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Low-Carb, Paleo und Co.: Warum unser Essverhalten so verkrampft ist wie noch nie

Permanent über sein Essen und seinen Körper nachzudenken ist heute so normal wie nie zuvor. Ab wann wird die Begeisterung obsessiv?

Viele Instagrammer inszenieren sich mit ihrem Essen (Symbolfoto)

Viele Instagrammer inszenieren sich mit ihrem Essen (Symbolfoto)

In meinem ersten Studienjahr verkaufte ich Brezeln in Kneipen. Während der Schicht aß ich die Brezeln, nach der Schicht trank ich . Ich bekam eine Plauze. In den Semesterferien machte ich Kohlsuppendiät und nahm ab. Irgendwann beschwerten sich alle, dass unser Haus nach Suppenküche roch. Und ich hörte wieder auf.

In meinem letzten Studienjahr pendelte ich viel. Am Bahnhof kaufte ich oft Chips. Meine Hose ging nicht mehr zu. Dann fing ich an, Low-Carb zu essen. Ich schnibbelte Tomatensalat, briet Eier, nahm Tupperdosen mit Lachsstückchen und Spinat mit in die Vorlesungen, löffelte Erdnussbutter gegen den Hunger, die ohne Zucker natürlich.

Tatsächlich nahm ich neun Kilo ab. Der Unterschied zu vorher: Was ich da machte, galt nicht als Diät. Das Rezeptbuch, das erklärte, wie man aus Blumenkohl Pizzaboden macht, verteufelte Diäten sogar. Low-Carb war eine Ernährungsumstellung, ein gesunder Lifestyle. Auch wenn ich mich gut fühlte, die Wangen glänzten, musste ich mich ständig einschränken. In aß ich Käse ohne Brot, Tintenfischringe ohne Panade. Als ich am Pier mit Freunden Dosenbier trank, kroch der Gedanke hoch: Gott, wenn überhaupt, sollte ich Wein trinken. Bier macht doch dick! Ich wollte meinen kleineren Hintern behalten, eigentlich aber große Käsebrote essen und nicht darüber nachdenken, was ich nun darf oder nicht.

Unser Essverhalten ist so verkrampft wie noch nie

So wie mir geht es vielen. Wir machen natürlich keine Diäten mehr. Allein das Wort klingt nach "Bild der Frau", nach Selleriestangen, die aus Plastiktüten ragen. Wir sind so in ein Zeitalter der Selbstverarsche gerutscht: Man soll supergern essen, sonst gilt man als hysterische Diätkuh, gleichzeitig muss man trotzdem schlank sein. Beim Abnehmen muss man jetzt auch noch so tun, als gelinge es einem mühelos. Das führt dazu, dass unser so verkrampft ist wie noch nie.


Im Bestseller "Mondscheintarif" von 1999 waren die Protagonisten praktisch immer auf Diät. Die Waage entschied über gute oder schlechte Laune. Etwa zeitgleich wurde "" verfilmt. Bridget notierte ihre Gewichtsschwankungen, die notorischen fünf Kilo zu viel, in ihrem Tagebuch. Im dritten Teil von "Bridget Jones" waren Diäten kein Thema mehr. 2016 stolzierte Bridget erschlankt durch London, ging zum Spinning und hatte ihr Leben halbwegs im Griff. Jo-Jo-Effekt? Aus dem Drehbuch gestrichen.

Das Jahrzehnt der gesunden Ernährung begann um 2010. In Deutschland, dem Ursprungsland von Toast Hawaii und Filterkaffee mit Sprühsahne, begannen die Menschen, mehr Geld für Essen auszugeben. In einer Befragung der Techniker Krankenkasse vom letzten Jahr gab fast die Hälfte der Befragten an, dass sie "vor allem gesund" essen möchte (drei Jahre zuvor war es nur rund ein Drittel). "Gesund" ist heute die richtige Antwort auf fast alles.

Gesund ist auch zu einem Synonym von schlank geworden. "Während früher schlank mit schön assoziiert wurde, ist Schlankheit heute Stellvertreter von Gesundheit und Erfolg", sagt Bernhard Osen, Chefarzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Bad Bramstedt.

Notfalls hilft die Ausrede Unverträglichkeit

Deshalb eignet sich die Gesundheit auch so gut als Vorwand, wenn man eigentlich abnehmen will. Mit dieser Definitionsveränderung ernähren sich jetzt auch mehr Männer von Thunfisch und Magerquark. "Ich mache Paleo" klingt einfach besser als "Ich bin auf Diät".

Mir fiel irgendwann auf: Alle aßen Beeren. Aber nicht, weil sie ihre Liebe zu Waldspaziergängen entdeckt hatten. Beeren gehören zu den wenigen Früchten, die auch bei der Low-Carb- und der Paleo-Diät erlaubt sind. Bananen hingegen schwierig. Saft Teufelszeug. Was laut Ökotrophologen aber Quatsch ist. Die Ernährungspyramide, die man in der Grundschule gelernt hat, ist wissenschaftlich noch immer aktuell: einfach von allem ein bisschen essen.

Wer verzichten will, kann heute als Ausrede auch auf eine Unverträglichkeit zurückgreifen. Zwar sind einige Menschen wirklich krank, etwa 20 Prozent der Bevölkerung vertragen keine Laktose, etwa ein Prozent leiden an Zöliakie, reagieren also krankhaft auf Gluten, manche haben eine Weizensensitivität. Zusätzlich diagnostizieren sich aber viele Gesunde selbst Unverträglichkeiten. Der Vorteil: Niemand kann einem vorwerfen, ein überspanntes Diätopfer zu sein.

Viele Blogger berichten offenherzig über ihre Verdauung, erzählen im Detail, wie schlecht sie Weizen vertrugen, wie aufgebläht ihr Bauch war, als sie Zucker aßen und wie das "richtige" Essen sie gesunden ließ. Auf dem Markusplatz in Venedig bieten Restaurants auf den fünfsprachigen Speisekarten inzwischen "glutenfree pasta" an. Wahrscheinlich nicht aus Mitgefühl für echte Zöliakiekranke, sondern wegen der Touristenscharen, in deren Gesundheitskonzept Weizen nicht passt.

Der Feldzug derjenigen, "die gestörtem Essverhalten Glamour verleihen"

Andere Blogger inszenieren sich als Genussmenschen, indem sie sich und anderen einreden, dass die neuen Rezepte wirklich megalecker sind. Den grünen Frühstücks-Smoothie aus Spinat und Sellerie mit einem Spritzer Zitronensaft nennen sie "rohköstlich". Die Spiralschneidernudeln aus Zucchini mindestens so lecker wie Pasta. Die vegane Schokomousse aus Avocado noch leckerer als echte Mousse. Die britische Autorin Hadley Freeman nannte die Schwemme der Superfood-Blogger einen Feldzug derjenigen, "die gestörtem Essverhalten Glamour verleihen".

Auf dem Instagram-Account "pomshine" etwa dokumentiert Stephanie ihr Leben, das zu einem Großteil aus ihrem Essen besteht. Die 25-Jährige ist eine hübsche, dünne Frau. Für ihre 29.000 Follower lächelt sie, in Unterhose vor dem Spiegel stehend, in die Handykamera. Auf ihren nackten Beinen stehen immer wieder Schüsseln mit Joghurt, Spargel, Erdbeeren.
Die Geschichtslehrerin aus Belgien fing vergangenes Jahr an, genau auf ihr Essen zu achten. Erst begann sie, sich vegan zu ernähren. "Mir wurde klar, wie viel besser eine pflanzliche Ernährung für mich, meinen Körper und die Umwelt ist, mal ganz abgesehen von den Tieren natürlich", sagt sie. Dann wurde sie "Clean Eaterin" was bedeutet, dass man möglichst naturbelassen isst, also keine verarbeiteten Lebensmittel, keine Fertiggerichte. Dann reduzierte sie die Portionen und hörte auf, Frittiertes, Zucker und Fett zu essen. "Ich bekam Angst vor bestimmten Lebensmitteln, besonders vor Kohlenhydraten", gesteht sie. Sie ging weiter ins Fitnessstudio, nahm zehn Kilo ab. Was ihr gefiel. "Ich hielt mich dran, was im Internet als gesund proklamiert wurde: Sport = gesund, Clean Eating = gesund. " Stephanies striktes Regime: morgens Haferflocken mit Banane. Mittags und abends: eine halbe Gurke, zehn Kirschtomaten, eine halbe Avocado und ein paar Maiskölbchen, ab und zu ein Eis. "Es wurde nie offiziell eine Essstörung diagnostiziert", sagt Stephanie. "Aber seit einiger Zeit habe ich große Probleme mit dem Essen." Auf Komplimente für ihre Figur antwortet sie nicht. "Das ist eine Krankheit und nichts, was man feiert", sagt sie.

Wo beginnt obsessives Verhalten? 

Doch wo verläuft die Grenze? Wann beschäftigt sich jemand noch normal mit dem Essen und seinem Körper, und wo beginnt obsessives Verhalten? Die Psychologin Friederike Barthels vom Institut für Experimentelle Psychologie der Universität Düsseldorf meint: "Es kommt immer darauf an, ob die Person leidet. Wenn jemand völlig glücklich damit ist, sich den ganzen Tag mit Kochen und dem Anbauen von Lebensmitteln zu beschäftigen, ist das in Ordnung. Wenn Essverhalten von der Norm abweicht, heißt es noch lange nicht, dass jemand darunter leidet." Barthels hat ihre Doktorarbeit über das Phänomen Orthorexia nervosa geschrieben. Betroffene versuchen krampfhaft, nur Lebensmittel mit für sie perfekter Qualität zu essen. Nicht der Geschmack, sondern die Qualität der Ernährung steht im Vordergrund. Die Essensregeln werden immer strenger, die Auswahl an Lebensmitteln kleiner. Nur bio, kein Fleisch, kein Zucker, kein Fett, nur Rohkost. Barthels aber sagt, bislang sei unklar, ob Orthorexie eine eigenständige Essstörung oder eine Unterform der Magersucht ist. Als Krankheitsbild ist sie nicht in den DSM-5-Katalog aufgenommen, der festlegt, was als psychische Krankheit gilt. "Über das mögliche Störungsbild Orthorexie kann man diskutieren darüber, wann es pathologisch ist und wann eine sinnvolle Beschäftigung mit gesunder Ernährung." Das Spektrum reiche von dem Vorsatz "Ich fange an, mich gesund zu ernähren" hin zu der Erkenntnis "Diese gesunde Ernährung diktiert mir meinen Tagesablauf", sagt Barthels.

Wann man was essen soll, diktieren wir uns zum Teil schon gegenseitig. Aus dem Druck, schlank zu sein und gleichzeitig wahnsinnig viel Spaß am Essen zu haben, hat sich die gesellschaftlich akzeptierte Spontanvöllerei entwickelt: der Cheat-Day. Auf Partys haut man rein. In dieser Gute-Laune-Welt herrscht Gruppenzwang wie beim Bordellbesuch der Versicherungsvertreter. Wenn, dann sollen bitte alle sündigen. Was nicht bedeutet, dass man seine Health-Agenda vernachlässigt: Ein Bekannter sagte, er mache nach einer Pizza doppelt so viel Sport wie sonst.

In der achten Staffel von "Germany’s next Topmodel" fand Heidi Klum einen Schokoriegel bei einer Kandidatin: "Geht gar nicht", sagte sie damals. In der letzten Staffel aßen die Kandidatinnen öffentlichkeitswirksam Chips. Trotzdem mussten sie zittern, ob sie "Top in Shape" waren.

Instagrammer, die nur so tun, als würden sie essen

Viele Instagrammer inszenieren sich in diesem perversen Fresko der Völlerei. Es gebe auf Instagram nichts Normales mehr, analysiert Stephanie, die Instagrammerin, selbst. "Entweder sieht man die dünnen Mädels mit zwei Scheiben Toast und Avocado, was sie Frühstück nennen. Oder sie stopfen sich mit Pizza oder Burgern voll. Woher soll irgendjemand noch wissen, was eine normale Portion ist?", fragt sie. Die Instagrammer zeigen Pizzakartons, so groß, dass sie sich darin verstecken könnten. Sie halten sich Pommes vor den Mund. Vor ihnen stapeln sich vor Ahornsirup triefende Waffeln, Törtchen, Käsesandwiches. Sie tun so, als würden sie all das essen.

Die Barista Bo-un Hwang, 20, arbeitet in Cafés, in denen von Açaí-Bowls und pochiertem Ei bis zu Granolajoghurt alles auf der Karte steht, was gesund klingt und hübsch aussieht. Jeden Tag kämen Gruppen von Instagrammern, die zwei, drei Gerichte von der Karte bestellen. "Sie stellen sich auf den Stuhl und fotografieren die Waffeln und den Joghurt", erzählt Bo-un Hwang. "Sie essen einen Happen, zahlen und lassen die vollen Teller zurückgehen." Anfangs dachte sie: Vielleicht haben die keinen Hunger. Vielleicht hat es nicht geschmeckt. Dann sah sie die Granolaschüsseln, in denen nur die Beeren weggepickt waren. "Die tun nur so, als würden sie etwas essen", sagt sie. "Wir schmeißen das Essen dann weg."


Nahrungsmittel verkommen zu einem Accessoire der eigenen Inszenierung. Doch der Druck, sich gesund zu ernähren, wächst, weil sich viele zu dick fühlen. In der NEON-Umfrage von 2014 gaben das 57 Prozent der Männer und 68 Prozent der Frauen zu. "Es gibt eine Scherenbewegung", sagt Stephan Herpertz, Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am LWL-Universitätsklinikum Bochum: "Auf der einen Seite werden wir immer dicker. Auf der anderen Seite ist das Schönheitsideal auf einen Body Mass Index (BMI) von 18 oder drunter gesunken." 21 Prozent aller Männer und Frauen in Deutschland haben einen BMI von über 30, sind also stark übergewichtig, so die Nationale Verzehrsstudie.
Models hingegen lägen in Gewichtsbereichen, die nur etwa 0,1 Prozent der Gesellschaft von Natur aus haben. "Das Problem ist nicht, deren Körpermaße als Ideal zu sehen, sondern diese als Norm zu definieren. Demnach gälten 96 Prozent der Bevölkerung als defizitär", sagt Herpertz. 1942 hatte die Miss America noch einen Body Mass Index von 22,4. 1986 lag der BMI der Gewinnerin bei 16,9. Was ungefähr einer 1,80 Meter großen Frau entspricht, die 55 Kilo wiegt.

Das Schlankheitsideal

Das Problem, das hinter dem Ernährungszirkus steht, ist also das Schlankheitsideal, immer noch. So oft schon wurde Body-Positivity beschworen, endlich wieder normale Frauen! Von wegen. Die Schauspielerin Jennifer Lawrence wird als Prototyp der kurvigen Frau gefeiert. Sie selbst stellte jedoch klar: "Ich habe nicht das Gefühl, dass ich einen normalen Körper habe. Ich mache jeden Tag Pilates, ich treibe viel mehr Sport als jeder andere. Wir haben uns so daran gewöhnt, dass alle untergewichtig sind, dass eine schlanke Person plötzlich als kurvig gilt." Sind wir also alle gestört? Das fragte ich mich, als letztens ein Bekannter einen Badeausflug absagte. Keine Zeit, erzählte er. In Wahrheit wollte er seinen weichen Körper nicht zeigen. Natürlich habe er das den Freunden nicht gesagt, meinte er. "Ist ja peinlich." Eine Freundin erschrak, als wir nach dem gemeinsamen Essen spontan beschlossen, noch weiterzuziehen sie fürchtete, ihr Bauch könnte jetzt beim Tanzen dick aussehen. Sie fuhr nach Hause.

Nach Barthels Definition wären beide obsessiv: Sie leiden und schränken ihr Leben ein. Bernhard Osen nennt das aber nicht zwingend pathologisch: "Essstörungen sind ernst zu nehmende Krankheiten und betreffen aktuell 1,1 Prozent der Frauen und 0,3 Prozent der Männer", sagt er. Doch die Übergänge von einem gesundheitsbewussten zu einem gestörten Essverhalten seien fließend. "Die größte Gruppe der Menschen mit einem problematischen Essverhalten zeigt bereits einige Symptome einer Essstörung, aber eben noch nicht genug, um wirklich von einer Krankheit zu sprechen." Die Gegenbewegung ist längst da: Es finden sich immer mehr Leute, die unter den Hashtags #bodypositivity und #effyourbeautystandards eine vielschichtigere Körperkultur etablieren. Sie zeigen, wie Menschen abseits von Viersternehotel-Saunen aussehen: dick, dürr, mit großen Hintern und kleinen, mit sehnigen Armen und schlaffem Trizeps. So gut die inszenierte Selbstliebe auch ist seinen Körper mit aller Kraft zu lieben kann auch anstrengend sein.

Nach meinem Low-Carb-Ausflug vor ein paar Jahren sagte ein Freund zu mir: "Wieg doch fünf Kilo mehr und iss dafür Spaghetti mit mir." Es klang nach einem guten Deal. Die Figur ist einem halbwegs vorgegeben. Anstatt sich sein ganzes Leben dafür fertig zu machen, dass man fünf Kilo über Wunschgewicht ist, könnte man sich damit arrangieren, dass das Normalgewicht drei Kilo höher liegt. Man muss seinen Körper nicht abfeiern oder abgöttisch lieben. Aber man kann überlegen, wie viel Zeit man reinstecken will, gegen ihn anzugehen. Am Lebensende wird keiner zu einem sagen: Toll, du hast immer so diszipliniert gegessen. 

Dieser Text ist in der Ausgabe 8/17 von NEON und auch digital für das Tablet auf iOS und Android erschienen. Hier können Einzelhefte des Magazins nachbestellt werden.



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