HOME

Glück im Alltag: Mein ziemlich schönes Leben - warum ich keine Lust mehr auf Neid habe

Das Gras ist auf der anderen Seite irgendwie immer grüner. Oder? Unsere Autorin hat beschlossen, nicht mehr auf andere zu schauen - und dass ihr eigenes Leben mit seinen Alltäglichkeiten ziemlich toll ist. 

Von Andrea Zschocher

Schönes Leben

"Glauben wir daran, dass unser ganz normaler Alltag, dass die allermeisten Momente in unserem Leben wahrhaftig schön sind?"

*Pling* und zack ist es da, das Foto von Jana aus . #Superhappy steht da und ich spüre sofort wie ich zwar superhappy für meine Freundin bin, aber auch leicht angefressen. Immerhin sitze ich ja hier, mit warmen Socken, eingemummelt in eine Strickjacke mit einem Pott heißen Tee in der Hand. Novemberblues statt Strandfeeling.

*Pling* und mich erreicht die Nachricht von Feli. Sie hat ihrem Chef von der Schwangerschaft erzählt und daraufhin eine Beförderung bekommen. Man möchte sie, so schreibt sie, wohl unbedingt in der Firma halten. #Superproud Ich bin auch stolz auf Feli und freue mich mit ihr nicht nur auf ihr , sondern auch darauf, dass sie nach der Elternzeit ihre neue Position antreten wird. Es läuft im wahrsten Sinne des Wortes rund bei ihr. Bei mir läuft es auch, irgendwie. Nicht so, dass ich mich beschweren müsste, aber auf die Idee mich zu befördern, kam auch lange niemand mehr.

Perfekter wäre es am Strand von Bali auch nicht

*Pling* und mir werden die Fotos von Nicks letzter Party in die Timeline gespült. Da ging es offensichtlich ordentlich zur Sache, erst wurde zuhause vorgeglüht und dann von Club zu Club getanzt. #Supercool Und ich war nicht mal eingeladen. Ich klappe meinen Laptop zu und verabrede mich mit einer Freundin zum Spazierengehen im Park. Sie ist noch nicht da, als ich ankomme, und so habe ich diesen Moment ganz für mich allein. Als ich gerade mein zücken will, um zu gucken, was meine Freunde so treiben, sehe ich da diese Wahnsinns-Nachmittagssonne. Alles leuchtet golden und ich will hier nichts verkitschen, aber es ist ein perfekter Moment. Perfekter wäre es auch am Strand von Bali nicht.

"Alles was wir haben, ist der Augenblick", sagte neulich eine Freundin zu mir. Die Zukunft ist ungewiss und die Vergangenheit können wir nicht ändern. Hatte sie in einem Buch über Achtsamkeit gelesen, oder Buddhismus, ich weiß es nicht mehr so genau. Auch, weil ich im ersten Moment dachte: Ja, ja, Abziehbildersprüche. Wir alle liken das, wenn solche Weisheiten nett auf Instagrambildchen gepappt werden. Kaufen die Postkarten, um sie unseren Freunden zu schicken, mit denen wir diese Art Seelenverwandtschaft fühlen.

Aber fühlen wir die Wahrhaftigkeit dahinter wirklich? Glauben wir daran, dass unser ganz normaler Alltag, dass die allermeisten Momente in unserem Leben wahrhaftig schön sind? Mich jedenfalls hat diese Wahrheit, die meine Freundin beim nächtlichen Bummel durch die Stadt da präsentierte, erreicht. Vermutlich auch, weil ich im Park mit der Sonne im Gesicht diese Erkenntnis irgendwie auch schon hatte.

Klar, es gibt das große Ganze, für das ich dankbar sein kann. Ich bin gesund, ich arbeite in meinem Traumjob, ich habe eine Familie, die mich liebt und Freunde, mit denen ich mein Leben teile. Ich lebe in Deutschland, ich leide keinen Hunger, habe ein Dach über dem Kopf und kann, weil ich es mir leisten kann, ab und zu gut essen gehen. Es geht mir so viel besser als vielen, vielen anderen. Nur, deswegen renne ich nicht erfüllt von Dankbarkeit durch meinen Alltag. Ich nehme vieles als gegeben hin und finde das in Ordnung.

Aber ganz ehrlich, bin ich allein mit meinem Gefühl, dass das auf der anderen Seite manchmal grüner ist? Vermutlich nicht. Und weil ich keine Lust habe, mein Leben damit zu verbringen, zu schauen, was bei meinen Freunden gerade toll ist, lasse ich das einfach sein. Das sagt sich so einfach, aber wir Menschen sind ja wie wir sind. Nur weil wir uns etwas vornehmen, klappt das noch lange nicht. Aber da, in der Nachmittagssonne im Park, da hat es bei mir Klick gemacht. Seitdem schaue ich tatsächlich zufriedener auf mein eigenes Leben, das ziemlich toll ist. Beispiele gefällig? Na aber gern!

Das Lächeln, mit dem der Typ neulich in der Bahn meine bunten Sneaker bewunderte, das ist noch in meinem Kopf. "Wow, deine Schuhe retten diesen trüben Tag für mich", sagte der und ich freue mich auch Tage später über dieses Kompliment. Auch, weil es nichts mit Flirten oder Anmachen zu tun hat, sondern einfach ein netter Austausch zwischen Fremden war. #Supersweet

Ihr Leben ist nicht besser, sondern anders

Die superleckere Pizza mit Rucola, Tomaten und Parmesan letztens, die war unfassbar lecker. Und noch Tage später ist die Pizza nicht nur irgendwie auf meinen Hüften sondern auch in meinem Kopf. #Nomnomnom

Die Mail, mit der sich eine Leserin für die Lacher bedankte, die ich ihr mit einem meiner Texte beschert hatte, die freut mich nach wie vor. #Supernice Genauso wie ein abendlicher Ausflug ganz allein zum Buchladen. Mit Musik auf den Ohren spazierte ich durch den riesigen Laden und entdeckte neue Literatur. Ohne, dass ich angequatscht wurde, eine Seltenheit im hektischen Alltag, in dem doch jeder ständig irgendwas mitteilen will. #Me-Time

Seit ich vor ein paar Wochen beschlossen habe, mein Leben so wie es ist schön zu finden und für die kleinen Momente dankbar zu sein, kann ich mich übrigens ohne jeden negativen Gedanken für und mit meinen Freundinnen und Freunden freuen. Ihr Leben ist nämlich nicht besser als meins, oder schöner, es ist einfach anders. Aber das, was ich habe, das ist für mich perfekt genug.

Themen in diesem Artikel