HOME

Gar nicht so kompliziert: Eine kleine Gebrauchsanweisung für Vegetarier

Wenn ihr zuviel in den Facebook-Kommentaren unterwegs wart, habt ihr vielleicht den Eindruck, dass der Umgang mit fleischverweigernden Mitmenschen unangenehm und stressig ist. Lasst euch aber sagen: Die lautstarke Klientel dort hat nicht viel mit uns Wald- und Wiesen-Vegetariern zu tun.

Eine Vegetarierin kauft im Supermarkt ein

Einkauf im Supermarkt: Was stört euch eigentlich an Veggie-Schnitzeln?

Glaubt man dem, was man oft im Fernsehen oder von Facebook serviert bekommt, dann sind und Veganer nicht nur sehr empfindliche und komplizierte, sondern auch sehr unangenehme Gestalten. Selbstgefällig, moralisch, sendungsbewusst. Nun mag es ja durchaus solche Leute geben, aber die langweilige Wahrheit ist: Sie sind ganz sicher nicht die große Mehrheit der Fleischverweigerer.

Wer wirklich wissen will, wie er sich sein Leben mit vegetarischen Freunden, Kollegen oder Familienangehörigen bequem einrichten kann, muss eigentlich nur wenige Regeln beachten.

1.  Frag nur, wenn es dich wirklich interessiert

"Und, warum isst du kein Fleisch? Wegen der Tiere, oder bist du irgendwie ... allergisch?" Es gibt in der Tat verschiedene Gründe, zum Vegetarier oder Veganer zu werden. Da wäre der gesundheitliche Aspekt, der ethische, manchmal spielen auch religiöse Konventionen eine Rolle. Die Frage ist also nachvollziehbar und im Prinzip völlig okay.

Aber wenn ich darauf antworte: "Ich finde Tiere toll und will sie deshalb nicht essen", dann herrscht erst einmal kurzes betroffenes Schweigen, während der Fragende unsicher auf das Schnitzel auf seinem Teller linst. Das gemeinsame Essen wird jetzt dezent unangenehm, und da hilft es auch wenig, wenn ich hastig hinterherschiebe: "Das kann aber ja jeder halten, wie er will!"

Meine Antwort, nach der ja gefragt wurde, kommt vermutlich immer irgendwie moralisch rüber, obwohl sie das gar nicht sein soll. Wenn ihr euch so eine unangenehme Situation ersparen wollt, dann fragt halt nicht. Oder zumindest nicht beim Essen.

2.  Beilagen sind völlig okay. Wirklich.

"Oh, die Tochter meiner Cousine kommt ja auch zur Geburtstagsfeier, und die ist ja jetzt Vegetarierin!" Das treibt dir den Schweiß auf die Stirn? Muss es nicht. Du musst kein Extra-Gericht aus Kürbis und Tofu zaubern. Nett wäre nur, wenn es ein paar Dinge auf dem Tisch gibt, die schlicht fleischfrei sind.

Ich habe als Kind und Teenie jahrelang  auf Schützen- und sonstigen Dorffesten neben meiner Familie am Bratwurststand dieses halbierte Beilagen-Toast mit Senf und Curryketchup gemümmelt, während der Rest sich eine Wurst gönnte – und war selig damit. Genau so okay ist es, eine Portion Erbsen und 'ne Kartoffel auf dem Teller zu haben. Wir freuen uns, wenn es überhaupt EINE Option für uns gibt. Deshalb schaut doch bitte, dass ihr nicht in jedes Gericht Speck schnibbelt – vom Salat über die Suppe bis zu den Bratkartoffeln. Das ist nämlich wirklich frustrierend.

Genau, wie gar keine vegetarische Option zu finden. Ihr müsst euch kein Bein ausreißen, wir sind wirklich genügsam. Aber auch wir finden unhöflich, wenn sichtlich gar nicht an uns gedacht wurde.

3.  Alter, misch uns kein Fleisch unter!

Dass man das überhaupt erwähnen muss. Aber es soll ja immer wieder vorkommen, dass jemand nicht schnallt, dass die Entscheidung gegen das Fleischessen eine ernsthafte Entscheidung eines geistig voll anwesenden Erwachsenen ist. Die es verdammtnochmal zu respektieren gilt.

Wenn du der Meinung bist, dass der vegetarische Freund deiner Tochter schon nicht merkt, dass das Rinder- statt Gemüsebrühe ist, oder dass er die Schinkenwürfel im Kartoffelsalat nicht sehen wird, dann liegst du a) falsch und bist b) leider ein Idiot. Das macht man einfach nicht, und konsequenter kann man sich bei einem Vegetarier gar nicht unbeliebt machen.

Ein kleiner Wildschwein-Frischling neben seiner Mutter

Tiere sind süß. Wir wollen die nicht essen. Ist das okay für euch?

4.  Lass uns doch unsere Veggie-Schnitzel

"Wenn du kein Fleisch magst, warum willst du dann Sachen, die aussehen und schmecken wie Fleisch?" Die Frage kennt wohl jeder Veganer und Vegetarier. Und fast allen dürfte es damit ähnlich gehen: Solche Veggie-Produkte – Schnitzel, Nuggets, Wurst – kommen nur sehr selten auf den Teller. Zu 95 Prozent der Zeit sind wir mit Gemüse, Pasta, Reis und Co. rundum glücklich. Aber wenn man dann doch mal Bock auf sowas hat – warum nicht?

Vermutlich haben nämlich nur die wenigsten von uns mit dem Fleischessen aufgehört, weil ihnen Fleisch nicht schmeckt. Sondern weil es einfach nicht gut genug schmeckt, um dafür ein Tier sterben lassen zu wollen. Wenn man den Geschmack, oder zumindest einen ähnlichen, auch dank Weizenprotein oder Soja haben kann, was spricht denn dagegen?

Außerdem: Glaubst du, deine Wurst schmeckt direkt vom Schweinepopo abgeschnitten so lecker? Nein – auch darin finden sich Öle, Füllstoffe und vor allem Gewürze. Die gleichen, mit denen auch die Veggie-Produkte gewürzt werden. Nur das "Basisprotein" ist eben ein anderes. Und warum ist das überhaupt so ein Aufregerthema?

5.  Seid ehrlich zu euch selbst

Wir kennen alle eure Witze. Alle. Und wir haben jeden schon 20 Mal gehört. Und trotzdem bekommt ihr jedes Mal wieder ein mildes Lächeln von uns, wenn mal wieder jemand erwähnt, dass wir seinem Essen das Essen wegessen. Aber was uns wirklich nervt: Immer wieder zu hören, dass jemand eigentlich ja auch total wenig Fleisch esse, und wenn, dann nur Bio.

Zufälligerweise habt ihr dann meist einen Burger von Mäckes in der Hand, wenn ihr sowas sagt, oder eine volle Einkaufstüte von Penny. Prinzipiell ist uns egal, was und wie ihr esst. Und wir fänden total gut, wenn das, was ihr sagt, wahr wäre. Aber da es ganz offensichtlich nichts als eine verlegene Floskel ist – spart euch das doch. Und erwähnt es erst wieder, wenn ihr tatsächlich zum ersten Mal in eurem Leben Fleisch im Bioladen gekauft habt. Deal?

Themen in diesem Artikel