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Liebeskolumne : "Wir sind durchgeratgebert und küchentischpsychologisiert"

Man darf sich nicht in das Leben anderer einmischen, findet NEON-Redakteurin Lena Steeg - macht es aber trotzdem. Und beantwortet die Frage: Warum verzeiht ihr eigentlich so schnell?

Kolumne "Alle irre": Warum verzeiht ihr eigentlich so schnell?

Als Mila erwacht, ist die Welt erkaltet. Trockener Hals, schwere Augen, mit zittrigen Händen ertastet sie den Knopf, drückt. „Wo ist mein Freund?“, fragt sie die Krankenschwester. „Er musste weg, irgendein dringender Termin.“ Sie streicht Mila über die Stirn. „Sie wachen jetzt erst mal in Ruhe auf, und dann bestellen wir Ihnen ein .“ Mila ist meine Freundin. Als sie mir die Geschichte erzählt, räumt ihr Freund gerade nebenan den Esstisch ab. Drei Tage sind seit der OP vergangen, ihre Wunden angeblich verheilt. Aber die Art, wie Mila ihn beim Essen von der Seite gemustert hatte, mit welchem Gesichtsausdruck sie jetzt vor mir sitzt, sagt es trotzdem: Sie hält ihn für ein ziemliches Arschloch. Sie hat ihm verziehen, versöhnt aber hat sie sich längst nicht.

"Haben Sie mal den Stecker gezogen?"

Es gibt diesen Unterschied tatsächlich, die Psychologie beschäftigt sich schon lange damit: Im Gegensatz zum Verzeihen, das nur den Verzicht auf Rache und weitere Wiedergutmachung meint, geht Versöhnung einen Schritt weiter. Wenn unsere Beziehungen Computerprogramme wären, wäre Verzeihen der Expertenrat „Haben Sie mal den Stecker gezogen?“. Versöhnen ist mehr, es bedeutet Neustart.

Nur: Den Stecker zieht halt kaum mehr jemand. Stattdessen labern wir beschwichtigend auf den Bildschirm ein, der unser Leben ist, und wundern uns, wenn er trotzdem irgendwann einfriert. Wann haben wir uns zuletzt gestattet, sauer zu sein? So richtig wütend, so richtig entsetzt von dem, was uns angetan wurde? Ewig nicht. Weil es uns zu dumm ist, weil wir so irre schlau geworden sind in allem, was unsere Gefühlswelt betrifft. Als höchstes Ziel gilt es, Größe zu zeigen, emotionale Intelligenz, eine ausgeruhte Erhabenheit des Geistes über das Gefühl, das ja immer ungezähmt, also kindlich ist.

Wir sind dermaßen durchgeratgebert und küchentischpsychologisiert – es ist erbärmlich

Wenn heute eine Freundin erzählt, dass ihr Freund sie während eines Schwangerschaftsabbruchs wegen eines fucking Jobtermins alleingelassen hat, kann sie dies 20 Sekunden später auf allerlei Ebenen erklären. „Da zeigt sich halt, wie schnell er sich unter Druck setzen lässt … Ich sag nur: fehlende Vaterfigur. Jetzt sucht er sich die Anerkennung im Job.“ Ich fragte meine Freundin an diesem Abend, ob sie verrückt geworden sei. Und ich frage das auch mich. Klar, unser Hyperempathie-Allwissen erlaubt es uns, der freigeistige, verständnisvolle Mensch zu sein, der wir sein wollen. Wie hübsch! Eigentlich aber ist dieses ganze Theater eine Unverschämtheit uns selbst gegenüber.

Denn der ollste, aber wahrscheinlich doch wichtigste Part an der Kunst der Versöhnung bleibt eben trotz aller Emotionsfortbildungsmaßnahmen: die Selbstfürsorge. So elend dieser Vorgang auch ist, weil man sich konfrontieren muss mit dem, was da gerade kaputt getrampelt wurde in einem, weil man sich für einen kurzen Moment also als Opfer anerkennen muss, das nicht alles im Griff hat, das nicht lässig drübersteht – er ist der viel erhabenere Move als jedes vorschnelle „Schwamm drüber“.

Wir müssen uns das bitte trauen: Die Arme verschränken, die Füße in den Boden stampfen, einen Schritt zurücktreten von dem, der uns Leid zugefügt hat, uns die Kleider vom Leib reißen und unsere Wunden zeigen. Wir müssen uns unversöhnlich gegenübergestanden haben, um einander wieder die Hände zu reichen.

Warum verzeiht ihr eigentlich so schnell? Man darf sich nicht in das Leben anderer einmischen, findet NEON-Redakteurin Lena Steeg, 32 – macht es aber trotzdem. Willst du auch, dass Lena sich in dein Leben einmischt? Schreib an: alleirre@neon.de 

 

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