HOME

Aus dem Leben: Ich bin jung, Mutter und manchmal einsam - da hilft nur eines ...

Unsere Autorin ist frischgebackene Mutter und vermisst nun schmerzlich ihre alten Freundinnen. Gehen diese ins Bett, muss sie aufstehen – und umgekehrt. Da hilft eigentlich nur eines ...

Von Ninia "LaGrande" Binias

Frisch gebackene Mutter: "Liebe Freundinnen, werdet endlich schwanger"

"Als Mutter fehlen mir Menschen, die meine aktuellen Erfahrungen, Gefühle und Gedanken wirklich verstehen können."

Vor mehr als acht Monaten bin ich zum ersten Mal Mutter geworden. Inzwischen sind das Kind, der Mann und ich aufeinander eingespielt. Wir wohnen in einem sehr lebendigen Viertel. Einkaufs-, Zeitvertreibs- und Kaffee-Gelegenheiten sind direkt um die Ecke. Auf dem Wochenmarkt treffe ich immer jemanden. Der Alltag ist organisiert. Der Mann ist Lehrer, ich bin selbstständige Autorin. Beide arbeiten wir wieder und teilen uns die Fürsorge. Meine Familie wird per WhatsApp-Gruppe regelmäßig über die Fortschritte des Kindes auf dem Laufen gehalten. In typischer Übermotivation habe ich mich zu zahlreichen Eltern-Baby-Kursen angemeldet, um auch mal rauszukommen. Trotzdem fühle ich mich manchmal einsam. Es gibt wenige Menschen, die meine aktuellen Erfahrungen, Gefühle und Gedanken wirklich verstehen können. Meine alten Freundschaften zu kinderlosen Menschen sind irgendwo zwischen Windeln wechseln und Gläschen kaufen verloren gegangen. 

"Schläft es schon durch? Ach, echt? Und krabbelt es?"

Die Freundinnen, die schon Kinder haben, wohnen nicht in meiner Stadt. Wir mailen, texten und telefonieren. Was mir fehlt, sind Menschen, mit denen ich mich spontan auf einen Kaffee treffen kann. Die wissen, dass ich wegen des Babys auch mal unpünktlich sein werde. Die ebenfalls ein Baby im Schlepptau haben. Und – dies ist für mich der wichtigste Punkt – mit denen ich vorher schon befreundet war. Die mich also kennen und einschätzen können. Von allen neuen Bekanntschaften bei Schwangerschaftsyoga, Geburtsvorbereitungskurs, Babymassage, Mama-Kind-Yoga und Babyschwimmen ist genau eine Frau übriggeblieben, mit der ich mich gerne und regelmäßig treffe. Wir schieben unsere Kinder am Fluss entlang und tauschen uns über Schlafenszeiten, Essverhalten und Müdigkeitsbekämpfungsstrategien aus. Mit allen anderen Frauen in diesen Kursen wurde ich nie so richtig warm. "Schläft es schon durch? Ach, echt? Und krabbelt es? Nein??! Wann wird es gefüttert? Und wie ist es mit dem Mittagsschlaf?" Wenn ich schon beim Gesprächseinstieg das Gefühl habe, nun automatisch Teil eines Wettbewerbs zu sein, habe ich bereits keine Lust mehr, auf eine tiefergehende Freundschaft.

Während ich so über die Farbe von Babykacke sinniere, leben meine anderen Freundinnen, aus alten Zeiten, ihre Leben weiter. Sie gehen aus und daten. Sie haben einen stressigen Alltag, in dem Job, Sport und Freizeit irgendwie untergebracht werden müssen. Sie schlafen am Wochenende endlich mal wieder richtig aus und pflegen den Kater vom letzten Abend. Einen gemeinsamen Termin zu finden, ist inzwischen fast unmöglich. Ich selbst kann nur tagsüber. Aber nicht während des Mittagsschlafes und nur bis zum Nachmittag. Den restlichen Tag übernimmt meist der Mann, wobei ich diese Zeit dann allerdings für Arbeit nutzen muss. Ich habe einen völlig verschobenen Tagesrhythmus.

Wenn wir uns mal treffen können, mache ich Pause vom Leben mit Baby. Ich will gar nicht viel davon erzählen, auch da ich selbst früher nicht viel von frischgebackenen Müttern hören wollte. Gleichzeitig kann ich über kaum etwas anderes sprechen, da der Dreh- und Angelpunkt meines Lebens nun mal mein Kind geworden ist. Für andere kann das nervig oder uninteressant sein. Wer will schon wissen, dass das kleine Kind jetzt das erste Mal in einem Einkaufswagen gesessen hat? Das ist im Zweifel nur für die Großeltern eine richtig spannende Neuigkeit. Also höre ich hauptsächlich zu. Wenn ich dann am Ende des Abends gefragt werde, wie es mir denn eigentlich gehe, dann antworte ich ein kurzes: "Och, alles gut."

Freundschaftspflege als Mutter ist sehr schwierig

Immerhin bin ich noch nicht in den "Wir-Modus" verfallen. So manch befreundete Mutter existiert quasi nicht mehr für sich selbst, sondern nur noch als Team mit Kind. Wenn ich mich dort nach dem Befinden erkundige, bekomme ich entweder wochenlang gar keine Antwort, da das Kind so einnehmend ist, oder ein euphorisches: "Uns geht es super – wir haben heute das erste Mal Spinat gegessen!" Eine Verabredung mit diesen Menschen fände selbst ich ein bisschen anstrengend, da ich quasi mehr mit dem Baby verabredet wäre als mit der Mutter. 

Insgesamt ist das Pflegen von Freundschaften als Mutter für mich zu einer neuen Herausforderung geworden. Andererseits muss ich zugeben, dass ich schon zuvor nicht diejenige war, die sich jeden Tag gemeldet hat. Inzwischen ist es aber ein regelrechtes Jonglieren von Terminen. Ich liebe es, in einen kurzen Alltagsurlaub zu flüchten und mich mit alten, kinderlosen Freundinnen zu treffen. Gleichzeitig tausche ich mich sehr gern mit all denen aus, die schon Kinder haben und Erfahrungen weitergeben können. Ich hoffe, dass sich die eine oder andere Bekanntschaft vertiefen lässt. Was nicht ist, kann ja noch werden. Zwei Freundinnen aus meiner Stadt sind inzwischen schon schwanger. Vielleicht wird der Traum vom spontanen Kaffee, tagsüber, ja doch noch wahr.

Themen in diesem Artikel