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Tour durch die USA: Barbara Harris kauft Drogenabhängigen ihre Fruchtbarkeit ab – für 300 Dollar

Für das "Project Prevention" tourt Barbara Harris seit mehr als 20 Jahren durch die USA und bezahlt Drogenabhängige für langfristige Empfängnisverhütung. Kritik an ihrem Vorhaben weist sie entschieden zurück.

Barbara Harris und ihr Wohnmobil: Das "Project Prevention" will verhindern, dass Drogenabhängige Kinder bekommen

Barbara Harris und ihr Wohnmobil: Das "Project Prevention" will verhindern, dass Drogenabhängige Kinder bekommen

Eine Rasierklinge, ein paar Linien weißes Pulver und ein Schnuller prangen auf dem rund neun Meter langen Wohnmobil von Barbara Harris. "Manche Dinge gehören einfach nicht zusammen", steht darüber. Mit dem Fahrzeug tourt Harris seit mehr als 20 Jahren durch die USA. Sie steuert billige Motels an, öffentliche Plätze in der Nähe von liquor stores, Orte, an denen sie ihre Zielgruppe vermutet. Barbara Harris ist auf einer Mission. 

Mit ihrem Ehemann gründete sie 1989 das Programm "C.R.A.C.K. – Children Reguiring a Caring Community", das seit Mitte der 90er-Jahre als "Project Prevention" firmiert, wie sie unter anderem "Vice" in einer Videoreportage erzählte. Unterstützt von Spenden fährt Harris seitdem durch die USA und bezahlt drogenabhängige Frauen und Männer für langfristige Empfängnisverhütung. 300 US-Dollar gibt es für mehrjährige Implantate oder eine Sterilisation bei Frauen, bei Männern für eine Vasektomie. In der Regel aber seien es Frauen, die sich bei ihr meldeten oder auf ihr Angebot eingingen, erzählt sie.

Die Menschen müssen zunächst nachweisen, dass sie ein Drogenproblem haben – mit einem offiziellen Schreiben einer Behörde oder einem Dokument über einen entsprechenden Haftaufenthalt. In vielen Staaten der USA wandern nicht nur Drogendealer, sondern auch die Konsumenten ins Gefängnis. Die ersten 100 Dollar gibt es, wenn das Implantat eingesetzt wird, die zweiten nach sechs Monaten, und die dritten nach einem Jahr, wie der "Herald Courier" berichtet. Die Eingriffe nimmt Harris nicht selbst vor, sie lässt sich diese lediglich schriftlich bestätigen und zahlt dann die Prämien aus.

Scharfe Kritik an Barbara Harris

Über die Jahre musste sich Harris harte Kritik an ihrem Vorgehen gefallen lassen. Lynn Paltrow, von einer US-Vereinigung zum Schutz schwangerer Frauen, kritisiert Harris seit rund 20 Jahren für ihr Projekt. Taucht Harris in einer Talkshow auf, ist Paltrow nicht weit. Sie wirft der Aktivistin vor, "zerstörerische Mythen" und Vorurteile über Schwangere zu befeuern. Die Auswirkungen von illegalen Drogen auf ungeborene Kinder seien weitaus weniger schlimm als von Harris behauptet, so Paltrow. Zudem verdiene jeder eine zweite Chance. Jede Frau habe das Recht, ein Kind zu bekommen, argumentiert sie. Harris reagiert sehr gelassen darauf: Sie biete das Geld nur an, die Entscheidung für einen Eingriff träfen die Menschen ja selbst, sagte sie "Vice". Aber sind Drogenabhängige wirklich zurechnungsfähig genug für solch eine Entscheidung? "Das ist Sache der Ärzte, die den Eingriff vornehmen", bügelt Harris ab. Auch Rassismus wird Harris immer wieder vorgeworfen. Viele der von ihr bezahlten Menschen seien nicht weiß, konfrontiert sie die "Vice"-Reporterin. Das sei ja schon eine rassistische Behauptung, kontert Harris. Drogenabhängige seien keinesfalls alle farbig.

Angefangen hat Harris mit ihrem Non-Profit-Projekt aus einer sehr persönlichen Motivation heraus. Sie selbst adoptierte vier Kinder von einer drogenabhängigen Mutter. Von "Vice" zitierten Statistiken zufolge stammt jedes dritte Kind in Pflegeheimen oder -familien in den USA aus Haushalten mit drogenabhängigen Eltern. Diese Kinder haben nicht selten angeborene Defekte, wenn die Mutter während der Schwangerschaft Alkohol getrunken hat. Zudem kommen viele mit einer von der Mutter vererbten Drogensucht auf die Welt und müssten direkt behandelt werden. Dieses Schicksal teilten auch die vier von Harris adoptierten Kinder. "Die Frauen haben die Wahl getroffen, Drogen zu nehmen. Die Kinder aber hatten keine Wahl", sagte sie dem Lokalsender WKRG5. Und genau hier liegt laut Harris das Hauptanliegen des "Project Prevention": die Gesellschaft für die Gefahren von Alkohol- und Drogenmissbrauch in der Schwangerschaft zu sensibilisieren. Harris will möglichst viele solcher Fälle verhindern.

Mit einer 500-Dollar-Spende startete Harris ihr Projekt, mittlerweile bekommt sie nach eigenen Angaben bis zu einer halben Million im Jahr. Über eine Facebook-Seite rührt sie die Werbetrommel, teilt Artikel über Horror-Geschichten von misshandelten Kindern und von Menschen, die an Überdosen sterben. Harris druckt auch Flyer, auf denen provokative Sätze stehen wie "Lass eine Schwangerschaft nicht deine Drogensucht ruinieren" oder "Sie hat Papas Augen und Mamas Heroinsucht". Rund 7000 Menschen – hauptsächlich Frauen – hat Harris nach eigenen Angaben in den vergangenen 20 Jahren für einen Eingriff bezahlt, im Gegenwert von mehr als zwei Millionen Dollar.

"Als ich anfing, war hauptsächlich Crack das Problem"

Zu Beginn schaltete Harris mit ihrer Initiative auch TV-Werbungen wie diese hier:

"Als ich anfing, war hauptsächlich Crack das Problem. Jetzt vor allem Meth, Heroin und verschreibungspflichtige Medikamente." Das Pflegesystem aber sei immer noch schwer überlastet, ihre Mission also weiterhin wichtig. "Es bringt einer nichts Positives, wenn sie acht Kinder bekommt, die ihr weggenommen werden. Das hier ist eine Win-win-Situation für alle", sagt sie.

Dass nicht alle darin eine "Win-win"-Situation sehen, sondern eher moralische Abgründe, stört Harris kaum. Niemand habe ihr in all den Jahren ein schlüssiges Argument geliefert, warum - und alkoholabhängige Frauen Kinder kriegen müssten. Für sie gehe es nicht um die Rechte der Frauen, sondern um den Schutz von Kindern. "Die Leute, die mich am meisten kritisieren, sind selbst nicht bereit, ein drogenabhängiges Baby zu adoptieren."

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