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Interview

Buch "Natürlich verhüten": Verhütung ohne Hormone: Was ist Natürliche Familienplanung und für wen ist sie geeignet?

Immer mehr Frauen wollen ohne Hormone und Antibabypille verhüten und entscheiden sich für eine Methode namens Natürliche Familienplanung, kurz NFP. Anders als der Name vermuten lässt, kann man damit auch verhüten. Wir haben mit einer Expertin darüber gesprochen.

Hormonfreie Verhütung mit der Natürlichen Familienplanung (NFP)

Viele Frauen entscheiden sich gegen die hormonelle Verhütung und für die Natürliche Familienplanung, kurz NFP

Getty Images

Die Alternativen zur Antibabypille sind zahlreich: das klassische Kondom, Diaphragma, Kupferkette, Kupferspirale, Kupferperlenball – und die sogenannte Natürliche Familienplanung (NFP). Ja, auch wenn da das Wort "Familie" drin steckt, heißt es nicht, dass diese Methode nur zum Schwangerwerden taugt, sondern auch zur Verhütung.

Die Gynäkologin Dorothee Struck hat schon mehrere Bücher zu dem Thema geschrieben, unter anderem "Natürlich verhüten". Dort erklärt sie auch, wie die NFP funktioniert und warum sie viel zuverlässiger ist, als ihr Ruf – wenn man sie richtig anwendet. Und wie funktioniert das Ganze? Bei der Verhütungsmethode setzt man sich intensiv mit dem eigenen Zyklus auseinander, misst jeden Morgen vor dem Aufstehen um die selbe Uhrzeit die Körpertemperatur und trägt sie in eine Tabelle ein. Außerdem wird der Muttermundstand und die Konsistenz des Zervixschleimes kontrolliert, sowie die Intensität der Menstruation protokolliert. So kann man den Eisprung ermitteln und damit die fruchtbaren Tage, an denen mit Kondom oder Diaphragma verhütet werden muss. Im Interview mit NEON erklärt Struck, was Frauen dabei bewusst sein müssen.

Natürlich Verhüten mit der NFP

Frau Struck, bei der NFP muss viel protokolliert und gerechnet werden – das klingt erstmal kompliziert. Für wen ist die Methode denn geeignet?

Die Frauen müssen Lust haben, sich auf ihren Körper einzulassen und sich mit ihm zu beschäftigen. Wer einfach und bequem verhüten will, wird mit NFP nicht glücklich. Man kann nicht einfach eine App runterladen und dann erwarten, dass der Körper wie eine Maschine funktioniert. Aber das tut er halt nicht.

Dazu kommt: Die meisten Apps sind eine mittlere Katastrophe, denn viele basieren auf der "Standard Days Method". Das ist eine Rechenmethode, die in den Achtzigern im Auftrag der WHO von einer katholischen Universität in den USA entwickelt wurde – das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Sie war gedacht für Analphabetinnen in Entwicklungsländern. Damit sollte der Abstand zwischen den Geburten vergrößert werden, weil das für die Mütter- und Kindergesundheit besser ist. Das ist überhaupt keine Methode, die dafür gedacht ist, dass Frauen in westlichen Ländern damit verhüten. Bei solchen Zählmethoden gibt es bis 27 Prozent Schwangerschaften pro Jahr. 

Bücher: Natürliche Familienplanung und Verhütung von Dr. med. Dorothee Struck

Mehr Infos zum Thema Natürliche Familienplanung und Verhütung gibt es in dem Buch "Natürlich Verhüten" von Dr. med. Dorothee Struck. Sehr ausführlich behandelt sie das Thema auch in ihrem Buch "Verhüten ohne Hormone", das gerade überarbeitet in der zweiten Auflage erschienen ist. 

Also lieber ganz weg von den Apps?

Natürlich gibt es auch gute Apps, aber bei denen muss man die Basal-Temperatur messen, den Muttermunds-Schleim beobachten und ein Gefühl für die eigenen, sicheren Körperanzeichen bekommen. Man muss sich halt mit NFP auseinandersetzen. Wer keinen Bock darauf hat, wird damit nicht froh – und eher früher als später schwanger.

NFP ist eine hocheffektive Methode, die habe ich auch jahrelang angewendet. Ich persönlich finde es einfacher, morgens meine Temperatur zu messen und meinen Körper über den Tag zu beobachten, als ein Medikament zu nehmen. Aber das ist natürlich subjektiv. Es gibt Frauen, die finden das total nervig – und es gibt andere, denen fällt das total leicht, weil sie sich sowieso jeden Tag mit ihrem Körper beschäftigen.

Kennen junge Frauen heutzutage ihren Körper nicht gut genug?

Es ist eine ganz große Uninformiertheit da. Der Sexualwissenschaftler Hans-Joachim Ahrend hat das auf dem "50 Jahre Pille in Deutschland"-Kongress in Hamburg mal so schön formuliert: Die kennen ihre Äußerlichkeiten im Vergrößerungsglas bis hin zum allerletzten, epilierten Schamhaar, aber haben kein Gefühl für ihre inneren Räume. Das heißt, man zeigt der jungen Frau eine Spirale und die sagt: "Wie? So klein?" Oder man zeigt ihr ein Diaphragma und sie sagt: "So groß? Das soll da unten reinpassen?" Naja, da kann ein ganzes Kind hindurch passen, ein Diaphragma ist nicht zu spüren, wenn es gut sitzt.

Das Interesse für Äußerlichkeit ist also da – ich bin froh, dass ich in den Siebzigern ohne Instagram und Photoshop großgeworden bin – aber das Wissen um Abläufe im Körper ist oft gering: Was ist ein Zyklus? Was bringt ein natürlicher Zyklus? Die Wertschätzung für den weiblichen Körper kommt jetzt gerade wieder, aber es fehlt manchmal an Wissen.

Was sind die häufigsten Fehler bei der NFP?

Der häufigste Fehler ist, zu denken, man könnte vom Anfang des Zyklus ausgehend errechnen, wann der nächste Eisprung kommt. Wir haben eine deutsche und eine europäische Zyklusdatenbank mit unzähligen Datensätzen, die ausgewertet wurden. Das Ergebnis: Der komplett regelmäßige Zyklus ist ein Mythos. Den haben viel, viel weniger Frauen, als bisher angekommen. Man kann am neunten Zyklustag einen Eisprung haben und voll fruchtbar sein, oder am 22. Das kann definitiv nicht berechnet werden. Natürlich gehören auch zur NFP Rechenregeln, aber das sind immer die am wenigsten wichtigen Regeln. "Ich hab meinen Eisprung errechnet" – ich kann das nicht mehr hören. Dafür habe ich schon zu viele ungewollt Schwangere erlebt.

+++ Hier geht es zum ersten Teil des Interview mit Dr. Struck um die Antibabypille +++