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Nierenversagen: Wie Björk und ihre Musik Marteria gegen die Angst vor dem Tod halfen

Marteria ist ein großer Fan von Björk. Die Songs der isländischen Sängerin halfen dem Rapper durch die ein oder andere schwierige Phase seines Lebens. Wie vor zwei Jahren, als er mit Nierenversagen im Krankenhaus lag und dachte, er würde sterben.

Marteria wurde als Marten Laciny in Rostock geboren und wäre fast Profifußballer geworden

Marteria wurde als Marten Laciny in Rostock geboren und wäre fast Profifußballer geworden. Bevor er mit Songs wie "Kids (2 Finger an den Kopf)" als Rapper durchstartete, war er arbeitslos und arbeitete als Model. Nun erschien sein neues Album "Roswell".

Meine Nieren waren also im Arsch. Mein Körper war vergiftet, ich hatte zugenommen und konnte nicht mehr richtig sehen. Nierenversagen. Der Arzt wusste nicht genau, ob ich überleben würde. Ich dachte: Ist mein Leben gleich vorbei, weil ich zu viele Partys gefeiert, weil ich den einen Joint zu viel geraucht, das eine Glas zu viel getrunken habe? Mit solchen Gedanken lag ich im Krankenhausbett. Und dazu sang , diese kleine Frau aus Island.

Meine Liebe zu Björk und ihrer fing nicht vor zwei Jahren im Krankenhaus an, aber vielleicht war sie dort bisher am wertvollsten für mich. Damals, als ich stundenlang an einem Dialysegerät hing und einen Schlauch im Hals hatte, spürte ich, dass sie mir vor allem in krassen Momenten wichtig ist. Natürlich leiteten in erster Linie die Ärzte und die Geräte das Gift aus meinem Körper. Doch auch Björk war mein Antigift. Dank ihrer Musik ahnte ich, dass die Angst vor dem Tod gar nicht so krass ist. Ich beobachtete zwar, dass alle um mich heulten, aber Björks Songs waren in dieser außergewöhnlichen Situation einfach ein Stück Normalität.

Rostock-Lichtenhagen: Nazis versus HipHopper

Begonnen mit Björk und mir hat es bereits in den 90ern, in . Dort bin ich aufgewachsen, in einem dieser Neubaublocks. Da gab es Straßen, in die du nicht gehen durftest, sonst hast du von den Nazis auf die Fresse bekommen. Und die durften sich wiederum nicht in unseren Straßen blicken lassen. Glatzen versus HipHopper. Die Ausschreitungen gegen die Flüchtlingsunterkunft fielen auch in diese Zeit. Wir wohnten genau neben der Unterkunft. Als es passierte, saßen wir heulend im Wohnzimmer. Ich komme ja aus einer hart linken Familie, Friedensbewegung und so, total rot. Doch plötzlich lebten wir in einer Nazisteppe. Wir verließen deswegen Rostock und zogen nach Warnemünde, zum damaligen Freund meiner Mutter. Dort, in einem Haus am Meer, war alles schön und aufgeräumt. Aber mich zog es immer wieder zurück zu den Kids, die auf der Straße Fußball spielten, den Kids in Rostock. Eigentlich müsste mein Soundtrack zu dieser Zeit und diesen Bildern also von Run-DMC, dem Wu-Tang Clan oder Method Man stammen. Er ist aber von Björk.

1993 kam ihre erste international bekannte Platte raus, "Debut". Ich erinnere mich noch, wie ich als Elfjähriger zusammen mit meinem Bruder MTV schaute. Es war nach 23 Uhr, die langen, unzensierten Videos liefen, und da kam Björks "Human Behaviour" . In dem Video von Michel Gondry läuft ein Bär durch den Wald und eine Motte fliegt auf einen Teller. Ich war geflasht. "Human Behaviour" ist ein unfassbarer Song. Wie der drückt! Mit diesen Drums! Der Song wird wahrscheinlich noch in 500 Jahren als speziell empfunden. Er zeigt, dass Björk in einer anderen Galaxie zu Hause ist.

Auch ich möchte weder mich noch meine Hörer langweilen. Ich wiederhole keinen Song. Ich habe genau ein Lied über meine Heimatstadt gemacht: That’s it. Ich habe mal ein Lied über meine Kindheit gemacht: That’s it. Und deswegen gibt es neben auch noch mein weniger zugängliches Projekt Marsimoto, bei dem ich Außenseiter-Geschichten erzähle. Für mich ist das auch deswegen Alienmusik, weil meine Stimme einen Helium-Anstrich hat.

Mag der Produzent Björk nicht, gibt es keine Zusammenarbeit

Wenn ich mit einem neuen Produzenten zusammenarbeite, frage ich gleich zu Anfang: "Was hörst du für Musik?" Und: "Gefällt dir Björk?" Wenn er Björk nicht leiden kann, arbeite ich nicht mit ihm, wir würden eh keinen gemeinsamen Vibe finden. Hört man sich durch meine Lieder, findet man immer wieder Beats, die an Björk erinnern. Ihr Beat ist immer in mir.

Vor ein paar Jahren habe ich sogar ihrer Musik nachgespürt, mich mit dem Fotografen Paul Ripke nach aufgemacht. Wir sind damals um die Insel gefahren und haben Björk gehört. Spätestens als wir an den Geysiren vorbeifuhren, machte ihre Musik noch mehr Sinn für mich. "Jóga", einer ihrer wichtigsten Songs, ist für mich musikgewordene Natur. Die Streicher sind die Winde, die Drums die Vulkane.

Ich mag, dass man Björks Musik anhört, woher sie kommt. Ich beschäftige mich selbst in manchen Songs mit Mecklenburg-Vorpommern. Für viele ist das ja eine No-go-Zone, am Arsch, in der Einöde. Aber man hat das Meer. Wegen des Meeres habe ich mich nach 13 Jahren dazu entschlossen, Berlin zu verlassen, um wieder an die Ostsee zu ziehen. Till Lindemann, der Rammstein-Sänger, ist auch Mecklenburger. Ich glaube, wenn Leute aus so entlegenen Orten kommen, sind die häufig krass und haben einen eigenständigen Sound. Irgendwie Außenseiter. Björk hat zwar viel in London aufgenommen, aber ihr eigentlicher Ort ist ja Island, eine Insel. Besuche ich sie in ihrer Welt, fühle ich mich auch als Außenseiter; manchmal brauche ich genau das.

Protokoll: Marco Maurer

Dieser Text ist in der Ausgabe 7/17 von NEON und auch digital für das Tablet auf iOS und Android erschienen. Hier können Einzelhefte des Magazins nachbestellt werden.

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