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Zum Tag des Liebesbriefs: ein Liebesbrief an den Liebesbrief

"Ihr wollt ein' Liebesbrief, ihr kriegt ein' Liebesbrief" – oder so ähnlich. NEON nimmt den "Love Note Day" zum Anlass, dem Liebesbrief einen Liebesbrief zu schreiben.

Von Jule Schulte

Der 26. September ist der Tag des Liebesbriefs - zumindest in Kanada

Der 26. September ist der Tag des Liebesbriefs – zumindest in Kanada

Lieber ,

ich weiß gar nicht, ob du dich noch an mich erinnerst. Wir haben uns erst einmal getroffen, im Sommer 2010. Da stecktest du auf einmal in meinem Briefkasten, ganze sechs Seiten von dir.

Dieses Gefühl, die Schmetterlinge, die in meinem Magen anfingen Chacha zu tanzen, die Tränen, die anfingen zu kullern, noch bevor ich dich geöffnet hatte. Das war schön.

Ich war an einem Tiefpunkt. Fernbeziehungen sind scheiße. Und dann kamst du. Überraschend, unerwartet und überwältigend. Ich weiß nicht, wie oft ich dich gelesen habe – auch Jahre später noch, als die Beziehung längst vorbei, der Trennungsschmerz längst vergessen war. Aus rein nostalgischen Gründen, denn du, sechsseitiger Liebesbrief, warst der erste und einzige deiner Sorte, den ich je bekommen habe. Und weißt du was? Ich vermisse dich.

Deine entfernten Verwandten, die liebevollen -Nachrichten, sind in den vergangenen Jahren ein paar Mal eingetrudelt. Aber die sind nicht du. Sie sind nett, versteh mich nicht falsch, aber ich würde mich niemals mit einem Tee auf dem Sofa zusammenrollen, um sie an einem grauen Winterabend noch einmal zu lesen – einfach nur so. Sie würden mir beim Aufräumen niemals in die Hände fallen und mir ein Lächeln auf die Lippen zaubern – aus purer Nostalgie. Du kannst nicht aus Versehen, unbedacht, betrunken abgeschickt und am nächsten Tag bereut werden. Du bist ehrlich, handfest – dafür gemacht, aufbewahrt zu werden.

Erwarte ich zu viel, Liebesbrief? Bist du aus der Mode geraten? Zusammen mit Plateauschuhen und Klapphandys in einer Kiste irgendwo im Keller gelandet? Ich hoffe nicht. Du bist etwas Besonderes! In dir stecken Arbeit, Hingabe und manchmal sogar die eine oder andere getrocknete Träne. Du riechst nach Liebe, Hoffnung und manchmal Parfum. Du verschwindest nicht, wenn ich mein Handy verliere, gehst nicht im Wulst alltäglicher Nachrichten verloren. Du bleibst bei mir, um mich ab und zu daran zu erinnern, wie schön es ist, zum ersten Mal so richtig verliebt zu sein.

Und ich war in meinem jungen Leben schon ein paar Mal so richtig verliebt. Mit Bauchweh, Engelschchören und Herzschmerz.

Und trotzdem hast du mich erst ein Mal besucht. Geschickt von meiner ersten großen Liebe. Vielleicht gehört das so. Vielleicht vergeht mit der Dramatik, die das erste "Ich liebe dich" mit sich bringt, auch das Verlangen danach, es festzuhalten. Vielleicht verlieren wir nach dem ersten gebrochenen Herzen das Bedürfnis, mit Brief und Siegel zu beschwören, was uns wirklich wichtig ist. Aber wäre das nicht schade? Emoji-Herzen vergehen, Tinte bleibt.

Und deshalb, lieber Liebesbrief, möchte ich dir noch einmal in aller Form sagen, dass du mir fehlst. Und dass ich hoffe, dass wir uns bald wiedersehen. Meine Adresse hast du. Vielleicht magst du ja vorbeischauen … ich würde mich freuen!

Bis dahin, sei gedrückt!


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