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Schallplatten: Letzter Wille: Plattenrille - eine Hymne aufs Vinyl

Wer Schallplatten hört, ist weder ein Hipster noch unverbesserlicher Romantiker. Er ist ein Liebhaber, dessen Welt sich um Musik dreht - in 33 Umdrehungen pro Minute. Warum es beim Auflegen der Tonnadel wirklich knistert: eine Liebeserklärung.

Die Schallplatte: Letzter Wille, Plattenrille - eine Hymne auf's Vinyl

Unter Rillenjunkies ein liebgewordenes Ritual - und eine regelrechte Sucht: Den Tonarm auf die Schallplatte setzen

Picture Alliance

"You got to my head, you linger like a haunting refrain, and I find you spinning round, in my Brain, like the bubbles in a glass of champagne", sang Frank Sinatra im Juni 1948. Die Zeilen widmete er vermutlich einer Frau, dem vielleicht beliebtesten Songmotiv in der Musikgeschichte. Doch heute lassen seine Zeilen auch eine andere Lesart zu: Ab jetzt dreht sich alles um die .

Denn jene Zeilen sind (bis heute) auf einer konserviert. Es sind die ersten Zeilen, die auf dem Album "The Voice of " zu hören sind. Es sind die ersten Zeilen, die je auf eine Schallplatte aus Vinyl gepresst wurden. "I find you spinning round, in my brain, like the bubbles in a glass of champagne", sind sozusagen die ersten Zeilen, die auf den Schallplattenspielern dieser Welt geknistert haben.

Meine Welt dreht sich in 33 Umdrehungen pro Minute

"Jemand hat mir versucht zu erklären, dass CDs besser sind als Schallplatten, da sie keine Oberflächengeräusche haben. Ich sagte: Listen, mate - das Leben hat Oberflächengeräusche." - John Peel, britische Radiolegende 

Fast 70 Jahre später knistert es weiter. Oder wieder. Die Schallplatte wurde mehrmals totgesagt, als Auslaufmodell ad acta gelegt, in den 80er-Jahren angeblich von der CD zu Grabe getragen. Doch seit diesem Jahr hat der Technologiehersteller Sony wieder die Schallplatten-Presswerke angeschmissen, in den bestreitet Vinyl mittlerweile mehr als ein Viertel des Umsatzes des Tonträgermarktes - allein in Deutschland hat sich der Umsatz zwischen 2008 und 2016 verachtfacht. 

Die vermeintliche Rillenrenaissance  ist weder Hipstern noch unverbesserlichen Romantikern zu verdanken. Sie ist seit jeher ein (Dreh-)Moment der Entschleunigung in einer scheinbar dauererregten Welt, seit Streaming-Diensten sogar eine analoge Antithese zum digitalen Allerlei. Auch meine Welt dreht sich in 33 pro Minute. 

Jeder Kratzer erzählt eine Geschichte

"Schallplatten zu kaufen muntert mich auf ... Immer, wenn ich mich mies fühle, kaufe ich mir neue Schallplatten" - Schroeder von den "Peanuts"

Diese weit aufgerissenen Augen. Die verzogenen Mundwinkel. Das zerzauste Haar im Gesicht. Ein Junge in schwarz-weiß-Optik. Dazu in blutroten Versalien: "WAR", also Krieg. Als ich mit 16 Jahren, in einem Plattenladen in London, das erste wirklich politische Album der irischen Band U2 - und meine erste Schallplatte - in den Händen hielt, war ich fasziniert von der opulenten Aufmachung, von der Haptik und sogar von den Gebrauchsspuren. Die Platte wurde im Jahr 1983 in England gepresst. Wer hat sie seitdem, rund 25 Jahre später, schon alles in der Hand und auf seinem Plattenspieler gehabt? Nur so viel wusste ich: Der Nächste werde ich sein.

Bis heute fasziniert mich dieser Gedanke. Eine Fantasie, die eine CD - identitätslose Massenware - in mir niemals auslösen könnte. Jede Schallplatte erzählt eine Geschichte, manche sogar von sich selbst. Als ich mir etwa das Beatles-Meisterwerk "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band" in Amsterdam (Niederlande) gekauft habe, fand ich einen Joint in der Plattenhülle. Auf "Aftermath" von den Rolling Stones, das ich in Vancouver (Kanada) erstanden habe, aber in Israel gepresst wurde, steht in hebräischer Schrift geschrieben: "Noam" - ihm wird die Platte einst gehört haben, bevor er den Staffelstab an mich weiter gereicht hat. Hinter jedem Kratzer auf dem schwarzen Vinyl, sozusagen hinter jeder Narbe, steckt eine Geschichte. 

Wenn der Hörer selbst zum Abspielgerät wird 

"Vinyl ist die romantische Art, Musik zu hören, es ist das andächtigste Format. Du musst teilnehmen, aufstehen, die Nadel platzieren. Wie ein Lagerfeuer, in das man hineinstarrt, es bewegt sich etwas." - Jack White, Ex-Frontmann der White Stripes, mittlerweile Plattenladen- und Presswerkbesitzer 

Mit dem Auflegen des Tonarms erklärt man sich bereit, dieser Geschichte zu lauschen. Eine CD steckt in einem lieblosen Plastikgehäuse und verschwindet im Abspielgerät - bei einer Schallplatte wird man selbst zum Abspielgerät. Vom Säubern der Plattenrillen mit einer Mikrofaser-Bürste über das Auflegen bis zum Aufsetzen der Tonnadel. Der (Zu-)Hörer wird Teil des Geschehens, der Erzählung. Man sieht, wie sich die Schallplatte dreht. Als würde man in ein Lagerfeuer hineinstarren. Immerhin: auch hier knistert es.       

Für mich ist sogar der technische Aspekt geradezu poetisch. In aller Kürze: Bei einer CD werden die digitalen Dateninformationen, also die Musik, punktuell über einen Laser abgetastet. Bei einer Schallplatte fährt eine feine Nadel aus Diamant konstant bei gleicher Geschwindigkeit (bei Alben sind 33 1/3 Umdrehungen in der Minute, bei Singles 45) eine Rille entlang - die mechanisch gespeicherten Informationen (kleine Erhebungen in den Rillen) werden mechanisch abgetastet und durch eine Anlage elektrisch verstärkt. Die Musik lässt sich daher sogar ganz leise hören, ohne dass die Anlage eingeschaltet ist. Das ikonische Knistern ist dem Staub und Dreck in den Rillen geschuldet. 

Wer den Abspielprozess einer CD skizzieren möchte, müsste also viele kleine Punkte hintereinander zeichnen. Bei einer Schallplatte wäre es ein langer, ununterbrochener Strich. Nicht zuletzt deswegen hat sich unter Vinyljunkies eine Fangfrage für Nichtwissende etabliert: Wie viele Rillen hat eine Schallplatte? Die Antwort: zwei - eine auf jeder Seite.

Letzter Wille: Plattenrille

"Vinyl ist aktiv, es ist fühlbar, physisch." - Elijah Wood, Schauspieler, DJ und bekennender "Schallplatten-Nerd"

Ja, für mich gibt es viele Gründe, die Schallplatte zu lieben. Sie ist eine meiner Lieben des Lebens - und vielleicht sogar irgendwann darüber hinaus: Die Plattform "Rest in Vinyl" bietet an, nach dem eigenen Ableben seine Asche als Schallplatte pressen zu lassen. Ganz nach dem Motto: Letzter Wille, Plattenrille.

Bisher weiß ich nur so viel: "You got to my head, you linger like a haunting refrain, and I find you spinning round, in my Brain, like the bubbles in a glass of champagne", liebe Schallplatte.

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