HOME
Interview

Psychologe Gordon G. Gallup: Wie viele Sexpartner man haben sollte, um den Partner fürs Leben zu finden

"Ist Sex immer besser als kein Sex?" Ja, sagt Professor Gordon G. Gallup. Der New Yorker Kussexperte erklärt im NEON-Gespräch die richtige Dosis Bettgeschichten.

Sexpartner im Bett

Je mehr Sexpartner man vor der Ehe hatte, umso wahrscheinlicher ist es auch, nach der Hochzeit fremdzugehen, sagt Professor Gordon G. Gallup.

Gordon G. Gallup, 75, ist Professor für Psychologie an der University at Albany in New York, USA. Er wurde 1970 berühmt, als er den "Spiegeltest" erfand, bei dem man Menschen oder Tieren den Spiegel vorhält und prüft, ob sie sich darin erkennen. Seit den Neunzigerjahren forscht er nur noch zu Evolutionspsychologie.

Professor Gallup, auf ihrer Institutsseite führen Sie unter "Expertise" den Punkt "Küssen" auf. Das gefällt mir. Ich überlege, das auch in meinem Lebenslauf aufzunehmen.

Ich forsche aber auch wirklich zu dem Thema, nicht nur in so einer kleinen Privatstudie. Ich bin Evolutionspsychologe. Ich untersuche also, was die Evolution für einen Einfluss auf menschliches Verhalten hatte. Darunter fallen der Kampf um Sexpartner, zwischenmenschliche Anziehungskraft und eben Küssen.

Essen und Sex sind beides menschliche Grundbedürfnisse. Ich habe keine Ahnung, mit wie vielen Personen ich Mittagessen war, aber ich weiß ganz genau, mit wie vielen ich Sex hatte. Wieso zählen Menschen so etwas?

Ich denke, es liegt daran, dass es ein ganz spezielles Ereignis ist und nicht so wahnsinnig oft vorkommt. Daran sieht man, dass ein neuer Sexpartner - egal ob man es nun herunterspielt oder aufbauscht - etwas ganz Besonderes im Leben eines Menschen ist. Denn Menschen, die immer mit demselben Partner Sex haben, führen ja kein Buch.

Manche, hüstel, schreiben sogar ihre Kuss-Partner auf.

Es gibt Beweise, dass Frauen sich an mehr Details ihres ersten Kusses erinnern, also an die Situation, den Ort, die Musik, den Geruch, den Geschmack als an ihre erste sexuelle Erfahrung. Das stimmt nicht für alle Frauen, aber …

Also bei mir stimmt das. Warum ist das so?

Weil man als Frau Sex oft vergisst. 

Das "Kuschelhormon"

Das denken Sie sich doch gerade aus.

Im Gegenteil. Lassen Sie mich etwas ausholen … Als Frau schüttet man in drei Fällen Oxytocin aus.

Oxytocin ist das, was oft "Kuschelhormon" genannt wird, weil es die Verbindung zwischen zwei Menschen stärkt, richtig?

Ja. Oxytocin wird bei Frauen ausgeschüttet, wenn sie ein Kind auf die Welt bringen, wenn sie stillen und wenn sie einen Orgasmus haben. Die Natur hat es aber so eingerichtet, dass man etwas Schmerzhaftes wie die Geburt auch wieder ausblenden kann. Wenn man also Sex mit einem Orgasmus hat, dann tendiert man dazu, das zu vergessen. Auch, aber das nur nebenbei, ganz praktisch für die Frau, wenn sie fremdgeht.

Das Problem bei One-Night-Stands ist aber doch, dass man oft unabsichtlich so anhänglich wird.

Je größer der Orgasmus, desto mehr Oxytocin wird ausgeschüttet und desto verbundener fühlt man sich mit dem Sexpartner.

Die "Alles-oder-nichts-Entscheidung"

Und wie kann man vermeiden, sich zu verknallen, außer indem man keinen Orgasmus hat?

Am einfachsten geht das, wenn man mit jedem Partner nur einmal Sex hat. Denn je häufiger man mit einer Person Sex hat, desto wahrscheinlicher verknallt man sich.

Klingt einfach.

Man kann ja auch nur küssen. Küssen und Geschlechtsverkehr sind aus unserer Sicht gar nicht so unterschiedlich. Wir haben Tausende Fälle untersucht und festgestellt, dass Menschen, die jemanden attraktiv fanden, die Person nach dem ersten Kuss manchmal nicht mehr attraktiv fanden. Der Kuss ist das, was wir die „Alles-oder-nichts-Entscheidung“ nennen. Ein Kuss ist eine komplexe biochemische Kommunikation zwischen zwei Körpern, die einem hilft zu entscheiden, ob der andere ein guter Partner sein könnte. Speichel und Sperma beinhalten die gleiche Information. Schon der Kuss verrät einem, ob es etwa genetische Unvereinbarkeiten gibt.

Es wäre also sinnvoll, sehr viele potenzielle Partner zu küssen und dann nur diejenigen abzuschleppen, die wirklich als Partner infrage kommen?!

Ja!

Also stimmt das Sprichwort, dass man viele Frösche küssen muss, bevor man den Prinzen findet?

Genau so ist es aus psychologischer Sicht. Man sollte mit vielen knutschen oder Sex haben, um ein gut passendes Match zu finden. Man kann eine fundiertere Partnerwahl treffen, je mehr Erfahrung man sammelt. Es kann natürlich auch der erste Mensch, den man küsst, der richtige sein. Das ist aber unwahrscheinlich.

Lieber einen oder 100 Sexpartner?

Macht es einen Unterschied, ob ich mit 100 Männern einmal schlafe oder mit einem Mann 100 mal?

Ja, in der Tat. Eine Frau, die mit 100 Männern je einmal schläft, hat eine geringere Chance, schwanger zu werden als eine Frau, die 100 Mal mit einem Mann schläft. Denn wenn man zum ersten Mal Sex hat, wird das Sperma als fremdes Protein wahrgenommen. Die Frau muss sich erst an das neue Sperma gewöhnen. Wenn man von einer Person, mit der man schon öfter Sex hatte, schwanger wird, hat man eine gesündere Schwangerschaft - es gibt weniger Komplikationen und Abgänge.

Hat sich durch Verhütungsmittel das Sexverhalten von Männern und Frauen verändert oder angeglichen?

Zum ersten Mal ist es uns vor ein paar Jahrzehnten gelungen, zuverlässige Verhütungsmethoden zu finden. Wir können Sex haben, ohne uns fortzupflanzen. Das ist bahnbrechend, keine andere Spezies auf diesem Planeten kann das. Frauen können erstmals in der Geschichte der Menschheit ungebundenen Sex haben, ohne ein Kind zu bekommen. Männer und Frauen haben dadurch gleich viele Sexpartner.

Einer Studie zufolge haben Studentinnen bis 30 im Schnitt sieben Sexpartner.

Verblüffend niedrig! In den USA aber auch: Bei College-Studenten in den USA liegt er bei fünf bis sechs.

Und die Studentinnen sind sogar etwas erfahrener als die Studenten.

Je mehr Erfahrung, desto sicherer kann man sich dann sein, bei einem bleiben zu wollen. Man geht bewusst eine feste Beziehung ein.

IQ und Orgasmus korrelieren 

Aber macht es die Partnerwahl nicht noch komplizierter, als sie eh schon ist? Wenn ich einen Partner suche, der witzig, intelligent, sportlich und ein guter Zuhörer ist, dann ist das ja schon schwer genug. Wenn ich auch noch wen suche, der eine Granate im Bett ist, dann das ja noch eine Hürde mehr!

Würde man denken. Aber es gibt eine brandneue Studie, in der wir so argumentieren, dass Orgasmen den Frauen wertvolle Informationen darüber geben, ob der Partner gut für sie ist, auch außerhalb des Betts. Das ist auch interessant für die Männer! Je höher der IQ des Mannes, desto eher erlebt die Frau einen Orgasmus; das Zeichen, dass derjenige ein guter Langzeitpartner für sie ist. Wer mit intelligenten und humorvollen Männern Sex hat, hat mehr Orgasmen.

Das sind ja Breaking News! Also ist es doch nicht nur Sex? Wie gut der Sex ist, sagt auch, wie gut man zusammenpasst?

So ist es. Das hängt zusammen.

Kann einem eine sehr hohe Zahl an Sexpartnern auch schaden? Also psychologisch betrachtet, nicht moralisch oder kulturell?

Es spricht aus psychologischer Sicht nichts dagegen. Einen zwingenden Nachteil, der damit einhergeht, gibt es nicht. Nur wenn man eine dauerhafte Beziehung eingehen möchte, kann es möglicherweise zu Schwierigkeiten kommen. Wenn bekannt ist, dass die Frau mit sehr vielen Menschen schläft, kann sich ein Mann für eine echte Partnerschaft abgeschreckt fühlen.

Das ist aber doch eher ein kultureller, antifeministischer Schluss, oder?

Nein. Es ist ein psychologisches Phänomen, das darin begründet liegt, dass ein Mann grob ausgedrückt früher die Gefahr von Kuckuckskindern minimieren wollte. Das wirkt heute noch nach, in Zeiten von Verhütung und Gleichberechtigung.

Und Männer haben keinen Nachteil? Na toll!

Doch, auch. Wenn man mal angefangen hat, viel herumzuschlafen, dann ist es tatsächlich schwieriger, damit aufzuhören.

Ist das wirklich so?

Es gibt einige ziemlich gute Beweise dafür, dass es, je mehr Sexpartner man vor der Ehe hatte, umso wahrscheinlicher ist, nach der Hochzeit fremdzugehen.

Ist schlechter Sex besser als gar kein Sex?

Wir Psychologen sprechen immer von „Kosten“, die man zahlen muss, wenn man Sex hat. Diese „Kosten“, also Folgen, können Babys sein, sexuell übertragbare Krankheiten, eine Reputation, die sich negativ auswirkt. Wenn man diese Folgen ausschließt, indem man verhütet und es diskret macht, dann gibt es keinerlei Probleme. Dann würde ich sagen: Sex ist immer besser als kein Sex.

Dieser Text ist in der Ausgabe 02/17 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte des NEON-Magazins nachbestellt werden. Alle Ausgaben seit September 2013 gibt es auch digital in der NEON-AppAuf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.