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Interview

Ex-"GNTM"-Kandidatin Anna Wilken: Endometriose: Wie es ist, mit 21 schon über künstliche Befruchtung nachdenken zu müssen

Jede zehnte Frau hat Endometriose, eine Krankheit, die unter Umständen zu Unfruchtbarkeit führen kann. Ex-"Germany's Next Topmodel"-Kandidatin Anna Wilken ist eine von ihnen und musste sich mit 21 schon über künstliche Befruchtung Gedanken machen. Wie fühlt sich das an?

Interview mit Anna Wilken über  Endometriose und Kinderwunsch

Ex-"Germany's Next Topmodel"-Kandidatin Anna Wilken hat Endometriose und musste sich deswegen schon mit 21 Gedanken über ihren Kinderwunsch machen

Auf den Fotos, die Anna Wilken auf Instagram mit ihren über 220.000 Followern teilt, wirkt ihr Leben perfekt: Sie arbeitet als erfolgreiches Model, reist um die Welt, wird zu Promi-Events eingeladen, hat eine glückliche Beziehung ... doch wenn man sich Annas Profil genauer anschaut, merkt man, dass hinter dem schönen Gesicht, das viele aus der neunten Staffel "Germany's Next Topmodel" kennen, viel mehr steckt. Denn die 23-Jährige ist mittlerweile zum Gesicht für Endometriose geworden, eine Krankheit, bei der Herde, Zysten und Verwachsungen im Bauchraum aufkommen, die gebärmutterschleimhautartigem Gewebe ähneln. Dadurch kommt es bei vielen Patientinnen zu extremen Schmerzen während der Periode, zu Schmerzen beim Geschlechtsverkehr oder Becken- und Blasenprobleme. 

Eine von zehn Frauen ist von Endometriose betroffen – und trotzdem wissen so wenige Menschen mit dem Begriff etwas anzufangen. Mit ihrem Buch "In der Regel bin ich stark" und ihrem Engagement auf Instagram will Anna das ändern. In einem Interview im Mai diesen Jahres hat uns Anna schon von ihrer Krankheit erzählt, doch es gibt bei der Endometriose auch einen Aspekt, der auf den ersten Blick untergeht: Unfruchtbarkeit. Denn bei vielen Frauen wird die Krankheit festgestellt, wenn sie Probleme haben, schwanger zu werden. Anna wusste schon früh von ihrer Endometriose – und musste sich trotzdem schon mit 21 mit dem Thema künstliche Befruchtung auseinander setzen. Immer an ihrer Seite: ihr Freund Sargis Adamyan, Bundesligaspieler bei Hoffenheim.

Endometriose und die Frage nach dem Kinderwunsch

Wir haben mit Anna zum zweiten Mal ein Telefoninterview geführt, um mit ihr über das Thema künstliche Befruchtung zu sprechen. Sie hat mittlerweile drei sogenannte Sammelzyklen hinter sich, bei denen zunächst durch hormonelle Stimulation die Follikelbildung angeregt wird, um diese anschließend für eine Kryokonservierung zu entnehmen. Die Medikamente und Behandlung sind sehr kostspielig. Anna und Sargis haben bereits 17.000 Euro dafür ausgeben müssen. Wir haben Anna gefragt, wie es war, in so jungen Jahren schon über Kinder nachdenken zu müssen.

NEON: Man liest immer wieder, dass Frauen mit Endometriose Probleme beim Kinderkriegen haben. Dir wurde aber schon mit 21 gesagt, dass du wahrscheinlich eine künstliche Befruchtung brauchen wirst. Wie hat sich das für dich angefühlt?

Anna Wilken: Ich war absolut überfordert mit der Situation – und bin es auch heute noch. Wir saßen da beim Arzt und ich dachte, wir sind im falschen Film. Mir fällt es auch heute noch schwer, darüber zu reden. Ich war damals eigentlich aus reiner Neugier im Kinderwunschzentrum, weil in meiner Reha jeder etwas von einem AMH-Wert erzählt hat, von dem ich noch nie was gehört habe. Wir hatten mit 21 natürlich noch keinen Kinderwunsch, aber ich dachte, der Wert wird bei mir sicher gut sein. Und dann sitze ich da und der Arzt sagt: "Ihr Wert ist gut .... " – und holt Luft – " .... gut genug, um jetzt noch eine künstliche Befruchtung zu starten." Mein Freund und ich haben uns angeschaut und dachten: "Ähm, nee?!" 

Buch von Anna Wilken über Endometriose: "In der Regel bin ich stark"

Annas Buch "In der Regel bin ich stark", in dem sie über ihre eigenen Erfahrungen mit der Endometriose schreibt, erschien dieses Jahr

Nach der Diagnose habe ich lange dicht gemacht und ein dreiviertel Jahr überhaupt nicht mit mir reden lassen. Ich hatte Albträume, wurde zickig, wenn man mich auf das Thema angesprochen hat – vor allem, wenn jemand meinte: "Dann machst du halt eine künstliche Befruchtung ..." Damals wusste ich zwar noch nicht, was genau auf mich zukommen würde, aber ich wusste natürlich, dass man nicht einfach eine Spritze bekommt und dann schwanger ist. Da steckt so viel dahinter. Das vergessen viele Leute. 

Ist es normal, dass Endometriose-Patientinnen schon so früh erfahren, dass sie wahrscheinlich eine künstliche Befruchtung brauchen werden? 

Man muss betonen: Mir hat das nicht einfach so jemand gesagt. Weil ich so ein neugieriger Mensch bin, habe ich mir einen Termin im Kinderwunschzentrum geholt – normalerweise würde so eine Situation ganz anders ablaufen. Klar, wenn eine Frau zum Beispiel verklebte Eileiter oder Endometriose-Herde an den Eierstöcken hat, dann bekommt sie sicher auch solche Aussagen. Aber bei mir gab es eigentlich keine Anzeichen, meine Eileiter sind durchgängig. Normalerweise würde man nicht in ein Kinderwunschzentrum gehen, ohne vorher probiert zu haben, schwanger zu werden. 

Eigentlich ist es dann ein glücklicher Zufall, dass es bei dir so früh schon erkannt wurde und du handeln konntest, oder? 

Damals dachte ich: Warum muss ich mich mit so etwas beschäftigen? Meine Freundinnen studieren, chillen auf Ibiza oder machen irgendwas Cooles ... Und schon da hat meine Mama immer gesagt: "Sei froh, dass du es gemacht hast. Wer weiß, wie das in ein paar Jahren ausgesehen hätte." Klar, man weiß nie. Es kann auch sein, dass ich in ein paar Jahren auf natürlichem Wege schwanger werde – und alles war für die Katz. Aber so ist das in der Reproduktionsmedizin. 

Mittlerweile glaube auch ich, dass das alles so kommen sollte – und es ist auch gut so. Die Erkenntnis hat aber viel Zeit gebraucht. 

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#glücklich 🦋 Happy Friday meine Lieben 💙

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Wie hat die Diagnose die Beziehung von dir und deinem Freund verändert? Hat sich da überhaupt was verändert?

Am Anfang eigentlich gar nichts, aber jetzt, nachdem wir die Sammelzyklen gemacht haben, natürlich. Das hat uns wirklich stark zusammengeschweißt. Das war auch für meinen Freund absolutes Neuland. Er hatte sich davor noch nie mit sowas beschäftigt und hat im Grunde ständig seine Freundin leiden sehen. Er konnte nichts machen, bei ihm war ja alles in Ordnung. Trotzdem war er immer für mich da. 

So wie du die Sammelzyklen in deinem Buch beschrieben hast, war die Behandlung ja eine krasse Hormonbombe. Wie hast du das durchgestanden? 

Ehrlich gesagt, es war die Hölle. Vor allem der erste Zyklus war schlimm, weil ich überstimuliert war und meinen kompletten Bauch voll Wasser hatte. Ich lag von Mitte November bis Mitte Dezember vergangenen Jahres flach deswegen. Die Nebenwirkungen der Hormone habe ich nicht vertragen – ich musste aber trotzdem die Höchstdosis spritzen wegen meines niedrigen AMH-Wertes. 

Nach dem ersten Versuch hatte ich zwei Monate Pause. Das war wirklich gut und wichtig. Anschließend habe ich zwei Zyklen hintereinander gemacht – und war danach wirklich gar. Trotzdem habe ich währenddessen mein Buch geschrieben. Ich frage mich bis heute, wie ich das überhaupt geschafft hab. Das war echt nicht einfach. Ich musste viele Abstriche machen, habe etliche Jobs abgesagt. 

Die Behandlung klingt im Buch auch wirklich nach einem Vollzeitjob, bei dem alles darauf abzielt, am Ende die Eizellen entnehmen zu können. Kaum vorstellbar, währenddessen noch arbeiten zu müssen. 

Ich bin wirklich sehr dankbar für mein Management. Die haben mir viel abgenommen und sich bemüht, für mich trotzdem alles möglich zu machen. Wenn es nicht ging, wurden die Jobs natürlich abgesagt, aber ohne einen Grund zu nennen. Diskretion war mir wirklich wichtig. Selbst aus meinem Freundeskreis wussten beim ersten Zyklus vielleicht fünf Leute Bescheid. 

Mein Management hat das super gemacht und es gab auch keine Probleme. Es war sogar eher so, dass ich mir selbst Vorwürfe gemacht habe, weil ich natürlich gerne mal auf einen Job gegangen wäre – auch um ein bisschen Ablenkung zu bekommen. Das ganze Leben dreht sich irgendwann nur noch um die Sammelzyklen.

Aber auch meine Freunde haben mir sehr geholfen. Letztes Jahr bei den "Place to be"-Awards habe ich Hormonspritzen beim Catering im Kühlschrank gelagert. Das hat niemand mitbekommen. Betty war eine der einzigen, die eingeweiht war und hat für mich alle alkoholischen Getränke abgewimmelt. Das Catering-Team habe ich um Diskretion gebeten und als ich mir abends nochmal meine Hormondosis geben musste, bin ich in die Küche, habe die Spritze abgeholt, bin auf die Toilette, und habe die Spritze wieder eingepackt. Das war schon ziemlich komisch – aber machbar. 

Hat sich deine Sicht auf das Kinderkriegen durch deine Behandlung verändert?

Total. Kinderkriegen ist ein großes Privileg. Ich habe ja gesehen, wie voll die Kinderwunschzentren sind. Die Masse hatte ich nicht erwartet. Und was ich gelernt habe: Man sollte Menschen nicht einfach fragen, ob sie Kinder haben wollen. Das ist ein unglaublich sensibles Thema.