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Was hast du zu gewinnen?: Unzufrieden in der Beziehung? Nervt der Job? Trau dich, was zu ändern!

Wir halten an freudlosen Beziehungen fest, verharren im ungeliebten Job, eiern jahrelang um das herum, was mal eine Leidenschaft war. Ist das erwachsene Geradlinigkeit oder bloß Angst? Ein Proviantpaket für den Ausflug ins Wagnis.

Ein unzufriedene Frau (Symbolbild)

Der Schritt zum Wagnis aber ist manchmal gar nicht so groß, wie von uns selbst konstruiert

Sie hatte sich da so: reinverirrt. Das ist das Wort, mit dem Imke in unserem Freundeskreis heute erklärt, wieso sie seit acht Jahren Jura studiert. Es hatte eben Sinn gemacht, damals. Das Abi mit Einserschnitt, ihre Eltern zufrieden, sie selbst bester Dinge. Nach den Prüfungen hatte sie zehn Monate in verbracht, um sich zu befreien aus der Enge, den Kopf aufzumachen, "sich" , wie unser Freund immer sagt, "die Welt auf Lunge zu ziehen" .

Antworten auf drängende Lebensfragen würden sich unterwegs schon finden, hatte Imke gedacht, als sie aufbrach, dachte sie auch während der Reise noch und bezweifelte es erst, als sie wieder am landete. Wir drückten ihr Wiedersehenstränen an die Wange, und als ihre Eltern beim Abendessen fragten, was sie denn nun studieren wolle, denn Studieren mache bei ihrem Superschnitt ja Sinn, dachte Imke "gar nichts" und sagte aber "Jura". Das Blöde an Entscheidungen ist, dass sie stressen, egal wie klein sie sind. Das Tolle an ihnen ist, dass sich dieses wohlige "Erledigt"-Gefühl einstellt, sobald sie getroffen sind. Die Menschen um Imke herum waren beruhigt, und Imke war es auch, denn einen Plan zu haben macht automatisch Mut und gute Laune. Der Kopf weiß dann, in welche Richtung er denken soll, und hört für eine Weile auf, sein zauderndes Alternativprogramm runterzubeten: "Schau mal, diese Abzweigung haben wir noch gar nicht bedacht!"; "Wir könnten es doch auch mal hier entlang versuchen!"; "Sieh nur, da vorne!"; "Aber EIGENTLICH wollten wir doch immer … " Ja, ja, Schnauze jetzt!

Nun ist meine Freundin nicht bescheuert oder hat eine besonders lange Leitung. In den vergangenen acht Jahren, in denen sie sich mit Straf- und Verwaltungsrecht herumgeschlagen hat, ist Imke durchaus aufgefallen, dass sie die Aussicht, ihr Leben für die nächsten 40 Jahre mit Paragrafen zu teilen, nicht gerade in Hochstimmung versetzte. Und dass sie sich mehr für Design und kreative Arbeit im Allgemeinen interessierte geschenkt, wer tut das nicht. Wann immer wir Imke trafen, machte sie irgendwann eine augenverdrehende Bemerkung zum bobbycarschnellen Fortschritt ihres Studiums, lachte dann und schon ging es weiter im Gespräch. Imkes Unzufriedenheit, ihr "Eigentlich würde ich viel lieber"-Mantra wurden Teil ihrer Pose. Und sie selbst wurde damit ein Symbol für eines der seltsamsten Paradoxa unserer Zeit: Wir haben alle Freiheiten und trauen uns oft trotzdem nicht, sie ernst zu nehmen. Woher nur kommt diese Schockstarre?


Wir lieben den Plan 

Es existierte vielleicht noch nie eine Generation, die eine derart große Freude am frühen Festlegen hat, wie die unsere. Es macht den heute Anfang-20- bis Mitte-30-Jährigen einen solchen Spaß, sich sehr früh sehr genau für Wege zu entscheiden, dass kilometerlange Amazon-Warenlager-Flügel voller Eltern-Ratgeber über schwer an den Ernst des Lebens zu vermittelnde seit Jahren vor sich hinmodern. "Planen oder treiben lassen" hieß eine der erfolgreichsten NEON-Ausgaben aus dem Sommer 2007. Das Thema wurde sogar zu einem Buch, der Satz "Eigentlich sollten wir erwachsen werden" war jahrelang nicht nur Claim dieses Magazins, sondern auch das trotzige Motto all jener, die noch ein bisschen warten wollten mit Mietschlüsselanalysen, Betriebsrentenvorsorge und festem Wohnsitz.


Die Berufsjugendlichkeit aber nervte bald. Unpraktikabel war sie obendrein. Das echte Leben kommt früher oder später ja doch um die Ecke, und die Welt machte speziell in jüngster Zeit keinen Hehl daraus, immer chaotischer zu werden. Der Impuls zur eigenen Sicherungsverwahrung, mit dem Imke und wir anderen groß geworden sind, ist deshalb erst einmal ein guter Impuls. Sollen uns die Alt-Hippies und Moderne-Forscher ruhig Frühvergreisung und Spießertum vorwerfen, gegen die Suche nach Stabilität gibt es kaum etwas einzuwenden. Nur hat sie eben einen Denkfehler bestärkt, der, wenn wir nicht aufpassen, zur Allroundbremse unseres Lebens wird: Wir haben das Gefühl, den Zeitpunkt für Veränderung verpasst zu haben ab der ersten Minute.

Das ist nur logisch. Wer sich aufs Ankommen fixiert, hat automatisch das Gefühl, sich ein Abkommen vom Weg nicht leisten zu können und bekommt erhebliche Argumentationsprobleme mit sich selbst, wenn er ein paar Jahre später die eingeschlagene Richtung anzweifelt. Oder auch nur mal Pause machen will. Weil wir längst mit Vollgas über die Lebensplanautobahn rasen, erscheint jede Unterbrechung als Verlustgeschäft. Wir sind wie diese Väter, die früher bei Raststätten-Pipipausen immer so genervt auf die Uhr blickten, weil sie ihren "Von Heimat- zu Ferienhaustüre"-Schnitt versauten.


Die meisten von uns wagen nicht

Dabei geht es gar nicht immer nur um die ganz großen Existenzfragen (Soll ich das Studium wechseln, obwohl ich schon so viele Credits habe? Den annehmen, obwohl es dort nur einen Jahresvertrag gibt? Dieser hysterischen Verknalltheit nachgehen, die mich ans andere Ende des Landes zieht, obwohl mich das meine hübsche Wohnung kosten würde?). Das "Obwohl" wird mit den Jahren naturgemäß immer größer und schrillt auch schon bei den kleineren Wagnissen, die nicht gleich unser komplettes Leben als Einsatz fordern: Soll ich endlich eine Platte aufnehmen? Soll ich meinem Mitbewohner sagen, dass ich nicht mehr mit ihm zusammenleben will? Dieser blonde Undercut-Bob, den Katy Perry jetzt trägt, wäre der nichts für mich?

Die meisten von uns antworten standardisiert: Nein. Das aber nicht, weil wir Sicherheitsfanatiker sind, sondern und darin liegt nur scheinbar ein Widerspruch weil wir gerne träumen. Weil der unerfüllte Wunsch ein geschützter Ort ist, an dem alles möglich bleibt. Eine Kollegin mit Literatenambition erklärte neulich: "Solange ich das Buch noch nicht geschrieben habe, besteht immer noch die Möglichkeit, dass es das beste Buch der Welt wird." Das große (oder kleinere) Ding, von dem wir uns seit Jahren (oder Tagen) erzählen, es angehen zu wollen, wird auf diese Weise zur ungeöffneten Schatztruhe. Verschlossen ist sie ein Versprechen. Stemmen wir sie auf, muss ihr Inhalt fortan verwaltet werden, verteidigt vor der Welt. Er wird dann Realität. Nur wenige von uns sind deshalb bereit, freiwillig ein Wagnis einzugehen. "Sensation Seekers" nennt die Psychologie sie. Übermütige Draufgänger, Alles-auf-eine-Karte-Setzer, die auf dem Weg ins Unbekannte allein dadurch Glück empfinden, den Aufbruch riskiert zu haben. Und das klingt ja auch immer sehr hübsch: Der Weg ist das Ziel, ein mögliches Scheitern egal, wichtig alleine das Abenteuer als solches. Klar. Die Mehrheit von uns gibt auf Instagram und Facebook zwar tapfer vor, den Lebenssinn genau darin zu sehen, empfindet Risikobereitschaft in Wahrheit aber nur in 14-tägigen Urlaubsdosen oder bei der Bestellung eines unbekannten Gerichts von der Thai-Karte als angenehm.

Seit Jahren belegt die Entscheidungspsychologie in Experimenten, dass der Großteil der Menschen empfindlicher für Verluste ist als für Gewinne. Risikoforscher Daniel Kahnemann erklärt das mit dem Endowment-Effekt, einer Hypothese aus der Verhaltensökonomik: Menschen tendieren dazu, ein Gut wertvoller einzuschätzen, wenn sie es besitzen. Der befürchtete Wegfall des Gewohnten wiegt also schwerer als die Aussicht auf eine Verbesserung und die funkelt in der Fantasie umso stärker, je länger sie von der Realität unangetastet bleibt. Klassischer Teufelskreis.

Dabei könnten wir es also belassen. Die Leidenschaft zur Musik weiterhin heimlich unter der Dusche leben, den ungeliebten Mitbewohner behalten, eine Beziehung in derselben Stadt suchen, Imke kann Juristin werden. Schlimm ist das nicht. Der Schritt zum Wagnis aber ist manchmal gar nicht so groß, wie von uns selbst konstruiert. Drei Fragen helfen gegen das Misstrauen:

Erstens: Willst du es wirklich?

Hast du einen Traum? Oder hast du bloß Sehnsucht nach der Sehnsucht? Melancholische "Eigentlich"-Gedanken darüber, was man gerne tun, wo und mit wem man gerne leben oder arbeiten würde, sind gut, solange sie keine Belastung werden. Fühlt man sich mies, weil man immer noch nicht das Kinderbuchkonzept geschrieben hat, mit dem man seit Jahren durchstarten möchte, ist vielleicht gar nicht die eigene Faulheit schuld, sondern der angebliche Traum.

Zweitens: Wovor hast du Angst?

In den meisten Fällen lautet die Antwort: vor der Veränderung. Das liegt gar nicht so sehr an der Angst vor dem ersten Schritt, sondern eins früher am Prozess des Loslassens. Die menschliche Natur ist aufs Festklammern gerichtet, so lernt es schon das Baby, das ohne seine Mutter vollkommen schutzlos wäre. Es hilft deshalb, für den Zeitraum der Entscheidung die anderen Bindungen in unserem Leben zu verstärken. Also gezielt Stabilität in den Bereichen zu suchen, die von der möglichen Veränderung unberührt blieben.

Drittens: Wie hoch ist der Einsatz?

Ganz realistisch: Was ist das Schlimmste, das passieren kann? Und was wäre dann der nächste Schritt? Ziemlich sicher gibt es einen. Außerdem hilfreich: die sogenannte internale Kontrollüberzeugung. Die Psychologie meint damit, dass uns Veränderungen leichter fallen, wenn wir unser Schicksal selbst in der Hand haben. Mantra: "Ich muss das hier nicht machen. Außer ich möchte." Und dann? Der Dichter Ludwig Tieck schrieb vor mehr als 150 Jahren: "Die sorgfältige Feigherzigkeit hält uns immer von Taten zurück, deren wir uns freuen würden, wenn nur der Augenblick der Ausübung erst vorüber wäre." Der Augenblick aber ist eben genau das: nur ein Augenblick. Der, in dem man Atem holt und zu einer E-Mail ansetzt, einem Gespräch, einer Unterschrift. Danach gibt es eine neue Realität. Und genau diese Aussicht ist schon der ganze Trick: Egal ob sie besser oder schlechter sein wird als die jetzige, bald schon wird sie zu unserem Alltag gehören, neue Normalität sein. Mit einem kleinen Unterschied, von dem nur wir wissen werden: Erst hatten wir Angst. Und dann haben wir’s gemacht.​

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