HOME

Kolumne "Alle irre": Warum wir uns nicht schämen sollten, andere um Gefallen zu bitten

Beim Umzug helfen, das Auto leihen, die Wohnung aufschließen, wenn der Heizungsableser kommt: Andere trotz Scham und Sharing-Möglichkeit um einen Gefallen bitten? Muss man können.

Hat man kein professionelles Umzugsunternehmen, müssen meist die Freunde ran (Symbolfoto)

Hat man kein professionelles Umzugsunternehmen, müssen meist die Freunde ran (Symbolfoto)

Es ist jedes Mal ein Riesentheater, das ich veranstalte, bevor ich für zwei Tage nach fahre oder in die Heimat. Zuletzt stand ich in einer Fressnapf-Industriegebiet-Filiale, um mich in einem halbstündigen, in seiner Ernsthaftigkeit den Kaufverhandlungen von Luxuslimousinen in nichts nachstehendem Fachgespräch über die Vor- und Nachteile von Futterspendeautomaten zu erkundigen. Futterspendeautomaten, lernte ich, unterscheiden sich in ihrer Mechanik nicht großartig voneinander. Allerdings gibt es verschiedene Exklusivitäts-, eigentlich Eskalationsstufen. Am Ende der Beratung war ich sicher, mich für die Premiumausstattung entscheiden zu müssen: einen Futterautomaten mit eingebautem Stimmrekorder, der es mir ermöglichen würde, meinen Katzen trotz physischer Abwesenheit aufmunternd ins Essen zu quatschen. "Toll macht ihr das, ganz brav!", "Nicht so hastig, Nala!", "Ruhig ein bisschen was von den Rindfleischbrocken, Noah!" Das Ganze lässt sich sogar über eine App auf dem Handy steuern. Genial.

Die andere Möglichkeit wäre, meine Nachbarn zu fragen. Einfach Tür aufmachen, einen Halbschritt nach rechts, klingeln. "Hey, ich bin am nicht da. Könntet ihr vielleicht zweimal rüber und eine Tüte Nassfutter in die Näpfe gießen?" Das aber ist mir leider unmöglich. Weil ich mich schäme. Weil ich nicht weiß, wie man diese Frage stellt, ohne dass es eine Übergriffigkeit ist, weil die Nachbarn ja kaum etwas anderes antworten können als "Ja klar". Oder lügen, dass sie selbst am Wochenende außer Haus seien. Und dann hat man sie aber in eine unangenehme Lage gebracht; bei den kommenden Treppenhausbegegnungen müsste man immer peinlichverklemmten Small Talk miteinander machen. "Du, sorry noch mal wegen neulich." "Nee, Quatsch, war ja auch nur ’ne Frage."

Hilfe muss man annehmen lernen

Ich weiß, dass ich in dieser Hinsicht übertreibe, mir ist bewusst, dass es nicht normal ist, ein Umzugsunternehmen zu beauftragen und in der Nacht vor dem Umzug selbst schon 15-mal zwischen alter und neuer Wohnung hin- und herzufahren und Kisten zu schleppen, weil man sich für die Fülle an Hab und Gut schämt und für all die Umstände, die man den Arbeitern macht. Und dann während des irgendwann vor der Laderampe des Lkws zu stehen und sich rufen zu hören: "Gebt mir ruhig noch mehr!"

Umso schwieriger, Hilfe anzunehmen, die nicht mal bezahlt werden kann, weil es NOCH seltsamer wäre, einer Freundin, die zum Blumengießen vorbeigekommen war, zum Dank 20 Euro zuzustecken.

Manchmal glaube ich, meine Unfähigkeit, andere um einen Gefallen zu bitten, hat sich durch die Sharing- und Ebay-Kleinanzeigen-Nebenjob-Kultur noch weiter zugespitzt. Für alles gibt es mittlerweile ja einen Markt und dadurch eigentlich keinen Grund mehr, private Kontakte zu bemühen. Trotzdem ist das natürlich bescheuert. Weil ich meinen Freunden und Nachbarn ihre Mündigkeit abspreche. Sie vielleicht sogar der Möglichkeit beraube, sich gut zu fühlen, weil sie mir ausgeholfen haben, eine Stütze waren. Vielleicht, dachte ich auf dem Heimweg, ist so ein Futterspendeautomat also wirklich eine asoziale Anschaffung. Ich werde ihn zurückbringen. Ich werde ab jetzt aufhören, meine Freundschaften zu sterilisieren. Ich werde um Hilfe bitten, und ich werde es aushalten, sie anzunehmen. (Ein bisschen allerdings auch, weil ich meine Stimme auf Band ganz schrecklich finde.)

Man darf sich nicht in das Leben anderer einmischen, findet NEON-Redakteurin Lena Steeg, 32, macht es aber trotzdem. Willst du auch, dass Lena sich in dein Leben einmischt? Schreib ihr deine Frage an: alleirre@neon.de 


Dieser Text ist in der Ausgabe 8/17 von NEON und auch digital für das Tablet auf iOS und Android erschienen. Hier können Einzelhefte des Magazins nachbestellt werden.

Neon-Logo Das könnte Sie auch interessieren