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Alle irre!: Bin ich ein Monster, weil mich der Liebeskummer meiner Freundin nervt?

Fast jeder hat diesen einen Freund, dem es ständig mies geht, bei dem einem ein emotionaler Tennisarm vom Dauerstreicheln der Seele wächst. Wie furchtbar darf man das finden?

Liebeskummer

Wenn die beste Freundin Liebeskummer hat, aber kein Tropfen ,Ach, du Arme, komm mal her‘ mehr übrig ist

Joséphine, 25, aus Zürich, schreibt: "Ich habe eine Freundin, die ich seit etwa drei Jahren kenne. Genauso lange schon hat sie eine On-off-Beziehung mit einem Typen. Vor einem Jahr habe ich sie getröstet, nachdem er Schluss gemacht hatte, bin mit ihr von Bar zu Bar getorkelt, habe um Taxi bezahlt, damit wir die Clubs stürmen konnten in der Hoffnung, ihm irgendwo, irgendwann VIELLEICHT über den Weg zu laufen. Als die beiden endlich wieder zusammenkamen, war ich heilfroh. Leider wurde es trotzdem nicht besser. Sie war abwechselnd genervt oder enttäuscht von ihm. Es klingelte, ich nahm den Hörer ab, eine winzige Stimme sprach: 'Hallo … mir geht’s nicht gut.' Als ich einmal völlig entnervt ins Telefon schnauzte: 'Ja, dann verlass ihn doch, wenn er so scheiße ist', meinte sie: 'Du verstehst das falsch. Natürlich ist er super, aber es ist doch klar, dass ich dir nur die Sachen erzähle, die mich beschäftigen.' 

Irgendwann fing sie an, sich anderweitig umzusehen. Mich nahm sie zu den Dates als Anstandsdame mit. Ich dachte: Bald macht sie Schluss. Aber tja, er war schneller. Eigentlich ein guter Moment, um einzusehen, dass es einfach nicht passt zwischen ihnen. Stattdessen ging das Trauerspiel von vorne los. 'Ach, Joséphine, ich bin soooo heartbroken.' Ich mag sie wirklich gerne, aber mein Mitleid ist aufgebraucht. Es ist kein Tropfen 'Ach, du Arme, komm mal her' mehr übrig. Und gleichzeitig fühle ich mich furchtbar deshalb. Bin ich ein Monster, weil mich ihr nur noch nervt?"

Liebeskummer: "Der Austausch von Ärgerlichem"

Hach, man versteht sofort alles! Weil jeder ja beides schon war und immer wieder ist. Liebeskummerhäufchen oder Verständnisbeauftragter, im ständigen Wechsel. Voll okay, gehört dazu, braucht eine Freundschaft wahrscheinlich sogar. Muss aber unbedingt seine Grenzen haben, beides. Wenn dem einen langsam ein Tennisarm vom mechanischen Dauerstreicheln des Rückens wächst, macht der andere zu viel falsch in seinen romantischen Beziehungen, aber eben auch in denen zu Menschen, die nicht sein Bett teilen. Es ist wenig populär, das zu behaupten, aber: Auch in Freundschaften sollte es einen gewissen Entertainment-Gedanken geben. Freundschaft ist nicht nur, was der andere mir ist, sondern auch, was ich ihm sein will.

Keiner wundert sich, dass Beziehungen den Bach runtergehen, wenn einer von beiden ununterbrochen schlecht gelaunt ist, einen Großteil des gemeinsamen emotionalen Raums mit seinen Problemen vollstellt, sich nicht mehr um anderes kümmern mag als seinen Sitzstreik in der Opferecke. Freundschaften, sagt man, sollen das aushalten, Freunde tragen einen durch die schweren Zeiten. Stimmt auch, sollte aber ein Teilzeitjob sein. Denn wenn sich der eine auf dem Rücken des anderen erst einmal gemütlich eingerichtet hat, kommt irgendwann eine unangenehme Dynamik in Gang, ein Drehbuch für alle folgenden Treffen: Man sieht einander, und sofort beginnt das Solostück "Der Austausch von Ärgerlichem", Director’s Cut. So wie das alte Menschen tun, die sich bei zufälligen Begegnungen auf dem Wochenmarkt gegenseitig ihre Krankenakte runterbeten.

Vielleicht wäre es also an der Zeit, sehr offensiv Urlaub vom Drama zu machen und so im besten Fall die krumme Rollenverteilung einmal durchzuschütteln und den Grundton der Freundschaft neu zu bestimmen. Vorschlag: "Heute unternehmen wir nur lustige Dinge und reden ausschließlich über Positives!" Klingt oberflächlich? Na, hoffentlich.

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