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Berliner DJ-Duo Hoe_Mies: Zwei Frauen machen sexy Hip-Hop-Partys ohne Sexismus

Zwei Berlinerinnen wollen mit ihren Events jungen Künstlern eine Plattform bieten. Frei von Macho-Gehabe und Homophobie sollen alle tanzen und feiern dürfen, wie sie lustig sind. Wir haben uns mit Lucia und Gizem zum Interview getroffen.

Von Refinery29-Autorin Rea Mahrous

Hoe_Mies: Zwei Frauen machen sexy Hip-Hop-Partys ohne Sexismus

Hoe_Mies: Gizem Adiyaman (l.) und Lucia Luciano (r.): "Da steht man auf dem Schulhof, einer brüllt 'Wer hat Angst vorm schwarzen Mann' und alle Kinder rennen weg"

Als Frau, die Hip-Hop liebt und Inklusion leben will, befinde ich mich immer wieder im Clinch mit meinen Playlisten: Von frauenfeindlichen Songtexten über homophobe Äußerungen in Interviews bis hin zu realer Gewalt hinter verschlossenen Türen findet man im Hip-Hop so ziemlich alles. Wie man damit als Konsumentin umgeht und, vor allem, wie man als Frau selbst etwas in dieser männlich dominierten Szene verändern kann, zeigt das Berliner -Duo Hoe_Mies.

Gizem Adiyaman und Lucia Luciano haben sich vor knapp einem Jahr zusammengetan und das Projekt initiiert. Die beiden Studentinnen wollen mit Hoe_Mies mehr Bewusstsein für Inklusion in einer Branche schaffen, die sich immer noch stark auf heterosexuelle Männer konzentriert. Die Idee lässt sich etwa als konzeptionelle Partyreihe beschreiben: Ein inklusiver Code of Conduct, DJ-Line-ups, die nicht aus cis-Männern bestehen, und eine diversifizierte Musikauswahl soll Frauen, Non-binären, Queeren und Trans*personen einen Ort zum sorglosen Feiern bieten.

Wie haben eure Eltern auf Hoe_Mies reagiert?

Gizem: Die unterstützen das. Ich weiß nicht genau, ob sich ihnen der Name wirklich erschließt, aber prinzipiell verstehen sie auf jeden Fall, was wir damit schaffen wollen.

Lucia: Meiner Mama ist das mit dem Namen auch nicht so klar, aber sie supportet das auch. Bei meinem Vater bin ich mir da nicht so sicher. Der ist eher traditionell und versteht nicht, warum ich Partys machen will, anstatt in der Bank zu arbeiten.

Gizem: Nur der Sticker mit unserem Logo, der ist auffällig. Den habe ich auf meinem Laptop und arbeite manchmal bei meinen Eltern. Als meine Mutter den gesehen hat, fragte sie, ob das gewollt sei, dass unser Logo aussieht wie ein Genital, aber die Diskussion war dann zum auch schnell wieder vorbei.

Themen wie , Rassismus oder Identität werden immer noch häufig nur in intellektuellen Kreisen behandelt. Ist eure Party eine gute Möglichkeit, hier Brücken zu schlagen?

Lucia: Definitiv. Man muss ja überhaupt erst mal das Vokabular erlernen, um mitreden zu können. Es gibt immer wieder Situationen im Leben, in denen man sich unwohl fühlt. Aber wer nicht die Mittel hat, das Problem in Worte zu fassen, kann auch nicht nach Lösungen suchen. Ich habe zum Beispiel auch erst durch meine Bachelorarbeit realisiert, dass Rassismus sich in vielen, kleinen manifestiert und gar nicht immer explizit beleidigend sein muss. Das war mir vorher nicht bewusst, weil ich es nicht greifen konnte. Das Studium hat mir die Mittel gegeben, das zu artikulieren. Da muss auf jeden Fall mehr Aufklärungsarbeit her. Wenn ich daran denke, wie rassistisch die Schulzeit teilweise noch war...

... wir haben im Sportunterricht in der Grundschule auch noch "Wer hat Angst vorm schwarzen Mann" gespielt. Das ist heute in Berlin zum Glück nicht mehr vorstellbar. Auch wenn Kinder das vielleicht gar nicht eins zu eins übersetzen in die Realität …

Lucia: Doch, Kinder verstehen das. Mein Papa ist schwarz. Da steht man auf dem Schulhof, einer brüllt "Wer hat Angst vorm schwarzen Mann" und alle Kinder rennen weg – und ich denke, warum sollte jemand Angst vor meinem Papa haben? So zieht sich das ganz früh ins Unterbewusstsein. Und ich habe so oft in meiner Kindheit ein schlechtes Gefühl gehabt, konnte es aber nicht richtig zuordnen. Erst durch die Bachelorarbeit habe ich die Mittel gefunden, das verständlich zu machen. Daran sieht man aber auch, dass Themen wie Feminismus oder Rassismus vielen Leuten einfach fern sind. Und dann kann gerade so eine Party eine Anlaufstelle sein, um sich auf Augenhöhe auszutauschen: Leute gehen gerne feiern und können dabei vielleicht sogar noch was mitnehmen.

Wenn ihr an solche Momente in der Schulzeit zurückdenkt, ist es dann nicht auch wichtig an die Schulen zu gehen?

Lucia: Ja, wir wollen Workshops veranstalten und definitiv auch mit jüngeren Leuten zusammenarbeiten. Wenn Teenager und Mittdreißiger zusammenkommen, kann dabei unglaublich viel rumkommen. Und Workshops sind ein guter Weg um sich ein Netzwerk aufzubauen. Wir setzen uns auch vor jeder Party mit allen Künstlerinnen und DJs zusammen, damit auch die sich untereinander austauschen.

Gizem: Politische Bildungsarbeit liegt mir sehr am Herzen. Es klingt kitschig, aber ich bin der festen Überzeugung: Wenn wir irgendwas bewegen wollen, dann ist die Jugend der richtige Weg. Und da wir erwachsen sind und die Sozialisierungsprozesse in der Schule schon hinter uns liegen, wissen wir, was künftig besser laufen muss. Deshalb liegt es jetzt mit in unserer Verantwortung dazu beizutragen, dass sich etwas verändert. Aber genau das können wir mit Hoe_Mies erreichen: Wir führen Menschen spielerisch an Inhalte heran, mit denen sie sonst nicht in Berührung gekommen wären, weil sie eben nicht in irgendeinem akademischen Elfenbeinturm sitzen.

Lucia: Ich hatte befürchtet, dass die meisten unser Partykonzept für zu politisch halten, aber das Feedback bisher war super und die Fanbase wird immer größer.

Ihr geht aktuell beide noch zur Uni. Gibt es Zusammenhänge zwischen eurem jeweiligen Studium und Hoe_Mies?

Lucia: Ich musste während der Recherche für meine Bachelorarbeit zu deutscher Literatur erschreckenderweise feststellen, dass afro-deutsche Literatur in der Bibliothek nicht unter deutscher Literatur zu finden ist, sondern irgendwo in den Afrika-Studien. PoC (People of Color) gelten in unserer Gesellschaft immer noch nicht als deutsch, und das sogar an der Uni. Ich habe dann extra Bücher über die Humboldt-Universität bestellt, die am Institut für deutsche Literatur gelandet sind, da war ich ein bisschen stolz. Und das ist auch das Hoe_Mies-Prinzip: PoC können sich einbringen, künstlerisch betätigen, einen Raum schaffen, in dem sie auch als deutsch gelten und nicht immer diesen interkulturellen Stempel aufgedrückt bekommen.

Gizem: Ich habe sehr lange aktivistische Arbeit geleistet, in NGOs gearbeitet, Kampagnen betreut. Aber irgendwann hatte ich diesen klassisch aktivistischen Teil satt und wollte in die Musik. Als ich das meinen Eltern erzählt habe, waren sie anfangs enttäuscht und meinten, ich hätte umsonst studiert. Dabei stimmt das nicht. Alle Impulse, die ich jetzt verspüre, habe ich im Studium erlernt. Es ist ein Riesenvorteil für mich! Auch wenn wir in Interviews über die inhaltliche Natur von Hoe_Mies sprechen, warum dieses Projekt überhaupt notwendig ist, kann ich das aufgrund meines Studiums ganz gut einbetten und argumentieren. Ich weiß ganz genau, warum ich so denke, wie ich denke, und das kommt nun mal durch das Studium und den Aktivismus. Anfang 2016 habe ich eine Zeit lang in Mexiko Gender studiert und realisiert: Das, was wir in Deutschland bisher nur im akademischen Bereich behandeln und "Intersektionalität" nennen, ist dort schon längst selbstverständlich. "Class und Race" werden in Bezug auf Gender immer mitgedacht. Gerade weil Frauen, die zum Beispiel von sexualisierter Gewalt betroffen sind, meist Frauen "of Color" sind. Nur dass es in einer Gesellschaft, in der fast alle Frauen PoC sind, nicht so wichtig ist, das ständig hervorzuheben. Sich in Deutschland hingegen mit Themen wie Sexismus oder Rassismus zu beschäftigen, ist immer noch nur eine Option, die aber nicht für jeden erforderlich ist. Das ist dort anders und davon können wir uns hier eine Scheibe abschneiden. Eine Studienkollegin dort hat ihre Doktorarbeit über feministischen Rap geschrieben und das hat mich dazu inspiriert, diesen Gedanken auf die deutsche Hip-Hop-Szene zu übertragen. Ich wollte die Pionierinnen des deutschen Hip-Hops betrachten, ihre Perspektiven und ihre Rollen in der Szene beleuchten. Darüber schreibe ich jetzt meine Masterarbeit.

Wer sind für dich die Pionierinnen der deutschen Hip-Hop-Szene?

Gizem: Für mich sind Pionierinnen nicht unbedingt die, die am längsten dabei sind, sondern diejenigen, die helfen, diese männlich dominierte Szene zu öffnen. Für meine Masterarbeit habe ich fünf solcher Frauen interviewt: die Radiomoderatorin und Musikjournalistin Salwa Houmsi, Melbeatz, die auch wirklich seit der ersten Stunde am Start ist, Sookee, mit der ich schon vorher viel aktivistisch zusammengearbeitet habe, Azadê, eine Breakdancerin, und PamBam, die Teil der Hoe_Mies-Familie ist.

Unterscheidet sich die Stimmung auf euren Partys von konventionellen Hip-Hop-Partys?

Lucia: Ja, ich habe aufgehört auf andere Partys zu gehen. Ich hab mich irgendwann einfach nicht mehr wohlgefühlt. Man wird kommentiert, beurteilt, begafft und begrapscht, da vergeht einem die Lust am Feiern. Vor allem von Männern fühlt man sich belästigt, weil sie so oft kein Nein verstehen. Sie sind hartnäckig und werden oft übergriffig und beleidigend.

Gizem: Die meisten Hip-Hop-Partys sind Safe-Spaces für heterosexuelle Männer, die sich durch die meist männlichen DJ-Line-ups und die männlich geprägte Musik in ihren Egos bestärkt fühlen. Die Energie, die da mitschwingt, wirkt sich dann oft so aus, dass Männer sich dazu befähigt fühlen, einfach zu grapschen. Ich spiele auch nicht nur Songs mit sauberen Lyrics, aber es ist einfach ein anderer Kontext, wenn wir das nur unter uns spielen. Da sind solche Songs fast schon ironisch.

Wie geht ihr damit um, wenn ein guter Künstler in den Songtexten zum Beispiel frauenfeindlich oder homophob wird? Trennt ihr bei eurem Geschmack zwischen Beruflichem und Privatem?

Gizem: Das kommt auf die einzelnen Künstler an. R. Kelly spiele ich nicht, Chris Brown auch nicht. Wenn Leute danach fragen, sage ich, "hab ich nicht." Aber du weißt ja auch nicht immer, welche Leichen jemand im Keller hat. Bei Azealia Banks war's zum Beispiel auch eine lange Diskussion bei uns, ob wir sie jetzt spielen oder nicht …

Lucia: Ich spiele sie dann trotzdem manchmal, weil es immer wieder Momente gibt, in denen ich denke, Track XY würde jetzt einfach so perfekt passen.

Gizem: Ich ziehe die Grenze bei sexualisierter Gewalt. Ich habe auch Kodak Black und XXXTentacion gehört. Aber wenn man dann mitbekommt, dass Kodak Black eine Anzeige wegen Vergewaltigung am Hals hat und in U-Haft sitzt, hört es auf. XXXTentacion hat seine schwangere Ex-Freundin fast zu Tode geprügelt. Da denke ich mir: "Nee, raus damit". Solchen Künstlern darf man keine Plattform geben.

Wie kann ich als Künstler Kontakt zu euch aufnehmen, wenn ich zum Beispiel auf der nächsten Party auflegen will?

Lucia: Man kann uns einfach auf Facebook oder Instagram anschreiben.

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