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Plädoyer: Ost-West-Klischees gehören auf den Wühltisch: Warum ich keine regionale Identität brauche

Ist das noch zeitgemäß, dieses Ost-West-Ding? Unsere Autorin ist in Stuttgart aufgewachsen, lebt und liebt nun in Dresden und wird bald einen "Ossi" heiraten. Ein außergewöhnlicher Umstand, laut Statistik. Über einen Exotenstatus, der eigentlich keiner mehr sein darf.

Von Nora Stankewitz

Klischees vom Ost-West-Wühltisch: Warum ich keine regionale Identität brauche

Sehen so zwei Exoten aus? Unsere Autorin Nora Stankewitz (r.) und ihr Freund sind es - zumindest laut Statistik

Nur vier Prozent der Eheschließungen in sind innerdeutsch. Also mit einem Partner aus dem heutigen Gebiet der ehemaligen DDR und dem anderen aus dem heutigen Gebiet der Ex-BRD. Als ich das gelesen habe, schwoll meine Brust ein bisschen an. Stolz wäre das falsche Wort, aber sowas wie Einzigartigkeit vielleicht. Mein Freund und ich sind wohl die absoluten Exoten unter den Paaren in Deutschland. Er in Brandenburg geboren und groß geworden, ich in Baden-Württemberg.

Seit 10 Jahren lebe ich jetzt in . Bald schon werde ich meinen Freund hier auch heiraten. Wir werden weiterhin hier leben und vielleicht hier auch ein paar Mischlingskinder machen. Die sind dann genau so selten, wie Kinder aus deutsch-anderes-Land-Partnerschaften. Ich finde das krass. Kein Wunder, dass den ganzen Eigenarten – Klischees mag ich sie nicht nennen, denn ein bisschen was dran ist ja schon – der beiden Ex-Deutschlands immer noch mit so viel Argwohn begegnet wird.

Ein Satz mit Knalleffekt: "Ich lebe in Dresden"

Wenn ich diesen magischen Satz "Ich lebe in Dresden" in meiner alten Heimat ausspreche, entlocke ich meinen Altersgenossen für mich amüsante Gesichtsentgleisungen. Warum? So richtig weiß ich es auch nicht. Schätzungsweise liegt der Hund aber wie so oft da begraben, wo man ein bisschen unsicher herumstakst. sind doch so unzufrieden, sowieso alle Nazis und überhaupt eher doof. Wegen des Dialekts, versteht sich.

Oft merken sie dann doch noch, dass sie gerade ziemlich seltsam dreinschauen und legen dann schnell einen positiv-überraschten Gesichtsausdruck auf, um entweder zu sagen "Oh cool, ja, ist ne schöne Stadt" oder mit einem zünftigen Ellbogen-Boxer in meinen Intercostalraum augenzwinkernd zu hauchen: "Naja, der Dialekt ist ja schon ganz schön heftig, oder?"

Wenn ich im Gegenzug hier in Dresden darauf angesprochen werde, dass ich doch aber nicht von hier sei, wegen meiner fast dialektfreien Aussprache, und ich dann erzähle, wo ich denn herkomme, sind die meisten sehr freudig überrascht. Vielleicht sind sie stolz auf den Zuzug aus dem Westen. Hat der Osten ja schon genug junge Leute in den Westen der Republik abwandern sehen.

Zwischen Identitätsgesuche und Heimatlosgefühle

In meinem Alltag werde ich ziemlich oft damit konfrontiert, wo ich herkomme, was die Unterschiede sind und wie ich meine Identität eigentlich selbst sehe. Und das obwohl ich nur von nach Dresden umgezogen bin. Ich frage mich dabei immer: Brauchen wir noch eine regionale Identität? Wir sind doch so kosmopolitisch, kennen keine Grenzen. Reisen nach Neuseeland gehören mittlerweile in jeden guten Lebenslauf, Fußmärsche durch Mittelasien sind kein ungewöhnlicher Urlaub mehr und Businesstrips nach New York macht ja jeder Mal. Oder brauchen wir diese Zugehörigkeit gerade deswegen, weil uns vor lauter Weltbürgerlichkeit die Orientierung fehlt?

Also denke ich so darüber nach, was ich denn eigentlich für eine Person bin: Stuttgarterin? Schwäbin? Deutsche? Europäerin gar? Und bei all dem stillen Herumphilosophieren, Identitätsgesuche und Heimatlosgefühle stelle ich fest, dass ich nichts von alldem brauche. Das sind keine Kategorien, in denen ich mich als Person wiedererkenne. Ja, in meinem Pass steht "deutsch", damit darf ich ziemlich problemlos in Europa herumtingeln und jetzt, da ich heirate, brauche ich meine Geburtsurkunde aus einer Kleinstadt bei Stuttgart. Ich spreche deutsch sehr viel besser als irgendeine andere Sprache. Das gehört alles zu mir. Aber ich bin es nicht. Erst recht nicht west- oder ostdeutsch. Ich bin eine Frau. Aktuell Anfang 30. Ich bin verliebt in eine Person männlichen Geschlechts, die ich sehr toll finde. Ich arbeite als Autorin und ich habe wenige, aber sehr gute Freunde. Ich finde mich selbst oft witzig, aber auch saudoof. Das und viele Charaktereigenschaften machen mich zurzeit aus. Wie das in fünf Jahren ist, besprechen wir dann.

Klischees vom Ost-West-Wühltisch

Jedenfalls finde ich, es reicht, wenn Politiker Ost-West-Unterschiede zum Thema machen, weil neueste Statistiken zeigen, wie ungleich viele vor allem wirtschaftliche Entwicklungen noch verlaufen. Da ist das auch wichtig, damit sich das ändern kann. Aber wir stinknormalen Leute müssen uns doch echt nicht daran aufgeilen, wie hinterwäldlerisch Ossis sind und wie arrogant Wessis. Das macht doch eigentlich kein Spaß!

Ich jedenfalls genieße unsere ach so außergewöhnliche Partnerschaft sehr. Ich nehme einfach das beste aller Klischees, die wir nun mal tatsächlich bedienen, mit. Herzige Umarmungen, keine Minute Ruhe mit mindestens zwei Promille im Osten und chillige Urlaubstage, garantiert ohne Kater und auch mal ein Fuffi von der Oma im Westen. Bei meiner Familie in der alten Heimat muss ich auch keine zehn Jahre alten Hausschuhe anziehen, die vor mir garantiert schon mindestens jeder zweite Gast getragen hat, nein, da kann ich meine Schuhe sogar anlassen, wenn ich eine Wohnung betrete. Bei meiner Bald-Schwieger-Familie habe ich eben öfter mal kalte Füße, denn in die Latschen kriegen mich keine zehn Pferde, dafür immer ein Glas Sekt in der Hand. Macht ja auch warm!

Und bis alle anderen in der Republik das begriffen haben, bediene ich mich am Ost-West-Wühltisch eben alleine. Vielleicht nimmt die Statistik meinem Mann und mir ja in zehn Jahren unseren Exotenstatus. Das wäre mal eine gute Nachricht. Ich teile ja gern.


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