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Wenn aus dem Büroflirt eine feste Beziehung entsteht

Jeder Dritte war schon mal in einen Kollegen verknallt. Problematisch? Ja klar. Aber ändert ja nichts. Wie also kann die Liebe im Büro funktionieren? Was macht man mit penetranten Verehrern? Teil 5 der NEON-Reihe.

Von Charlott Friederich

Ein Liebespaar am Arbeitsplatz

Paare, die in derselben Abteilung arbeiten oder mit ihren Zuständigkeiten die Arbeit des anderen direkt beeinflussen, sollten auch dem Chef Bescheid geben (Symbolbild)

Montagskonferenz. Die Sonntagslaune haben die meisten Kollegen zusammen mit dem "Tatort" ausgeschaltet, müde Gesichter, leicht genervte "Alles auf Los"-Stimmung. Und dann geht die Tür auf. Er kommt rein. Schaut irre gut aus. Schaut, das gibt’s doch gar nicht, noch besser aus als am Freitag. Nicken, lächeln. Der Chef beginnt mit der Aufgabenverteilung für den Tag, einzelne Kollegen schließen die Augen, atmen schwer. Man selbst auch, allerdings aus ein bisschen anderen Gründen. Hat es je einen besseren Tag gegeben als den Montag, diesen Startschuss zu fünf Tagen flauem Magen und Hitzewallungen? Wahrscheinlich nicht.
Klingt irgendwie vertraut? Statistisch gesehen gibt es jedenfalls bloß zwei Gelegenheiten, bei denen wir uns öfter verlieben: Nicht etwa beim Onlinedaten, sondern einzig im Freundeskreis und beim Ausgehen funkt es häufiger als im Büro. Ist ja auch kein Wunder. Mit niemandem verbringen wir so viel Zeit wie mit unseren Kollegen, mindestens 40 Stunden. Dazu der ganze Stress und die geteilten Höhen und Tiefen des Büroalltags. Wissenschaftler sagen: Je größer die Identifikation mit dem Job, desto emotionaler geht es auch unter den Kollegen zu. Und Emotionen, das weiß man ja, lassen sich nur bis zu einem bestimmten Grad bewusst kanalisieren.

Trotzdem sind Büroflirts bis heute nicht überall gerne gesehen. In den USA können Beziehungen unter Mitarbeitern sogar vertraglich verboten werden. In Deutschland sollten Paare, die in derselben Abteilung arbeiten oder mit ihren Zuständigkeiten die Arbeit des anderen direkt beeinflussen, sollten auch dem Chef Bescheid geben. So haben es Angie, 28, und Philipp, 27, aus München gemacht:

Fall 6: Die Beziehung läuft. Die Arbeit auch?

Ich war gerade sechs Monate in der neuen Firma, eine glückliche junge Singlefrau. Mein jetziger Freund war der Nachfolger einer Teamkollegin. Ohne es wirklich zu merken, lernten wir uns kennen, quasi nebenbei, zwischen Kantine und Konferenztisch. Dass es trotzdem eine Weile dauerte, bis wir uns unsere Gefühle eingestanden, lag wohl daran, dass wir uns schützen wollten. Eine Mischung aus Hemmung und der Angst davor, was passiert, wenn man die emotionale Notbremse lockert, hat unsere wahren Gefühle für etwa vier Monate unterdrückt. Doch dann kam das Oktoberfest. Wir küssten uns auf dem Balkon vom Hofbräu-Zelt das erste Mal. Entgegen aller Warnungen aus Freundes- und Familienkreis beschlossen wir: Wir versuchen es miteinander. Sechs Monate behielten wir die Beziehung für uns. Mittlerweile sind wir seit fast drei Jahren ein glückliches Paar und wohnen auch zusammen. Bei der Arbeit sind wir Kollegen, zu Hause Partner. Einen Konflikt hatten wir deswegen noch nie. Im Gegenteil: Wir müssen nicht mehr allein ins Büro fahren, teilen uns die Miete, haben immer Gesprächsthemen und mit unseren Arbeitskollegen auf einen Schlag einen gemeinsamen Freundeskreis.


Fälle wie der von Angie und Philipp sind der Grund, warum Meike Müller grundsätzlich zu Büroflirts ermutigt. "Die Chance, dass sich aus einem Kollegenflirt eine harmonische Partnerschaft ergibt, ist hoch" , sagt sie. "Man ähnelt sich häufig in Bildungshintergrund und Interessen."


Außerdem gibt es wenig Gelegenheiten, bei denen man Stärken und Schwächen eines potenziellen Partners so gut einzuschätzen lernt wie im Job. Wie reagiert er auf Kritik, wie verhält er sich in Stresssituationen und gegenüber Untergebenen? "Im Büro kriegt man den Charakter auf dem Silbertablett serviert." Besser als bei jedem Tinder-Date.


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