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Boxsport: Kämpfen fürs Kopftuch: So revolutioniert eine Berlinerin den Boxsport!

Eigentlich verbieten die Wettkampfregeln das Tragen eines Kopftuchs im Boxsport. Was also tut die muslimische Boxerin Zeina Nassar? Sie kämpfte gemeinsam mit ihrer Trainerin für eine Änderung der Wettkampfregeln – und hat sich durchgesetzt.

Von Refinery29-Autorin Maren Aline Merken

Kämpfen fürs Kopftuch: So revolutioniert eine Berliner Boxmeisterin den Sport!

"Das Kopftuch definiert mich nicht als Person und macht auch nicht meine Talente aus" betont die Berliner Boxerin Zeina Nasser

Sportlich war Zeina Nassar, seit sie denken kann – sie spielte Basketball, Fußball, Volleyball – doch als sie im zarten Alter von 13 ein Video von Frauen beim Boxtraining sah, wusste sie, was sie wirklich wollte. Diese Power, dieses Selbstbewusstsein; für sie war das Video eine echte Inspiration. Bereits nach dem ersten Besuch einer Berliner Trainingshalle waren für den Teenager sämtliche Zweifel verflogen. Jetzt galt es nur noch, die Eltern zu überzeugen. Die waren natürlich schockiert: Ein Mädchen im Boxsport? Zu gefährlich, viel zu aggressiv! Und geht das überhaupt? "Aber ich hatte mir die Sache in den Kopf gesetzt. Ich habe schon immer für Dinge gekämpft, die ich machen wollte", sagt Zeina und lacht. "Ich habe mich quasi durchgeboxt." Inzwischen ist Zeina Nassar 19 Jahre alt, Studentin der Soziologie und Erziehungswissenschaft und dreifache Berliner Meisterin im Boxen.

Neun Siege hat Zeina bei zehn offiziellen Kämpfen errungen

In der Klasse "unter 18" hatte sie zuletzt Probleme, Gegnerinnen zu finden. Wenn sie hörten, dass sie gegen Zeina kämpfen sollten, sprangen sie einfach ab. "Entweder war ich ihnen zu stark. Oder sie hatten bereits gegen mich gekämpft und verloren", sagt Zeina. Neun Siege hat die Tochter libanesischer Eltern bei zehn offiziellen Kämpfen errungen. Und das sind nur die sportlichen Erfolge. Für sie und ihre Trainerin wiegen andere Siege mindestens genauso schwer, denn: Zeina Nassar ist die erste Boxerin Berlins, die mit kämpft.

Neun Siege hat die Tochter libanesischer Eltern bei zehn offiziellen Kämpfen errungen

Neun Siege hat die Tochter libanesischer Eltern bei zehn offiziellen Kämpfen errungen

"Es ist manchmal so, als würde man mir nicht nur weniger zutrauen, weil ich eine Frau bin, sondern quasi doppelt so wenig, weil ich eben auch noch Kopftuch trage", sagt Zeina. "Aber wenn man mich einmal beim Boxen erlebt hat, schwindet der Zweifel und es gibt fast immer Lob, Anerkennung und Respekt." Um an diesen Punkt zu kommen, musste sie allerdings einige Hürden überwinden, Wege ebnen und Grenzen überschreiten. Gemeinsam mit ihrer Trainerin kämpfte sie für eine Änderung der Wettkampfregeln – und zwar bundesweit. Sie hat sich durchgesetzt. Heute erlauben die Wettkampfregeln eine Boxkluft im engen Sleeve, Leggings und Kopftuch. "Wieso auch nicht? Die meisten Frauen tragen unter ihrem Kopfschutz ein Tuch oder ähnliches und generell habe ich dadurch eher einen Nachteil, weil ich mehr Kleidung am Körper trage."

"Ich will einfach zeigen, dass ich ein Mensch bin, der alles schaffen kann, wie jeder andere auch. Das Kopftuch ist doch nur Ausdruck meines Glaubens."

"Ich will einfach zeigen, dass ich ein Mensch bin, der alles schaffen kann, wie jeder andere auch. Das Kopftuch ist doch nur Ausdruck meines Glaubens."

Ihre Eltern sind ihre größten Fans und Unterstützer. "Wir stammen aus dem und sind Muslime. Aber meine Eltern sind in keiner Weise konservativ. Als ich ihnen erzählte, dass ich Boxen wollte, hatten sie anfangs zwar Angst, jetzt aber sind sie unbeschreiblich stolz", sagt Zeina. Bis vor Kurzem wohnte sie noch bei ihren Eltern. Die Familie sieht sich oft, und obwohl die Eltern mittlerweile nicht mehr zu all ihren Kämpfen kommen, fiebern alle mit – bis in den Libanon. Nach jedem Sieg schickt die Soziologiestudentin ihrer Mutter ein Bild, "aber es dauert dann vielleicht eine halbe Stunde, bis meine Familie – auch die im Libanon – genau dieses Bild bei Whatsapp hat." Das sei ein tolles Gefühl.

Mädchen und Frauen mit Kopftuch gibt es in allen Sportarten

Derzeit studiert Zeina in Potsdam Soziologie. Zum Wintersemester 2017 würde sie jedoch gern zu Sporttherapie und Prävention wechseln. Und da wartet bereits die nächste Hürde auf sie: Für die Aufnahmeprüfung muss man sich in den Disziplinen Leichtathletik, Ballsport, Gymnastik/Tanz, Turnen und Schwimmen beweisen. Auch Letzteres ist für Zeina nur mit Kopftuch und Ganzkörperbekleidung denkbar – aber ob die Universität das zulässt, ist noch nicht klar.

"Mich wundert, dass ich im 21. Jahrhundert die Erste bin, die gegen diese gesellschaftlichen und teils rassistischen Windmühlen ankämpft."

"Mich wundert, dass ich im 21. Jahrhundert die Erste bin, die gegen diese gesellschaftlichen und teils rassistischen Windmühlen ankämpft."

"Anscheinend gab es dort noch niemanden, für den das wichtig war. Vielleicht hat sich aber auch noch niemand getraut, sich mit Kopftuch zu bewerben", sagt Zeina. "Das fällt mir generell auf: Mädchen und Frauen mit Kopftuch gibt es in allen Sportarten. Im Basketball etwa nimmt das auch bei Turnieren zu. Aber beim Boxen in steigt außer mir niemand mit Kopftuch in den Ring. Mich wundert, dass ich im 21. Jahrhundert die Erste bin, die gegen diese gesellschaftlichen und teils rassistischen Windmühlen ankämpft."

Das Kopftuch definiert mich nicht als Person und macht auch nicht meine Talente aus

Was den angeht, weiß Zeina ganz genau, was sie sich für die Zukunft wünscht: "Ich würde gern bei den deutschen Meisterschaften antreten. Vergangenes Jahr ging das leider aus beruflichen Gründen nicht." Denn Zeina ist nicht nur Boxerin und Studentin, sondern spielt auch am Maxim Gorki Theater. Auch dort natürlich mit Kopftuch. "Ich will einfach zeigen, dass ich ein Mensch bin, der alles schaffen kann, wie jeder andere auch. Das Kopftuch ist doch nur Ausdruck meines Glaubens. Es definiert mich nicht als Person und macht auch nicht meine Talente aus."

Bereits nach dem ersten Besuch einer Berliner Trainingshalle waren für den Teenager sämtliche Zweifel verflogen: Sie wollte boxen

Bereits nach dem ersten Besuch einer Berliner Trainingshalle waren für den Teenager sämtliche Zweifel verflogen: Sie wollte boxen

Auch sonst hat die Berlinerin große Ziele: "Ich will, dass es normal wird, als Frau und mit Kopftuch jede Sportart auszuüben, auf die man Lust hat. Ich will, dass die schiefen Blicke aufhören, die Vorurteile, die Zweifel. Und ich wünsche mir, dass ich mich nicht andauernd rechtfertigen und erklären muss", sagt Zeina. "Ich bin eine gute Sportlerin, egal wie ich mich kleide." Das haben inzwischen auch Medien und Sponsoren begriffen: Neuerdings hagelt es geradezu Anfragen für Drehs, Kooperationen und Interviews. Zeina erhofft sich davon vor allem eines: "Mehr Toleranz." Und die können wir aktuell alle mehr denn je gebrauchen.

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