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Aus der Community

Persönlichkeit: Danke, mir fehlt nichts. Ich bin einfach nur introvertiert.

Manche sind laut, manche leise, manche vielleicht auch von beidem etwas. Unsere Autorin gehört zu den ruhigen Menschen und sie fühlt sich oft unterschätzt. Man muss nicht laut sein, um erfolgreich zu sein.

Von unserem Community-Mitglied Geena Gamradt

Eine junge Frau steht auf einer Anhöhe. Die Haare wehen ihr ins Gesicht.

Nicht jeder ist selbstbewusst und laut. Es gibt Menschen, die in der Ruhe stark sind und gestresst in der Menge.

Irgendwie wurde es einem doch schon von Kind an beigebracht, dass es besser ist, manchmal lieber etwas zu viel als zu wenig zu sagen, auf sich aufmerksam zu machen, um in einer großen Menge von Menschen nicht unterzugehen, oder im besten Falle sogar aus dieser herauszustechen. Ich erinnere mich an meine Kindheit und daran, wie gerne ich eigentlich ein essen wollte, als meine Eltern mir ein Geldstück in die Hand drückten und sagten, ich solle selbst dieses bestellen und bezahlen. Mich verunsicherte dieser Kontakt mit einem fremden Menschen in Form des Verkäufers und ich verzichtete lieber auf mein ursprüngliches Vorhaben. 

Papa, bestell du für mich

Ich mochte es nicht, als erste Person ein Geschäft oder zu betreten, vor mir unbekannten Leuten viel oder überhaupt etwas zu sagen oder durch irgendeine Handlung oder Aktivität generell auf mich aufmerksam zu machen, die mich in den Mittelpunkt rücken würde. Lieber wollte ich vorerst ein stiller Beobachter bleiben, brauchte meine Zeit, um mich zu aklimatisieren und mit der gesamten Situation warm zu werden und auch wenn man durchaus Anderes denken konnte, war ich stets dabei und mittendrin, nur eben doch eher vom Rand aus. 

Als ich dann eingeschult wurde, konnte ich mich fortan bis einschließlich zur 13. Klasse in regelmäßigen Abständen mehrmals im Jahr auf Anmerkungen im Zeugnis oder Gespräche mit Lehrern freuen, die mir mitteilten, ich sei einfach zu leise, zu still und müsste mich mündlich eindeutig mehr einbringen. Hatte ich erstmal diesen Stempel des zu unauffälligen und ruhigen Mädchens weg, konnte ich mich im Unterricht melden so oft ich wollte, ich war bereits in eine Schublade einsortiert, aus der ich es nicht wieder herausschaffen würde.

Ich bin nicht krank, nur introvertiert

Inzwischen weiß ich, dass mein Verhalten nicht abnormal oder beunruhigend war, ich bin einfach ein introvertierter Mensch, der nicht gerne vor vielen Leuten spricht, manchmal auch überhaupt nicht spricht, nicht weil ich krank bin oder dergleichen, sondern weil es meinem Naturell entspricht oder ich mich derart mit mir selbst oder meiner inneren Welt auseinandersetze, dass mich diese Beschäftigung bereits vollends auslastet. Ich persönlich lade meine Batterien dadurch auf, ein Buch zu lesen, einen Text zu schreiben, zu hören oder einfach die Regentropfen an meiner Fensterscheibe zu zählen, weil ich dieses Abtauchen in Stille oder meine Gedankenwelt brauche, um neue Kraft zu schöpfen, zu verarbeiten und mich zu sortieren. 

Das genaue Gegenteil ist eine extrovertierte Person, die durchaus das Bad in der Menge genießt, viel unterwegs ist oder sich andauernd mit anderen trifft, weil diese Herangehensweise ihre Art ist. Generell gibt es in der Welt also vor allem diese zwei verschieden Typen. Natürlich kommt es innerhalb dieser auch zu Extrem- oder Mischformen, doch die allgemeinen Tendenzen lassen sich unter den oben genannten Gesichtspunkten erstmal recht gut zusammenfassen.

Ist erfolgreich nur, wer extrovertiert ist?

In letzter Zeit stelle ich mir häufig die Frage, ob innerhalb der Gesellschaft extrovertierte Menschen mehr angesehen sind, eher akzeptiert werden und vielleicht sogar höhere Erfolgschancen haben und ob ihre introvertierten Gegenstücke hingegen nicht oftmals als eigenartig oder verschroben charakterisiert werden.

Ich denke jeder von uns wurde in der Schulzeit, im Berufsleben, oder auch während des Studiums mit der Sorte Mensch konfrontiert, die bei Präsentationen, Meetings oder Kolloquien ehrlich gesagt nur wenig über die relevanten und zu behandelnden Themen wusste, in ihrem gesamten Auftreten und Dasein aber wiederum so überzeugend, selbstsicher und vielleicht auch charmant war, dass die Sache letztendlich glatt über die Bühne ging. Dass wir viel mehr von der Person an sich überzeugt waren, uns auch selbst diese rhetorischen Fähigkeiten wünschten und uns danach sehnten, ebenfalls einen solch herausragenden Auftritt vor anderen Menschen abliefern zu können, statt vermehrt auf das tatsächlich Gesagte und Übermittelte geachtet zu haben, muss uns im Moment des Geschehens nicht einmal aufgefallen sein. Stattdessen waren wir von einer bewusst inszenierten Erscheinung geblendet und schlicht und ergreifend begeistert.

Ein überzeugender Auftritt trügt manchmal

Dass man mit dieser extremen Art von Selbstbewusstsein die Menschen von sich, aber auch von den  jeweiligen verbreiteten Inhalten überzeugen kann, das wussten bereits die Römer in der Antike. Dort lernten die damaligen Juristen vor allem Rhetorik und vor einer großen Menge an Menschen überzeugende Reden zu halten, während die dargestellten Daten und Fakten nicht unbedingt von zentraler Wichtigkeit waren. Somit lag die Entscheidung zwischen Freispruch und Verurteilung in den Händen der Redekunst und ist nicht mehr mit unserer heutigen Vorstellung von Gerechtigkeit zu vergleichen.

Zwar herrschen solche Zustände nicht mehr in unserem aktuellen Rechtssystem (zumindest hoffe ich das), doch die angesprochene Überzeugung von sich selbst ist in vielen Bereichen nach wie vor stark vertreten. Dies hängt vor allem damit zusammen, dass innerhalb der Entwicklung und Bildung gelehrt wird, dass ein selbstbewusstes Auftreten mit Kompetenz gleichzusetzen ist. Wer vor anderen steht und frei von jeglichen Zweifeln bezüglich sich selbst oder dem Geäußerten ist, der wird schon wissen, was er tut, während ruhige Kinder nahezu zum Lautsein gezwungen werden und man ihnen beibringt, dass ihr zurückhaltendes Verhalten nicht gutgeheißen wird. 

Somit entsteht eine klassische Vorstellung, wie genau Selbstbewusstsein auszusehen hat, während einem ruhigen, stillen Menschen aufgrund seines Auftretens dieses Attribut weniger zugeschrieben wird, obwohl es durchaus möglich ist, auch in leiser Einkehr von sich überzeugt zu sein. 

Ruhig sein bedeutet nicht schlecht sein

Allein während der Schulzeit wird durch die Gestaltung der mündlichen Note, die ohnehin von niemandem wirklich geprüft werden kann, Druck auf die ruhigeren aufgebaut, deren Verhalten ja nicht ausschließt, dass sie den Unterrichtsstoff beherrschen und dass sie mitdenken. Wenn man diesen jungen Menschen eintrichtert, sie müssen mehr aus sich herauskommen, um wirklich erfolgreich in ihrem Tun zu sein, erinnert es mich in gewisser Weise an die Zeit, als Linkshänder noch dazu genötigt wurden, mit rechts zu schreiben. Es hat einige Zeit gedauert, bis eingesehen wurde, dass diese Kinder weder krank, noch defekt sind und auch keinen Pakt mit dem Teufel geschlossen haben und ihr Verhalten angenommen wurde. Vielleicht ist es also auch nur eine Frage der Zeit, bis ruhige Kinder und ruhige Erwachsene langsam aber sicher von der Gesellschaft so akzeptiert werden, wie sie sind und ihnen nicht sofort ein Mangel oder eine fehlende Kompetenz angedichtet wird.

Meiner Meinung nach ist es problematisch, dass einem insgesamt extrovertierten Menschen automatisch eine gehörige Portion Selbstbewusstsein zugeschrieben wird, während jemand, der sich introvertiert verhält, schneller als unsicher bezeichnet wird. Vielleicht ist es für unsere Gesellschaft an der Zeit, die klassische Vorstellung von Selbstbewusstsein zu überdenken und zu akzeptieren. Dass es komplett unterschiedliche Typen von Menschen gibt und ihr rein von außen zu erkennendes Verhalten nur wenig über ihre wahren Kompetenzen und Fähigkeiten verrät.

Der Inhalt sollte zählen, nicht die Erscheinung

Ich möchte in diesem Text nicht darstellen, dass Introvertierte besser oder wichtiger sind als Extrovertierte, für eine funktionierende Gemeinschaft sind beide Ausprägungen zwingend notwendig. Denn ohne extrovertierte Menschen würden die meisten Handlungen und Verbindungen niemals zu Stande kommen und ohne introvertierte Menschen wiederum hätten viele Ideen nicht den Platz, gedacht zu werden.

Wir können nicht in die Köpfe unserer Gegenüber hineinschauen und müssen daher lernen, ihnen zuzuhören und darauf zu achten, was genau uns gesagt oder gezeigt wird, auch wenn es leise ist, ohne uns dabei von zu viel oder zu wenig Theater blenden oder irritieren zu lassen. Letztendlich sollten nur die Inhalte überzeugen.


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