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Body Positivity: Wie mir die Kardashians dabei geholfen haben, meinen Körper zu akzeptieren

Mit ihrem vermeintlich zu großen Po fühlte sich unsere Autorin lange Zeit als Außenseiterin. Bis die Kardashians auf der Bildfläche erschienen.

Von Refinery29-Autorin Alya Mooro, übersetzt von Martyna Rieck

Ich habe Kourtney Kardashian diesen Sommer in meiner Heimat Ägypten am Strand gesehen. Eine Horde junger Frauen lief ihr mit dem Handy in der Hand entgegen, in der Hoffnung, ein Foto mit einer der Kardashian-Schwestern zu ergattern.

Am Abend dann, als ich in einer Beach-Bar saß, dachte ich, dass sie genauso gut eine der Einheimischen hätte sein können. Irgendwie war das fast ein schönes Gefühl, dass eine der berühmtesten Frauen der Welt, die für ihr Aussehen gefeiert wird, von ihrem Look her in meinen Freundeskreis passen würde.

In einer Zeit vor den Kardashians hatten wir zwar J.Lo und ihr "Waiting for Tonight"-Video, aber das gängige Beauty-Ideal war trotzdem ein anderes: Attraktive, dünne Blondinen mit blauen Augen wie Britney Spears, Christina Aguilera, Jennifer Aniston und Kate Moss waren auf allen möglichen Magazincovern und in den Mainstream-Medien zu sehen. Ich mit meinem großen Po, braunem Haar, dunkler Haut und braunen Augen fühlte mich nicht repräsentiert.

Für mich war in ihrer Welt einfach kein Platz

Diese Aussage bedeutet eigentlich, dass man sich fehl am Platz fühlt. Es ist, als würde jemand sagen "diese Attribute werden von der Gesellschaft als begehrenswert und normal angesehen und wenn du nicht in diese Kategorie passt, bist du nicht begehrenswert oder normal". Das ist ein beschissenes Gefühl, welches alle Arten von Selbstzweifeln zur Folge hat.

Ich habe meiner über Jahre hinweg dabei zugeschaut, wie sie versuchte, ihren voluminösen Po mit Diäten und allen anderen möglichen Techniken schrumpfen zu lassen. Heute wird versucht, solch ein Hinterteil – auch #Bootygoals genannt ­­– mit puschender Unterwäsche zu kreieren. Auch wenn ich damals eigentlich noch zu jung war, um dem vorherrschenden Schönheitsideal hinterherzulaufen, hatte ich meine Methoden, von meinem Körper abzulenken. Ich trug Kleidung im Oversized-Stil, gewöhnte mir eine gebückte Haltung an, damit ich bloß so wenig Platz wie möglich beanspruchte und ging den beliebten Mädchen aus dem Weg. Ihnen liefen die Jungs scharenweise hinterher. Kein Wunder, sie entsprachen ja auch dem Schönheitsideal. Für mich war in ihrer Welt einfach kein Platz.

Erst als ich mit 13 Jahren für ein Jahr nach Ägypten zog, realisierte ich, dass so viel mehr zum Leben gehört als das Aussehen. Also verbannte ich meine übergroße Kleidung aus dem Schrank und versuchte, meinen Körper so gut es ging zu akzeptieren und zu zeigen. Doch erst als die vor ziemlich genau zehn Jahren mit ihren Apfelpos, buschigen Augenbrauen und Babyhärchen auf der Stirn auf meinem TV-Bildschirm erschienen, fühlte ich mich tatsächlich wahrgenommen.

Auch Demi Lovato sagte während eines Interviews mit 'Access Hollywood' dasselbe und gab an, dass die Kardashians maßgebend an ihrem heutigen, positiven Körpergefühl beteiligt waren: "Sie haben das Schönheitsideal unserer Generation total revolutioniert. Jeder kann über die Kardashians denken, was er oder sie will aber sie haben einer ganzen Menge Frauen geholfen, sich in ihren Körpern wohlzufühlen."

Die Kardashians puschten das Schönheitsideal mit jedem Post – eigentlich mit jedem Schritt, den sie taten – weiter von dem Model-Standard der 90er Jahre weg. Doch wie mit so vielen Dingen, war das alles für eine Zeit lang toll, bestärkend und irgendwie auch brillant – bis es das eben nicht mehr war.

500 Gramm Füllmaterial im Po und unzählige Filler im Gesicht

In den vergangenen Jahren geriet die Familie immer wieder in die Kritik dafür, dass sie unrealistische Schönheitsideale sowie -Operationen bewerben würde. Jennifer Pamplona, ein 24-jähriges australisches Model, hat aktuell über 240.000 Dollar für diverse Eingriffe ausgegeben. Sie ließ sich unter anderem vier Rippen entfernen, 500 Gramm Füllmaterial in den Po implantieren und unzählige Filler ins Gesicht spritzen. Beim Scrollen durch den eigenen Instagram-Feed sieht man heute die Folgen. Fast jeder sieht heute gleich aus: konturiertes Gesicht, volle Lippen, schmale Taille und praller Po.

Auch wenn noch ein langer Weg vor uns liegt, in Bezug auf Inklusion aller Frauen und Männer in den Mainstream, würden sich die Kardashians sicher freuen, in den Köpfen der Menschen als so etwas wie 'die Bringer eines Hoffnungsschimmers für Frauen mit Kurven' in Erinnerung bleiben würden. Das Problem daran ist, dass Kim, Kourtney und Khloé heute kaum mit sich selbst mithalten können. Der Babyflaum und die buschigen Augenbrauen wurden weggelasert, weitere Operationen folgten und Kim hat sogar Bodyshaming bei sich selbst praktiziert, indem sie Hashtags wie #SkinnyDay verwendete. Kurz: Sie sind zu Karikaturen des Ideals geworden, das sie einführten.

Trotzdem darf man nicht vergessen, dass die Kardashians neben weiteren Ladies wie Beyoncé, Jennifer Lopez und Nicki Minaj Frauen wie mir dabei geholfen haben, die Schönheit in meinem eigenen Körper zu erkennen. Am Ende wollen wir eben alle wahrgenommen und repräsentiert werden. Wir wollen dazugehören und uns nicht so fühlen, als müssten wir uns klein machen. Darum ist es wichtig, dass eine Gruppe von Frauen vor zehn Jahren lauthals gegen das gängige Schönheitsideal gekämpft und selbstbewusst gesagt hat: "Hier sind wir, so sehen wir aus und uns ist egal, was ihr darüber denkt. Oh, und hier ist ein Selfie, mit dem ich all das unter Beweis stelle." Diesen Satz sollten wir uns alle merken, denn er ist sicherlich besser, als die Alternative.

In diesem Sinne sage ich: "Happy zehnjähriges Jubiläum an alle Kardashians!" Möget ihr euch ewig selbst lieben und uns damit zu bestärken, dasselbe zu tun.