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Serie "Der Konjunktiv der Liebe": Brief an meine verpasste Liebe: "Ich fühle mich erbärmlich - hast du Mitleid mit mir?"

Hätte ich nicht Schluss gemacht, hätte ich ihn nur angesprochen, hätten wir es probiert. Vier Menschen schreiben ihrer verpassten Liebe anonym Briefe und zeigen auch: Nicht immer ist es zu spät für einen letzten Versuch. Teil 1 unserer Reihe mit Pascal aus Köln.

Konzept: Fiona Weber-Steinhaus

Ein Wiedersehen fünf Jahre nach der Trennung: "Es ist seltsam, sich nicht mehr zur Begrüßung zu küssen"

Ein Wiedersehen fünf Jahre nach der Trennung: "Es ist seltsam, sich nicht mehr zur Begrüßung zu küssen"

Pascal, 28,

Warum Pascal sich damals von Stefan trennte, verstand er selbst nie. Er denkt immer noch an ihn, hat sogar das Gefühl, ihm heute näher zu sein als früher. In trifft er ihn wieder.

Lieber Stefan,

fünf Jahre nach unserer Trennung sitze ich in Sevilla auf einer Treppe und bin froh, dass ich ein Buch dabeihabe. Ich kann mich nicht auf die Sätze konzentrieren. Ich will einfach souverän und gelassen wirken, wenn ich dich heute wiedersehe, nach drei Jahren.

Bist du noch immer enttäuscht, dass ich dich verlassen habe? Bist du froh, dass ich kein Teil deines Lebens mehr bin? Spazieren wir gleich durch Sevilla und erzählen von unseren jetzigen Leben, verlieren uns in Nostalgie?

Wir waren beste Freunde. Du lebtest mit deiner Freundin in einer gemeinsamen Wohnung mit Vorgarten und Hund. Ich lebte noch bei meinen Eltern, in meinem Zimmer lagen die Bewerbungen für Universitäten, ich fürchtete mich vor den Antworten. Vor allem aber hatte ich Angst, dass du merkst, wie gern ich dich habe, nicht nur als besten Freund. Könnte ich noch bei dir klingeln, wenn ich nach einem zu viel und einer Minute zu wenig den letzten Bus verpasse? Wir trafen uns, du hast mich geküsst. So begann unsere Beziehung.

Du wurdest zum Maßstab für andere Männer

Du hast mir das Coming-out erleichtert. Wir waren nicht nur ein Paar, wir waren immer noch Freunde. Wir waren gemeinsam albern, laut, haben zu viel geredet.

In den vergangenen Jahren hab ich immer wieder an dich gedacht. Du wurdest zum Maßstab für andere Männer. Über deine Witze hatte meine Mutter immer gelacht, mein neuer Freund kam mit ihr nicht klar. Vor meinen Geburtstagen warst du schon Tage vorher aufgeregt. Du konntest es kaum erwarten, mir um zwölf Geschenke zu überreichen. Mein neuer Partner kaufte Gutscheine. Um zwölf war er müde. Ein Streit mit dir endete mit einem , in dem du schriebst, wieso du mich liebst. Ein Streit mit meinem neuen Partner endete im Streit.

Trotzdem trennten wir uns. Ich wollte mehr Spaß, mehr Aufregung, mehr Anerkennung. Du wurdest zu einer Bremse in meinem Leben. Ich machte Schluss. Heute weiß ich, dass ich selbst nie verstanden habe, warum ich gegangen bin.

Jetzt will ich eine eigene Wohnung haben. Mit Vorgarten und Hund. Du hast deinen Job aufgegeben und bist ausgewandert. Jetzt willst du mehr von der Welt. Mehr Spaß, mehr Aufregung, mehr Anerkennung. Ich will weniger. Ich habe das Gefühl, dass ich dir jetzt näher bin. Als hätte ich mich ein bisschen in dich verwandelt. Hat es in den letzten Jahren einen Punkt gegeben, an dem unsere Vorstellungen vom Leben zueinandergepasst haben? Eine Kreuzung, an der wir füreinander perfekt gewesen wären? Haben wir uns verpasst?

Ich habe nie eine schlimmere Zigarette gesehen

Dann stehst du vor mir. Lächelst mich an. Mit einer Zigarette im Mund. Selbst gedreht. Das ist neu, und mit "neu" meine ich nicht nur neu für mich, sondern auch für dich. Ich habe nie eine schlimmere Zigarette gesehen.

Es ist seltsam, sich nicht mehr zur Begrüßung zu küssen. Ich beobachte dich, suche nach Veränderungen. Du hast noch die gleiche Frisur, das gleiche dauerhafte Lächeln, selbst dein Pullover kommt mir bekannt vor. Du siehst noch immer gut aus. Aber du hast dich nicht ordentlich rasiert. Ich hingegen war beim Friseur, habe meinen Bart auf sechs Millimeter gestutzt, meine Jeans gebügelt und mir ein neues Shirt gekauft.

"Sollen wir an den Fluss? Du musst das Bier aber in deinem Rucksack verstecken, und wir müssen es heimlich trinken. Das vermisse ich an Deutschland, dass man in der Öffentlichkeit trinken kann", sagst du. Wir zwei mit Bier am Wasser. Ich fühle mich kurz zurückversetzt in unsere alte Zeit. In mir kommt die Hoffnung auf, dass wir einen Abend verbringen könnten wie früher, als hätten wir uns nie getrennt. Dass wir träumen und uns "Was wäre wenn?"-Fragen stellen. Deine Sätze katapultieren mich in die Gegenwart zurück.

"Ich weiß noch, dass du immer kreativ warst und Musik mochtest." Das ist alles, was du noch weißt? Ich spüre, wie die Hoffnung in mir stirbt. Die Realität überholt meine Träumereien. Ich schweige und drehe mir eine . Du nippst an deinem Dosenbier. Ich bemerke zum ersten Mal, dass ich nicht die gleiche Rolle in deinem Leben spiele wie du in meinem. Dinge, die uns für mich so besonders gemacht haben daran erinnerst du dich nicht einmal.

Du vermisst uns nicht. Nicht einmal den Sex.

Du sprichst von Veränderungen im Leben, sagst "man", "generell" und "im Allgemeinen". Ich spreche von "uns", von Momenten und Erinnerungen. Wie wir Treuepunkte sammelten, damit wir uns neue Töpfe kaufen können. Wie wir auf der Hochzeit deiner Schwester waren und irgendwann in Unterwäsche im Pool landeten. Ich höre mich ständig fragen: "Erinnerst du dich daran?" "Weißt du noch, als ...?" Du hast fast alles verkauft oder weggeschmissen, bevor du nach Sevilla gegangen bist. Das Einzige, das du noch von mir besitzt, ist ein Kapuzenpullover, "weil er so schön ist". Nicht, weil er mir gehörte.

Du vermisst mich nicht. Du vermisst uns nicht. Nicht einmal den Sex. "Ich kann mir nicht mehr vorstellen, mit dir zu schlafen. Ich stehe jetzt auf Südländer, deshalb bin ich ja auch nach Spanien gegangen." Du presst die Lippen aufeinander und lächelst. Es scheint eher wie eine Entschuldigung dafür, dass du mich nicht mehr attraktiv findest. Ich fühle mich erbärmlich - hast du Mitleid mit mir?

Ich weiß jetzt, dass du mich nicht mehr liebst. Es bricht mir nicht das Herz. Aber ich bin enttäuscht und kann es nur schwer verbergen. Als Paar gibt es keine Zukunft mehr. Aber für mich existierte immer noch die gemeinsame Vergangenheit. Ich habe mich oft gefragt, ob du dir manchmal vorstellst, wie mein Leben gerade ist, wie es wäre, wenn du noch ein Teil davon wärst. Jetzt weiß ich, dass du es nicht tust. Du vermisst an deinem alten Leben nur, dass man öffentlich Bier trinken durfte.