woche ausgeknockt?

Ich habe jeden Monat einen oder mehrere Tage, die mich vollkommen ausknocken. Ich bin mittlerweile aber auch so weit, dass ich mich davon nicht mehr beeinflussen lasse.

Was rätst du Frauen, die glauben, dass sie auch Endometriose haben?

Ich bekomme wirklich jeden Tag unglaublich viele Nachrichten deswegen. Ich rate denen immer, ihre Beschwerden ernst zu nehmen und damit zum Arzt zu gehen. Vor allem, wenn die Beschwerden so schlimm sind, dass sie sie in ihrem Alltag beeinflussen. Wenn sie zum Beispiel nicht zur Arbeit können oder nicht einkaufen gehen. Dann ist das auf jeden Fall alles andere als normal. Ich habe früher auch immer das Gefühl gehabt, da stimmt was nicht – obwohl alle gesagt haben, es sei alles okay.

Als ich dann den Termin für meine OP bekommen habe, ist meiner Mutter die Kinnlade fast bis in den Erdboden gerutscht. Man hat meistens selbst ein gutes Körpergefühl und sollte sich da selbst auch ernstnehmen – ohne sich zu sehr hineinzusteigern. Was ich am meisten empfehle ist die Endometriose-Vereinigung. Die geben sich größte Mühe damit, für Aufklärung zu sorgen und Ärzte zu vermitteln, die sich mit Endometriose auskennen. Ich würde sowieso empfehlen, direkt zu einem Spezialisten zu gehen.  

Was wünschst du dir für die Zukunft, was das Thema Endometriose angeht?

Ich wünsche mir mehr Bewusstsein für das Thema, und dass die Diagnose einfacher wird. Das muss man auch noch dazu sagen: Die Diagnose findet immer über eine Bauchspiegelung statt. Das ist ein Eingriff unter Vollnarkose, mit drei Schnitten. Das ist nicht – wie viele denken – eine Magenspiegelung, die zehn Minuten dauert. Es wäre schön, wenn mehr in die Forschung zu Endometriose investiert werden würde und es bald mehr Möglichkeiten gibt, um die Krankheit schneller zu diagnostizieren.

Spannende Artikel zur Menstruation und alle Infos zu unserer Petition gegen die sogenannte Luxussteuer auf Periodenprodukte findest du auf NEON.de/keinluxus. Du willst die Petition direkt unterschreiben? Hier entlang, bitte

#keinluxus-Straßenumfrage: Reden Frauen offen über ihre Periode?