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Nervige Sport-Posts auf Instagram: Warum mir euer Fitness-Wahn gestohlen bleiben kann

Von #morningruns über #eveningworkouts zu #legdays. Auf Instagram damit anzugeben, wie sportlich man ist, liegt voll im Trend. Nur irgendwie ist dieser Trend an unserer Autorin vorbeigegangen.

Von Maren Aline Merken

Unsere Autorin Maren Aline Merken kann mit Sport nicht viel anfangen

Unsere Autorin Maren Aline Merken kann mit Sport nicht viel anfangen

Spätestens seit Plattformen wie Instagram, Facebook und Co. unsere Leben quasi pausenlos begleiten und wir damit transparent und sichtbar für jeden unseren Alltag hinter uns bringen, leben wir in einer wunderschönen Welt: Einer, in der Frauen perfekt aussehen, schon nach dem Aufstehen, denn #iwokeuplikethis. In der jedes Mittagessen aussieht, wie frisch vom Foodstylisten drapiert, denn nur das sind wahre #foodgoals. In der unsere Partner hot, sehr hot sind, denn #myboyfriendishotterthanyours, unsere Freunde die Coolsten sind, denn #aintnobodyfuckinwithmyclique und nee, nee, #youcantsitwithus. Wir sind nämlich exklusiv und toll und unser Leben ein buntes Potpourri aus krassen Partys (denn #alittlepartyneverkillednobody), atemberaubenden Urlauben (denn hey, wir sind #girlswhotravel) und natürlich auch super beruflichen Aufgaben in #jobswelove.

Seit einiger Zeit gehört zu diesem fabulösen Leben, das uns auf allerlei sozialen Netzwerken, allem voran Instagram, vorgelebt und unter die Nase gerieben wird auch . Zum Beispiel #morningroutines und #morningruns oder #eveningworkouts und #legdays, denn irgendwie sind plötzlich alle #girlswholift. Außer ich. Versteht mich nicht falsch: Ich liebe Instagram. Ich kann wunderbar einschlafen beim Scrollen durch die Vorschläge, die Stories meiner Lieben halten mich auf dem Laufenden, wenn ich im Realleben mal keine Zeit habe, Kontakt zu halten, und ich gebe – auch weil das irgendwie zu meinem Job gehört – gern ein gewisses Maß an Einblick in mein Leben. Aber dazu gehört eben einfach kein Sport. Mein Sportlichkeitslevel ist seit jeher unterirdisch: Ich wohne im Erdgeschoss und besitze einen Sodastreamer, damit ich kein Wasser schleppen muss. Da würde meine Kondition mich auch immens im Stich lassen – denn die ist nicht nur unterirdisch, sondern quasi noch eine Etage tiefer. Und wenn ich mich beim Fernsehen bemühe, aufrecht zu sitzen, bekomme ich nach 20 Minuten Seitenstiche.

Ja, ihr lacht jetzt vielleicht. Oder schmunzelt ein bisschen, weil das übertrieben klingt. Aber das ist die bittere Wahrheit. Die ich heute jedem gern ins Gesicht schleudere, der mir kommt mit #fitgirlsrule. Ganz ehrlich: Ich habe es probiert – vor allem als jüngere Frau. Ich habe zum Beispiel getanzt, und damit meine ich nicht beim Fertigmachen vor dem Spiegel, sondern im Studio, regelmäßig. Dieses Drumherum mit der Musik und so, das hat mir gefallen. Auch das ich ’ne Attitude wie Beyoncé an den Tag legen konnte, obwohl ich pleite war, noch mit meinem Studium rumgegurkt bin, keinen Grund zur Attitude und ganz nebenbei maximal ein bisschen zu dicke Oberschenkel mit Queen Bee gemein hatte. Dennoch sah ich nach 60 Minuten Unterricht bzw. Training aus, als würde mein Kopf gleich platzen. Da wurde aus weißer Beyoncé ganz schnell ein Truthahn bei der Balz.

Musikhören kann ich auch ohne joggen

Ich habe das auch mal mit dem Laufen probiert. Bis heute habe ich nicht verstanden, wie das jemandem Spaß machen kann. Was daran ist toll, mit schmerzenden Oberschenkeln irgendwo im Kreis zu laufen und dabei auszusehen, als würde man das diesjährige Weihnachten nicht mehr erleben? Auch da gefiel mir der Musikaspekt ganz gut, denn angeblich läuft es sich ja mit einem "motivierenden" Song auf den Ohren viel besser: Tut es auch. Ich habe nämlich gemerkt, dass man die Musik auch hören kann, wenn man gemütlichen Schrittes zu Fuß geht. Ohne Schnappatmung und Schweißbäche gefällt mir das Ganze gleich viel besser.

Der einzige Sport, der mir neben dem Tanzen (wenn das nicht dieses Pfeifen in meinen Lungen zur Folge gehabt hätte) noch einigermaßen Spaß gemacht hat, war Reiten. Dazu bin ich auch eher unfreiwillig gekommen: Ich hatte mir das mal mit acht oder so zum Geburtstag gewünscht – und es dann mit 12 bekommen. Jetzt sagen die #girlswholift vermutlich das sei kein Sport. Dann aber sind sie noch nie richtig geritten und haben danach den Muskelkater in Beinen und Hintern gespürt. Der andererseits kein Maßstab ist, denn als ich letztes mit meinem Doc Martens (sehr schwere Schuhe!!!) zur U-Bahn rennen musste, hatte ich am nächsten Tag auch Muskelkater. Aber auch Reiten hat mich nur kurzzeitig erfüllt und ist heute nur ein Meilenstein in meiner außergewöhnlichen Anti-Sportler-Karriere.

Im Juni dieses Jahres hatte ich noch mal so einen kurzen Spleen: Wie viele andere hatte ich schon seit der Jahreswende immer mal wieder geäußert, ich müsse "wieder mehr Sport machen", was bei mir einmal mehr als bei jedem anderen eine Floskel ist, was schon das Wörtchen "wieder" verrät. Denn das "schon mal" dazu existiert schlichtweg nicht und ehrlicherweise plane ich auch nicht, "wieder mehr Sport zu machen". Das ist eine Floskel, wie wenn man sagt: Ich muss "unbedingt weniger Alkohol trinken" (ja, genau), mich "dringend mal wieder bei xy" melden (ähm, auf gar keinen Fall) oder "die Steuer dieses Jahr schon im Sommer fertig machen" (never gonna happen). Im Juni aber dann erreichte mich das Gerücht, dass mein altes Fitnessstudio, in dem ich mal ganz ohne Grund und daher auch ohne Erfolg angemeldet war, ab 1. Juli neue, höhere Preise haben würde. Mist, dachte ich mir, dann melde ich mich schnell noch an. Gesagt, getan. Jetzt zahle ich 15 Euro anstatt 20 Euro im Monat für Nicht-zum-Sport-gehen. Das ist in etwa so wie im Sale bei H&M 200 Euro auszugeben und sich über die Ersparnis von 90 Euro zu freuen, obwohl man ohne Sale einfach gar nicht gekauft hätte.

Warum ich gar nicht zur #fitfam gehören will

Der ein oder andere denkt jetzt vielleicht, ich bin nur neidisch auf die Menschen, die disziplinierter sind als ich, die zur #fitfam gehören und bei denen es jeden Tag heißt #trainhard. Aber das stimmt nicht. Ehrlich gesagt, sind mir Menschen, die immens viel Sport machen, suspekt. Ich kann es verstehen, wenn jemand bouldern geht (hat mir auch mal jemand empfohlen. Wisst ihr wie es aussieht, wenn ein Marienkäfer auf dem Rücken liegt? Das bin ich beim Boulderversuch. Hätte vielleicht nicht gleich diese steile Ecke nehmen sollen), Basketball oder Fußball spielt oder vielleicht gern schwimmen geht. Also verstehen ist ein weitgefächerter Begriff, aber ich kann ansatzweise nachvollziehen, dass es da etwas gibt, was ein bisschen Spaß macht, weil es nicht nur um Auspowern und Muskelaufbau geht. Aber an alle #fitnessjunks und #crossfitter: WHAT THE HELL?

Was mich am meisten stört an diesem nervigen Fitnesstrend, ist der Fakt, dass uns Frauen vorgemacht wird, wir müssten so sein. Wir müssten regelmäßig Stories aus dem Fitnessstudio posten oder Bilder in engen Sportklamotten von dem Spiegel machen – motiviert, aktiv, sexy soll man sein, damit man zum Gros des aktuellen Trends gehört. Mit Anfang 30 weiß ich heute: Ja, Sport ist gesund, aber sich dazu zu zwingen, bringt nichts. Ich kann auch gut Selfies machen, sogar solche vor dem Spiegel. Aber halt ohne knallenge Laufhose und bauchfreies Sportshirt. Und in Klamotten sieht mein Körper auch ziemlich dufte und schlank aus, die Unsportlichkeit sieht man maximal daran, dass er nicht so knackig ist. Und merkt sie an dem Ton, den meine Lungen ausstoßen, wenn ich zur Bahn renne. Oder an der sich rasch verändernden Farbe meines Gesichts in so Situationen. Und wisst ihr was? Ich bin super okay so, wie ich bin. Weil ich gar nicht zur #fitfam gehören will. Wieso auch? Wer will zu einer Familie gehören, die nie richtig Spaß hat, nicht fettig essen und sich abends auch kein Glas Weißwein genehmigen kann, weil sie im Gym wohnt und mit dem perfekten Ausrichten einzelner Muskelfasern beschäftigt ist? ICH NICHT.

Und wenn ich es doch brauche, diesen Duft von frischem Schweiß, das anerkennende Zunicken muskelbepackter Typen in Tanktops oder ein blödes Selfie von mir im Fitnessstudio, dann geh ich halt so wie letztens in das Studio, in dem ich für nichts und wieder nichts 15 Euro monatlich zahle. Dann werfe ich mir lässig mein Handtuch über, gehe an den Getränkespender, wo es leckere Iso-Drinks for free gibt und zapfe mir einen ab. Und dann? Dann geh ich einfach wieder nach Hause. Zum Glück ist der Weg nicht so weit (kann ich öfter hingehen und muss mich nicht so doll aufraffen war meine Argumentation für das Studio).

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