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Tanzen: Hips don't lie - wie du die perfekte Figur im Club abgibst

Bislang dachte unsere Autorin, dass sie beim Feiern nicht angesprochen wird, weil sie es nicht darauf anlegt. Bis sie von einer neuen Studie las und sich fragte: Kann ich vielleicht nur einfach nicht tanzen? Ein Besuch bei Tanz-Wissenschaftlern.

Von Katharina Meyer zu Eppendorf

Gut zu tanzen ist gar nicht so schwer - wenn man englischen Wissenschaftlern glauben mag

Gut zu tanzen ist gar nicht so schwer - wenn man englischen Wissenschaftlern glauben mag

Die setzt ein, 125 Beats pro Minute, eine modifizierte Version von Robbie Williams' "Let Me Entertain You". Der Bass schlägt stumpf gegen meine Magenschleimhaut, ich schließe meine Augen, um die 13 Kameras zu vergessen, die auf mich gerichtet sind. Und die Hometrainer, die Gummibälle um mich herum, diesen komischen kalten Schweißgeruch, als würde ich mich in einer Schulsporthalle befinden. Ich atme durch den Mund, stelle mir Nebelschwaden vor, zuckendes Scheinwerferlicht, Menschen, die sich an mir vorbeischieben. Dann beginne ich zu tanzen.

Nick Neave, Professor für Psychologie, führte mit Kris McCarty die Studie zu den tanzenden Frauen durch.

Nick Neave, Professor für Psychologie, führte mit Kris McCarty die Studie zu den tanzenden Frauen durch. 2010 leitete er eine Tanz-Studie mit Männern.

Drei Minuten später ist das Lied zu Ende, ich verlangsame meine Schritte wieder und öffne die Augen. Ich bin im Labor von Nick Neave und Kris McCarty an der Northumbria-Universität in Newcastle, und dort ist es taghell. Die beiden Psychologen schauen konzentriert auf einen Bildschirm, sie nicken. Ich lächle verlegen, als hätte ich gerade an einem Casting teilgenommen. Und ein bisschen stimmt das ja auch. Neave und McCarty sind eine weltweit anerkannte Jury, die Frauen wissenschaftlich fundiert attestieren kann, ob sie sich gut bewegen, denn zusammen mit fünf anderen Forschern haben die beiden kürzlich herausgefunden, was attraktive Tänzerinnen ausmacht. Und genau deswegen bin ich hier: um meinen Tanzstil einschätzen zu lassen.

Machte ich vielleicht sogar alles falsch?

Bisher habe ich es mit dem Tanzen so gehalten: Ich mache es einfach. Nachts, im Club, auf Festivals. Ich bewege mich, von links nach rechts, bestenfalls im Takt, am liebsten mit einem Getränk in der Hand, das macht alles noch leichter. Wenn ich dabei angesprochen werde, dann höre ich Sätze wie: "Tolle Leopardenjacke!", "Fancy Schuhe!" oder "Oh, krieg ich auch ein bisschen Glitzer?"

Vor ein paar Monaten kam dann ein Typ auf einer WG-Party zu einer meiner Freundinnen. Er musterte kurz ihre Bewegungen und fragte sie dann weder nach Glitzer, noch lobte er ihr Schuhwerk. Er sagte, dass sie sich wirklich gut bewegen könne. In diesem Moment fiel mir zum ersten Mal auf, dass ich das so noch nie zu hören bekommen habe und kam, im wahrsten Sinne, aus dem Takt. Plötzlich war ich mir nicht mehr sicher, ob ich wirklich so gut und also attraktiv tanzen kann, wie ich es immer angenommen hatte. Machte ich irgendetwas oder vielleicht sogar alles falsch?

Aus der Kulturwissenschaft weiß man, dass Tanzen zu jeder Zeit und überall auf der Welt eine wichtige Rolle spielte. Nicht nur bei der Partnersuche. Im Sufismus, einer Strömung des Islams, tanzen die Derwische, um in religiöse Ekstase zu verfallen. Beim Breakdance werden nonverbal und ohne Körperkontakt ausgefochten. Der Rock'n'Roll der 50er-Jahre begehrte körperlich gegen eine prüde Sexualmoral auf. Und während der Französischen Revolution war es einer der ersten Befreiungsakte der Unterschicht, den Walzer auf die Straßen zu bringen.

Mein Tanzstil? "Keine Ahnung" und "Ganz nett"

Aber auch wenn vom Tanz nicht gleich eine Revolution oder ein Bandenkrieg abhängt, ist er, das lernte ich früh, trotzdem häufig eins: die Ausdrucksmöglichkeit für etwas anderes. Als ich mich als Teenager im Standard-Tanzkurs anmeldete, tat ich das in Wahrheit nur wegen der Aussicht auf den Abschlussball, auf dem meine Freundinnen und ich in schönen Kleidern endlich einmal so wie die coolen sein konnten, die in Tanzfilmen wie "Honey" auf dem Parkett ihr Glück fanden. Funktionierte bei uns natürlich nicht. Anstatt in die Disco gingen die meisten meiner Freunde die nächsten Jahre deshalb erst mal nur auf Apfelweinfeste oder Konzerte. Erst später trauten wir uns in die Clubs.

Mit dem Tanzen war es dann wie mit dem Knutschen. Zuerst waren alle unsicher, bis sie ein paar Erfahrungen gesammelt hatten und allmählich Routine entwickelten. Aber ob man wirklich gut tanzen konnte? Studien sagen: Im Alter zwischen 13 und 16 Jahren ist das Selbstvertrauen bezüglich des eigenen Tanzstils bei Frauen und Männern am geringsten. Erst danach beginnt es, langsam zu wachsen. Ich bin 26. Laut der Wissenschaft müsste mein tänzerisches Selbstbewusstsein also bald seinen Zenit erreichen. Eigentlich. Denn seit jenem Abend, an dem meine Freundin bewundert wurde, sackte es zurück aufs Level einer 13-Jährigen. Kurz vor meiner Reise nach hatte ich noch meine Freunde gefragt, wie sie meine Tanzkünste bewerten würden. Von den meisten bekam ich nur ein überfordertes "Äh, keine Ahnung" zu hören. Den Tanzstil eines anderen zu bewerten ist eben auch eine intime Sache. "Ganz nett", sagte ein Bekannter zu mir, als ich eine Woche vor meinem Abflug in einem Hamburger Club vor ihm tanzte. Ganz nett!

Beim Tanzen komplett überwacht werden? Im Club spooky, für die Wissenschaft notwendig

Beim Tanzen komplett überwacht werden? Im Club spooky, für die Wissenschaft notwendig. Für die britische Studie waren 13 Kameras im Einsatz.

Ich bekomme meinen eigenen Avatar

Für das Experiment des 30-jährigen Studienleiters Kris McCarty tanzten 39 Probandinnen im mit Vorhängen verdunkelten Labor. So sollte sichergestellt werden, dass die Frauen im durchschnittlichen Alter von 21,5 Jahren sich nicht bei ihren Tanzdarbietungen beobachtet fühlten. "Wir wollten, dass die Umgebung so natürlich wie möglich ist", erklärt McCarty.

Mit der Natürlichkeit habe ich noch so meine Schwierigkeiten. Bevor ich ein weiteres Mal tanze, werden mir 39 silberne Metallkugeln auf meine schwarze Sportkleidung geklebt. Auf den Kopf bekomme ich ein Stirnband gesetzt, das ebenfalls mit Kugeln übersät ist. Ihre Reflexionen werden von den Kameras erkannt, deren Signale dann in Echtzeit auf einen 30-Zoll-Bildschirm übertragen werden, auf dem ein Skelett aus roten, grünen und blauen Punkten vor sich hin tanzt.

Ich werde komplett digitalisiert und bekomme meinen eigenen Avatar, der aussieht wie eine Mischung aus einer Künstlerpuppe und einem Sim mit sehr großen Brüsten. Es ist dieselbe "Motion Capture"-Technik, welche die "Herr der Ringe"-Macher angewendet haben, als sie Gollum erschufen. Neben Filmemachern nutzen vor allem Sportwissenschaftler und Psychologen die Technik, um sicherzustellen, dass "nur die Bewegungen und nicht die Haarfarbe, Figur oder das Gesicht bewertet werden", wie McCarty sagt.

Damit bei der Bewertung der Tanzschritte nur die Moves und nicht andere Aspekte bewertet werden, wird mit Avataren gearbeitet

Damit bei der Bewertung der Tanzschritte wirklich nur die Moves und nicht andere Aspekte wie die Attraktivität bewertet werden, wird mit Avataren gearbeitet

Hüften ausladend und Beine asymmetrisch bewegen

Je fünf Clips der tanzenden Frauen wurden während des Experiments 200 Männern und Frauen vorgespielt, alle jeweils nur 15 Sekunden lang. "Nach längeren Sequenzen sind Menschen gelangweilt", sagt Nick Neave. Bewertet wurden die tanzenden Avatare auf einer Skala von eins (sehr schlechte Performance) bis sieben. Eine schlechte Bewertung gab es, wenn einzelne Moves häufig wiederholt und die Arme sehr synchron bewegt wurden. Als besonders attraktiv galten Frauen, die ihre Hüften ausladend und die Beine möglichst asymmetrisch bewegten und dabei nicht zu viel mit den Armen zappelten.

"Der Hüftschwung ist wichtig, weil er Hinweise über die Fruchtbarkeit signalisiert", vermuten die Wissenschaftler. Die asymmetrische Bewegung der Gliedmaßen weise außerdem auf eine gute Kontrolle über den eigenen Körper hin. Das wiederum signalisiere Gesundheit, eines der wichtigsten Kriterien für unsere Partnerwahl. Interessant: Die Videoclips wurden nicht nur englischen, sondern auch deutschen und brasilianischen Beobachtern vorgelegt. Die Bewertungen fielen fast identisch aus.

Ausstaffiert mit 39 Metallkugeln ging es für unsere Autorin ins "Tanzlabor"

Ausstaffiert mit 39 Metallkugeln ging es für unsere Autorin ins "Tanzlabor"

Denise Temme vom Institut für Tanz- und Bewegungskultur an der Deutschen Sporthochschule in Köln kennt die Studienergebnisse. Auch sie entdeckte im Hüftschwung das wesentliche Element eines guten und damit augenscheinlich attraktiven Tanzes. Allerdings aus anderen Gründen: "Das Becken in eine Schwungbewegung bringen zu können, erfordert gerade das Gegenteil von dem, was man vielleicht für gute Tanzfähigkeiten hält: Es geht eben nicht um maximal kontrollierte Bewegungen, sondern wir müssen die Kontrolle aufgeben können", erklärt sie. Schwingende Beckenbewegungen seien ein Symptom dieser Fähigkeit. "Die setzt wiederum eine gut entwickelte Körperwahrnehmung und Bewegungsbewusstheit voraus", so Temme. Ein Gefühl für den eigenen Körper in der Bewegung. Die Spannung und Kontrolle der Bewegung muss man gerade in der Körpermitte aufgeben. "Kann man das lernen?", will ich von ihr wissen. "Klar", sagt sie. "Man braucht nur zu Hause mal auf Musik, die einem gefällt, drauflostanzen. Dann kommt die Bewegung von ganz allein."

"Ich tanze selber nicht besonders gerne"

Und wie steht es nun um meine Tanzkünste? Von meinen beiden wissenschaftlichen Beobachtern erhalte ich 4,5 von sieben möglichen Punkten. Ich mache das mit den Hüften schon ganz gut, und auch meine Armarbeit sei okay. Probleme würden mir allerdings meine Beine bereiten. Ich solle mit denen mal etwas anderes machen, als sie nur von links nach rechts zu bewegen. "Diese eine Drehung da, die du machst, die ist sehr gut", analysiert Nick Neave, "aber da geht noch mehr. Sonst wirkt das schnell langweilig und unkreativ."

Unserer Autorin wurden Tanzfähigkeiten zugesprochen. Sie bekam von den Experten immerhin 4,5 von sieben Punkten

Na, Gott sei Dank! Unserer Autorin (hier mit den 39 Metallkugeln) wurden Tanzfähigkeiten zugesprochen. Sie bekam von den Experten immerhin 4,5 von sieben Punkten


Zu langweilig. Das sitzt. Wenn es ein Ausschlusskriterium in der Partnerwahl gibt, dann ja wohl das. "Okay", stammle ich und frage, wo ich heute in Newcastle noch hin könnte, um meine Moves auszuprobieren. "Das musst du selbst entscheiden. Du musst die Musik mögen und dich wohlfühlen. Niemand tanzt gern zu Songs, die er nicht leiden kann", sagt Neave. "Ein bisschen Alkohol ist auch okay", ergänzt ihn McCarty. "Aber nicht zu viel, sonst versucht man, Bewegungen zu machen, die drüber sind." Was die beiden selbst gerne hören? "Ska", sagt Neave, "Metal", McCarty. "Ich tanze selber nicht besonders gerne", schiebt er hinterher.

In meinem Hotelzimmer stimme ich mich mit meinen neu gewonnenen Erkenntnissen im Hinterkopf und vom Ehrgeiz gepackt auf den Abend ein. Was hat das Internet noch an Tipps zu bieten? Bei einem Tutorial, das "Club Dancing Tips for Ladies" heißt, bleibe ich hängen. In dem Video, das 2,5 Millionen Mal geklickt wurde, erklärt mir eine Frau namens LaShonna vier Bewegungen, mit denen ich "like the best dancer ever" aussehen werde. Tatsächlich decken sich die Tipps mit dem, was ich gelernt habe. Ich soll vor allem meine Hüften bewegen.

Unglücklicherweise sieht das alles ein bisschen irre aus, weil LaShonna die vier gezeigten Bewegungen irgendwann ununterbrochen wiederholt. Als ich "Mach das im Club, und jeder wird dich auslachen" in den Kommentaren lese, schließe ich den Laptop.

Geschmack schlägt Wissenschaft also doch

Newcastle liegt im Nordosten Englands und gilt gewissermaßen als der Ballermann der Insel. Die Nächte hier sind so kurz wie die Röcke der meisten Engländerinnen. Acht Grad Außentemperatur reichen, um die Jacke zu Hause zu lassen. Weil die meisten Clubs hier schon um drei Uhr schließen, machen meine Freundin Emily, die ich noch aus Erasmus-Zeiten kenne, und ich uns schon um halb elf auf den Weg in die Innenstadt. Nach kurzem Probehören entscheiden wir uns für das Flares, übersetzt "Schlaghose", das mich ein bisschen an die Barbarabar auf dem Hamburger Berg erinnert.

Katharina Meyer zu Eppendorf, 26, versuchte im Flares in Newcastle gleich, ihre Beinarbeit zu verbessern

Katharina Meyer zu Eppendorf, 26, versuchte im Flares in Newcastle gleich, ihre Beinarbeit zu verbessern

Als wir hineinkommen, läuft gerade "Sex on Fire" von den Kings of Leon. Wie passend. Wir bewegen uns trotzdem erst mal an die Bar, bis uns "500 Miles" von den Proclaimers auf die Tanzfläche zwingt. Ich versuche, schon meinem Gang dorthin den idealen Hüftschwung zu verpassen. Leider fällt das niemandem auf. Mein Getränk stürze ich hinunter, damit meine Arme Platz für ihre asymmetrischen Bewegungen haben. Wissenschaftlich betrachtet mache ich alles richtig, auch wenn für "Variationen in meiner Beinarbeit" leider zu wenig Platz auf der Tanzfläche ist. Gerade einmal ein Ausfallschritt nach links ist möglich.

Doch selbst von dem schaffe ich nicht viele Variationen, denn schon als Nächstes ertönen die Anfangstakte von "Macarena". Einer meiner ultimativen Hass-Songs. Ich erschaudere und bewege mich zum Rand. Das wiederum fällt einem Typen auf, der jetzt näher kommt und in mein Ohr schreit: "Warum tanzt du nicht?" "Ich kann das Lied einfach nicht leiden." Fassungslosigkeit in seinem Gesicht. "Wie kann man 'Macarena' nicht mögen? Du kannst nur den Tanz nicht, gib's zu!" Genervt und herausgefordert zugleich beginne ich, die Schrittfolge von "Macarena" zu tanzen; alberne Armbewegungen, stupide Beinarbeit, aus wissenschaftlicher Sicht also wirklich: alles falsch.

Der Typ mustert mich. So richtig. Von Kopf bis Fuß, mit leicht schief gelegtem Kopf. Dann grinst er, reckt einen Daumen hoch und ruft: "Du kannst wirklich gut tanzen!"

Geschmack schlägt Wissenschaft eben doch. Manchmal jedenfalls.

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