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Beziehungsfrage: Darf man mit jemandem schlafen, der unglücklich in einen verliebt ist?

Zwei finden sich, der eine will nach einer Weile mehr, der andere nicht. Muss der, der emotional weniger involviert ist, den Verliebten vor sich selbst schützen, oder ist Sex mit Hoffnung okay? Unsere Kolumnistin mischt sich ein.

Wie ist es, wenn einer liebt und der andere nicht? Darf man miteinander schlafen? Oder muss man sich schützen?

Wie ist es, wenn einer liebt und der andere nicht? Darf man miteinander schlafen? Oder muss man sich schützen?

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Eigentlich ist es doch der krasseste Zufall der Welt, wenn zwei sich unabhängig voneinander in den jeweils anderen verlieben. Wenn beide sagen: "Das ist es", oder wenigstens einer: "Das ist es", und der andere: "Och, ja mei, bisschen drauf einlassen kann ich mich ja mal." Der Normalfall ist, dass sich keiner verliebt oder nur einer, und im zweiten Fall ist das Geschrei natürlich groß.

Bei Sarah und Chris war das so. Die beiden lernten sich kennen in einem Kölner Club. Sarah hatte ihn angesprochen. Sie gingen gemeinsam nach Hause, und am nächsten Tag blieb er bis zum Abend bei ihr, sie kochten und schauten einen Film; die Zeichen standen gut. Nach ein paar Wochen sagte Sarah, dass ihre Gefühle nicht für eine Beziehung reichten. Er hatte sich verliebt. Sie sprachen offen, die Dinge zwischen ihnen waren geklärt.

Nach der Einigkeit kommt die Unklarheit

Und wie das immer ist, wenn Dinge offiziell geklärt sind, kommt nach der großen Einigkeit die große Unklarheit. Äh, und was genau heißt das jetzt? Es war ja nicht so, dass sie keine Lust hatte, ihn weiterhin zu sehen. Und vielleicht auch hin und wieder mit ihm zu schlafen. Aber was, wenn er sie danach mit diesem versonnenen Blick anschauen würde, der verliebten Menschen ständig im Gesicht hängt? Muss der, der sich emotional besser im Griff hat, nicht den anderen vor sich selbst beschützen? Oder ist das auch schon wieder respektlos, weil man einem erwachsenen Menschen damit unterstellt, er könne keine klaren Entscheidungen mehr treffen, nur weil er verliebt ist?


Ich selbst bin, wie vermutlich jeder, schon beides gewesen. Als ich das letzte Mal ein Chris war, hatte mir der Mann recht früh per SMS erklärt, die Zeit mit mir sei zwar außergewöhnlich schön, er jedoch aktuell nicht im Stande, emotional mehr aufzubringen. "Anderes geht nicht", war der Satz, der saß. Er klang bestimmt und endgültig, und wir bekamen in den folgenden Wochen jedes Mal einen Lachanfall, wenn wir vage Urlaubspläne schmiedend in seinem Bett herumlagen und feststellen mussten: Dafür, dass anderes angeblich nicht ging, lief es doch sehr gut. Ich dachte damals, was Chris wahrscheinlich auch denken würde, was der Verliebte immer denkt: Dir wird auch noch klar, wie besonders das hier alles ist, WARTE MAL AB!

Das verliebte Herz ist die sturste Maschine der Welt

In meinem Fall war das Quatsch. Er ging irgendwann, und ich hatte Schwierigkeiten, Traurigkeit zuzulassen, denn: Er war ja mit Ansage gegangen. Meine Enttäuschung erschien mir lächerlich und unfair. Heute tut es mir manchmal leid, dass ich mir damals nicht mehr leid getan habe. Nähe erzeugt eben Nähe, und diese Nähe kann man vorher hundert Mal als "ganz locker" oder "super geklärt alles" labeln - das verliebte Herz ist die sturste Maschine der Welt. Da kann der andere noch so viele Warnschüsse geben, das Herz sagt: Komm, wir rennen mal rein und schauen, ob es wirklich knallt.

Hätte mich der Mann also nicht eigentlich von uns abhalten müssen? Ich finde: nein. Ich finde, wir haben Verantwortung füreinander, sobald einer dem anderen von seinen Gefühlen erzählt. Aber die Verantwortung sich selbst gegenüber ist immer noch die größere. Und es ist ja auch so: Wären wir sachlich und klug geblieben, hätte es diese Nächte nicht gegeben, die zum Wertvollsten gehören, an das ich mich so zurückerinnern kann in den vergangenen 33 Jahren.

Es gibt in der Liebe und der Nicht-Liebe nur eine Pflicht: anständig miteinander umgehen. Dass man dabei auch vernünftig sein muss, hat niemand behauptet.

Man darf sich nicht in das Leben anderer einmischen, findet NEON-Redakteurin Lena Steeg, 33, macht es aber trotzdem. Willst du auch, dass Lena sich in dein Leben einmischt? Schreib ihr deine Frage an: alleirre@neon.de


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